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Auf erfolgreicher Bergtour

1:0 gegen Lettland und bei Halbzeit der WM-Qualifikation auf Kurs. Aber die Schweiz hat auch einen Makel: Im Gegensatz zu Konkurrent Portugal erzielt sie zu wenig Tore.

Yann Sommer Für alle, die es nicht mitbekommen haben: Yann Sommer trug Leuchtgelb. Das war nicht zu übersehen, wenn es der Goalie ins TV-Bild schaffte - was allerdings nur im Ausnahmefall vorkam. Wenn die Letten gerade wieder einmal hinters Tor flankten beispielsweise. Oder Djourou wie Djourou spielte. Aber dazu später.
Yann Sommer Für alle, die es nicht mitbekommen haben: Yann Sommer trug Leuchtgelb. Das war nicht zu übersehen, wenn es der Goalie ins TV-Bild schaffte - was allerdings nur im Ausnahmefall vorkam. Wenn die Letten gerade wieder einmal hinters Tor flankten beispielsweise. Oder Djourou wie Djourou spielte. Aber dazu später.
Keystone
Stephan Lichtsteiner Er lief und lief, wie er das immer tut. Einmal tauchte er gar am linken Flügel auf, und besonders dabei war, dass das in der 94. Minute geschah, als sechs Schweizer zum Gegenangriff ansetzten. Nachher war das Spiel aus. Und für Lichtsteiner galt: Er hatte seriös gearbeitet. Und sogar den Schiedsrichter für einmal in Ruhe gelassen.
Stephan Lichtsteiner Er lief und lief, wie er das immer tut. Einmal tauchte er gar am linken Flügel auf, und besonders dabei war, dass das in der 94. Minute geschah, als sechs Schweizer zum Gegenangriff ansetzten. Nachher war das Spiel aus. Und für Lichtsteiner galt: Er hatte seriös gearbeitet. Und sogar den Schiedsrichter für einmal in Ruhe gelassen.
Keystone
Remo Freuler Debütant Nummer 13 unter Trainer Petkovic. Aber mit zehn Minuten zu kurz auf dem Platz, um bewertet werden zu können.
Remo Freuler Debütant Nummer 13 unter Trainer Petkovic. Aber mit zehn Minuten zu kurz auf dem Platz, um bewertet werden zu können.
Keystone
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Die Ausgangslage«Fünf Pässe bezwungen»

Die Rangliste ist zum Ausschneiden. 1. Schweiz 15. 2. Portugal 12. 3. Ungarn 7. Die Rangliste sagt: Die Schweiz ist auf gutem Weg an die nächste WM 2018 in Russland. Oder ­zumindest sagt sie: Einen Platz in der Barrage der Gruppenzweiten hat sie unter normalen Umständen bereits auf sicher.

Nationalcoach Vladimir Petkovic ist dieses Denken aber zu forsch. «Es ist erst die Hälfte eines Zyklus vorbei», sagt er, «wir sollten nicht schon vom Viertelfinal in Russland reden.»

Das 2:0 gegen Portugal und das 3:2 in Ungarn tragen Zinsen, vor allem dieses 2:0 gegen den Europameister. Denn es hat den Schweizern alle Trümpfe in die Hände gespielt. Siege auf den Färöern, gegen Andorra und in Lettland vorausgesetzt, reichen ihnen zwei Unentschieden in den letzten beiden Spielen gegen Ungarn und Portugal zur direkten WM-Qualifikation.

Doch das Bild soll nicht trügen. Die Schweizer haben bislang auch eine Schwäche offenbart: Sie schiessen, trotz aller Vorteile bei Ballbesitz und Chancen, kaum Tore. 8:3 lautet ihr ­Goalverhältnis aus den vier Partien gegen Ungarn, Andorra, Färöer und Lettland, 19:1 jenes von Portugal. Die Erkenntnis daraus heisst: Lässt Portugal nicht nach und steigert sich die Schweiz in der Offensive nicht, braucht sie im Direktduell zum Ende der Qualifikation am 10. Oktober unbedingt ein positives Ergebnis – um nicht noch im letzten Moment von Platz 1 verdrängt zu werden.

Darum nochmals Petkovic: «Wir haben erst fünf kleine Pässe bezwungen, am sechsten müssen wir uns versuchen. Wir müssen unseren Vorteil behalten.»

