Ausflug in die Wunderwelt

Der FC Zürich trifft im Europa-League-Sechzehntelfinal auf Napoli. Es ist der Club aus der Stadt, in der sie Maradona vergöttern und Juventus hassen.

Er war schon 1984 Neapels Volksheiliger und ist es bis heute: Diego Maradona. Foto: Vittorio La Verde (AGF, Rex)

Er war schon 1984 Neapels Volksheiliger und ist es bis heute: Diego Maradona. Foto: Vittorio La Verde (AGF, Rex)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Manchmal kehrt Diego Maradona nach Neapel zurück. Fast 30 Jahre ist es her, dass sie ihn aus der Hafenstadt wegschicken mussten. Wegen einer positiven Dopingprobe – Kokain, 1991.

Held geblieben ist Maradona trotzdem. Sieben Jahre hat er für die SSC gespielt. Als er bei seiner Vorstellung 1984 im Stadion San Paolo ein paarmal mit dem Ball jonglierte, schauten 75000 zu. Drei Jahre später wurde Napoli zum ersten Mal, 1990 zum zweiten Mal Meister. Es gab Leute, die verkauften ihr Auto, um sich ein Ticket für die entscheidenden Partien leisten zu können.

Seit den grossen Tagen hängen Maradonas Bilder überall in der Stadt, wahrscheinlich wird sich daran gar nie etwas ändern. Und wenn Maradona jetzt manchmal wiederkommt für ein paar Tage oder vielleicht auch nur Stunden, ist gleich die ganze Stadt in Aufregung. Vor seinem Hotel sammeln sich dann die Tifosi und singen die alten Lieder.

Eine Schönheit mit Sorgen

Neapel ist eine famose Stadt. Wunderschön gelegen mit Blick auf Vesuv und Meer. Mit einer grandiosen Altstadt. Am Hafen fahren die Schiffe nach Capri und Ischia. Neapel ist aber auch ­geprägt von vielen Sorgen. Die Arbeitslosigkeit, die Camorra, die bröckelnden Fassaden und gefährlichen Vorstädte. Und unter der Erde köchelt das Magma.

Nie aber pulsiert Neapel heftiger, als wenn es der Societa Sportiva Calcio gut geht. Und es geht ihr gerade ziemlich gut. Klar, da ist das Out in der Champions League gegen PSG und ­Liverpool trotz nur einer Niederlage in sechs Partien. Und klar, da ist die ewig verhasste Juve – und sie ist wirklich verhasst da unten. Juventus ist der Erzfeind, gewinnt die Meisterschaft seit 2012 ohne Unterbruch. Nicht, weil es besonders viel besser ist, sondern weil oft der Schiedsrichter nachhilft – da sind sie zumindest in Neapel ganz sicher.

In den vergangenen drei Jahren war die SSC Zweiter, Dritter, Zweiter. Auch jetzt steht Napoli auf Platz 2. Natürlich hinter Juve, acht Punkte. Carlo Ancelotti kam im Sommer als Trainer für den zu Chelsea gezogenen Maurizio Sarri. Im Team hat Marek Hamsik (31) Volksheldstatus: Der Slowake macht seine zwölfte Saison; vor ziemlich genau einem Jahr überholte er Maradona mit dem 116. Tor als Rekordtorschütze.

Ruhig Leben? Unmöglich!

Es gibt ein Video auf Youtube, wie Hamsik im Dunkeln in der Altstadt mit Buben kickt. Wer als Fussballer für Napoli spielt, verzichtet auf einen Teil seines Lebens. Essen gehen in der Innenstadt, schnell eine neue Jeans kaufen, einen Espresso am Lungomare – schwierig. Die Stadt belagert ihre Helden überall.

Sportlich ist Napoli an einem normalen Tag zu gut für den FCZ. Das liegt nicht unbedingt an Hamsik, der schon dominanter war. Aber an Kalidou Koulibaly, einem Turm von Innenverteidiger (1,95 m). Im Mittelfeld ist der Brasilianer Allan prägend. Und richtig ungemütlich kann es werden, wenn Napoli vorne Tempo macht mit dem italienischen Nationalspieler Lorenzo Insigne, mit dem belgischen Nationalspieler Dries Mertens, mit dem Spanier José María Callejon sowie dem polnischen Nationalstürmer Arkadiusz Milik. In der Serie A hat nur Juventus auch 33-mal getroffen in 16 Durchgängen. Der FCZ als Gegner – im Süden sind sie zufrieden damit. «Napoli geht es gut, Zürich ist der nächste Gegner», schreibt «Il Mattino». Doch auch beim FCZ ist die Lust gross auf zwei Spiele gegen diesen Club aus der Fussballwunderwelt. Vielleicht einfach weniger aus sportlicher Sicht.

Sportchef Thomas Bickel spricht von einem «sehr schwierigen Los». Trainer Ludovic Magnin sieht beim Gegner «hervorragende Spieler». Aus finanziellen Gründen aber ist es für den FCZ ein Traumlos. Die Tifosi werden den Letzigrund ziemlich sicher bis auf den letzten Platz füllen. So wie sie das zu Maradonas Zeiten 1989 taten, als im Uefa-Cup der FC Wettingen Gegner war, für sein Heimspiel nach ­Zürich auswich und ein 0:0 erkämpfte (Rückspiel 1:2). Napolis nächster Besuch in der Stadt dürfte dem FCZ rund 2 Millionen Franken brutto an Zuschauereinnahmen bringen.

Erstellt: 17.12.2018, 22:52 Uhr

Artikel zum Thema

Happiger Brocken für den FCZ in der Europa League

Die Zürcher treffen im Sechzehntelfinal auf den Serie-A-Verein Napoli. Mehr...

Viel Geld und wenig Hoffnung für den FCZ

Kommentar Maradona-Club Napoli wird im Europa-League-Sechzehntelfinal den Letzigrund füllen. Sportlich sind die Chancen für den FCZ allerdings klein. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

History Reloaded Vom Liebling Hitlers zum Verräter

Mamablog Aufklärung schützt vor sexueller Gewalt

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Kampf gegen das Aussichtslose: In Kalifornien versuchen die Feuerwehrleute immer noch das Ausmass der Buschfeuer einzugrenzen. (11. Oktober 2019)
(Bild: David Swanson) Mehr...