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Die EinwechslungenPetkovics Glücksgriffe

Das Bild zeigt einen Trainer, der mit ausgestreckten Armen und geballten Fäusten in die Luft springt, stilistisch einwandfrei sieht das aus, und wie es ihm geht, lässt sich aus dem Gesicht ablesen: Vladimir Petkovic schreit sein Glück in die Nacht hinaus. Es ist auch ein Schrei der Erleichterung – der Coach hat im verrückten EM-Qualifikationsspiel im September 2015 gegen Slowenien die Spieler eingewechselt, die spät aus dem 0:2 ein 3:2 gemacht haben: Embolo, Drmic, Stocker. 80. Minute: Vorlage ­Embolo, Tor Drmic, 1:2. 83. Tor Stocker, 2:2. 94. Drmic 3:2.

In der WM-Qualifikation 2018 gegen Ungarn in Budapest ist Valentin Stocker ein unbeachteter Reservist. Bis er von Petkovic nach 88 Minuten für Mehmedi aufs Feld geschickt wird. Und ihm ein paar Sekunden später, in der 89. Minute, der Siegtreffer zum 3:2 gelingt.

Nun also ein drittes Beispiel, diesmal gegen Lettland in Genf, und diesmal liegt Petkovic erneut mit Drmic richtig, nach 64 Minuten ersetzt er Mittelfeldspieler Fernandes durch den Stürmer. «Wir haben viele Flanken geschlagen, aber im Zentrum waren wir zu wenig präsent», erklärt Petkovic seine Über­legung, «darum habe ich mit Drmic etwas versucht.»

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Der Matchwinner92 Sekunden

Vor einem Jahr lag Josip Drmic mit Krücken daheim auf dem Sofa und haderte mit dem Schicksal. Am 13. März hatte er sich, im Trikot des Hamburger SV, gegen Leverkusen eine schwere Knieverletzung zugezogen. Knorpelschaden lautete die Diagnose, die ihn nicht nur die EM-Teilnahme, sondern ein ganzes Jahr kostete. Als der 24-Jährige im Sommer nach Mönchengladbach zurückkehrte, dauerte es Monate bis zu seinem Comeback. Nach 273 Tagen Verletzungspause erhielt er beim 1:0 gegen Mainz ein paar Sekunden Einsatzzeit.

Drmic sagt nun, er habe 2016 zwar kaum Fussball spielen können, dafür viel gelernt. Er las Geschichten von anderen Sportlern, die Rückschläge wegstecken mussten, er interessierte sich für Anatomie und Ernährung – «ich bin in vielen Belangen stärker geworden, vor allem mental. Ich lasse mich nicht mehr aus dem Gleichgewicht bringen».

Für Nürnberg erzielte Drmic 2013/14 in 33 Bundesligaspielen 17 Tore; in Leverkusen waren es in 25 Partien noch 6 in einer Saison; dann bezahlte Mönchengladbach für ihn 10 Millionen Euro – aber noch warten sie am Niederrhein auf Tore des Schweizers. Jetzt kehrt zu ihnen aber immerhin ein Drmic mit gestärkter Moral zurück. «Wir hoffen, dass er nun auch für uns noch mehrere Male bis Ende Saison trifft», sagt Sportdirektor Max Eberl. Gegen Lettland hat er für sein 9. Tor im 26. Länderspiel lediglich 92 Sekunden gebraucht. Und danach unter dem Eindruck seiner Verletzungsgeschichte gesagt: «Es ist unbeschreiblich, wie ich mich fühle. Für Momente, wie ich sie nun gegen Lettland erlebt habe, spiele ich Fussball.»

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Das KaderEine zweite Auswahl

Rund 50 Schweizer Spieler hat Vladimir Petkovic auf seinem Radar, wenn er daheim im Tessin an einem Wochenende Fussball schaut. Er kennt die Details von ihnen so gut, dass er nicht gross nachdenken muss, wenn er über einen referieren soll. Seit der letztjährigen EM hat er seinen Stamm, der die Mannschaft trägt: Sommer; Lichtsteiner, Schär, Djourou, Rodriguez; Behrami, Xhaka; Shaqiri, Dzemaili, Mehmedi und Seferovic.

Aber nicht immer steht jeder von ihnen zur Verfügung. Shaqiri fehlte gegen Portugal, Embolo vertrat ihn vorzüglich. Xhaka fehlte in Ungarn, Dzemaili rückte eine Linie nach hinten. In Andorra war Behrami unpässlich, dafür half Gelson Fernandes aus. Gegen die ­Färöer wurde Embolo von Stocker ersetzt und baute Petkovic auf Derdiyok statt auf Seferovic. Gegen Lettland war das nicht anders. Moubandje vertrat Rodriguez und Gelson Fernandes den ebenfalls angeschlagenen Behrami. Die Mannschaft behielt ihre Identität und erfüllte die Pflicht, ohne dass sie nun gleich jedes Mal gezwungen gewesen wäre, über­ragend aufzutreten wie gegen Portugal.

Am Samstag kamen Steven Zuber und Remo Freuler zu ihren Debüts, sie waren die Neulinge 12 und 13 in der nun 1000-tägigen Amtszeit von Petkovic. Sie sind zwei neue Gesichter, die seinen Spielraum vergrössern. Denn hinter dem Stamm warten weitere Spieler wie Bürki, Hitz, Lang, Elvedi, Klose, Widmer, Stocker, Gelson und Edimilson Fernandes, Frei, Zuffi, Zakaria, Embolo, Derdiyok oder Drmic auf ihre Chance. Auch aus ihnen liesse sich eine ganz brauchbare Mannschaft basteln.

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Der RekordZahlen der Akzeptanz

In den grauen Vorzeiten verlor die Schweiz gegen Ungarn 0:9, 1:6 oder 0:8. Aus solchen Zeiten stammt der Rekord mit fünf Siegen in Serie, den die aktuelle Generation in Genf eingestellt hat. Zwischen April 1960 und Mai 1961 besiegte das Team von Karl Rappan Chile 4:2, Holland 3:1, Frankreich 6:2, Belgien 4:2 und 2:1. Solche Zahlen bedeuten Petkovic nichts, «ich habe meine Zeit nicht auf Wikipedia verbracht», sagt er, «ob vier, fünf, sechs oder acht Siege: Hauptsache, wir gewinnen». Und doch ist es die Statistik, die den Erfolg eines Trainers und seine Akzeptanz untermauert.

Köbi Kuhn verlor einmal nur eines von 26 Spielen, und Ottmar Hitzfeld brachte es auf eine Serie mit 14 Spielen ohne Niederlage, die ganze Qualifikation für die WM 2014 eingeschlossen. Petkovic steht jetzt bei zehn Spielen ohne Niederlage, die EM und die erste Hälfte der laufenden WM-Qualifikation inbegriffen. (Das verlorene Elfmeterschiessen gegen Polen zählt statistisch nicht als Niederlage.) Seine ­Serie lässt sich gut ausbauen: Die nächsten Gegner der Schweiz heissen Weissrussland, ­Färöer, Andorra und Lettland.

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Der HerausfordererÜberzeugte Portugiesen

Cristiano Ronaldo fehlte beim Auftakt zur Qualifikation, Europameister Portugal verlor in der Schweiz 0:2. Danach kehrte der Captain zurück und traf: 4-mal gegen Andorra, 1-mal gegen die ­Färöer, 2-mal gegen Lettland, nun 2-mal beim 3:0 gegen Ungarn. 9 von 19 Toren hat der 32-jährige Captain erzielt und für die Fortsetzung der Kampagne die gleichen Worte gebraucht wie Trainer Fernando Santos: «Uns stehen noch fünf ­Finalspiele bevor, in denen wir uns keinen Ausrutscher leisten können.»

Die Zweifel in Portugal sind überschaubar. Die Überzeugung, dass es mit der direkten Qualifikation für die WM klappt, ist gross. «Wir haben eine Mannschaft mit viel Persönlichkeit», sagt TV-Journalist Nuno Luz, «und diese Mannschaft besteht nicht nur aus Ronaldo, sie hat auch ganz viele überragende Junge wie André Silva, Renato Sanches oder André Gomes. Die Ausgangslage spricht für uns. Wir rechnen mit vier Siegen, bis die Schweiz zu uns kommt. Und dann reicht uns ein 1:0 für die WM-Teilnahme.»

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