Barça-Legende geht – wegen ihres Weins

Andrés Iniesta wird seinen Jugendverein verlassen. Zum Ende seiner Karriere wittert er nochmals eine grosse Chance.

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Er hat es schon wieder getan. Einmal mehr schafft es Andrés Iniesta, Menschen in Spanien ihren Schmerz vergessen zu lassen. Dieses Mal in der 88. Minute des spanischen Cupfinals, bei seiner Auswechslung. Alle stehen sie auf, im Wanda Metropolitano, der imposanten neuen Spielstätte von Madrid. Restlos alle – nicht nur die Barça-Fans. Auch die Anhänger des FC Sevilla, einige von ihnen weinten zuvor ob des 0:5-Debakels ihrer Lieblingsmannschaft. Und mit dem herrlichen Treffer zum 4:0 trug Iniesta massgeblich dazu bei. Doch für einen kurzen Augenblick spielt das keine Rolle mehr. Aller Frust, alle Sorgen sind für diesen Moment verschwunden. Wie am 11. Juli 2010. Wegen des 11. Juli 2010.

Denn es war der blasse, scheu wirkende Mittelfeldspieler, der Spaniens Fussballgeschichte endgültig umgeschrieben hatte. Vom ewig scheiternden Geheimfavoriten zum Weltmeister. Er war es, der im WM-Final 2010 gegen Holland in der Verlängerung den entscheidenden Treffer erzielte, der Spanien seinen ersten und bisher einzigen Weltmeistertitel bescherte. Ein Tor, das mitten in der Wirtschaftskrise für mehrtägigen Freudentaumel sorgte und noch heute manchem Fussballfan auf der iberischen Halbinsel Tränen in die Augen treibt, wenn er sich daran erinnert. Iniesta war es auch, der den Angriff mit einem Absatztrick selber eingeleitet hatte. Eine Szene, die aufgrund des darauffolgenden historischen Ereignisses in Vergessenheit geriet, aber seine Fussballkarriere besser umschreibt als sein Tor wenige Sekunden später.


Video: Iniestas Tor für die Ewigkeit Der Spanier erzielt im WM-Final 2010 gegen Holland den Siegtreffer. Video: Tamedia


Eleganz, Ruhe am Ball und immenses Spielverständnis, das sind einige der Gaben, die den 1,71 Meter kleinen, schmächtigen Rechtsfuss zu einen der besten Mittelfeldspieler der Geschichte machen. Sogar Real-Captain Sergio Ramos sagte kürzlich: «Wenn er Andresinho hiesse, hätte er zwei Ballons d'Or.» France-Football-Chefredaktor Pascal Ferré entschuldigte sich Anfang Woche in einem Artikel bei Iniesta, dass das Fussballmagazin ihm bisher keinen Goldenen Ball verleihen konnte. Und Barça-Präsident Josep Maria Bartomeu erklärte am Donnerstag: «Andrés hat unsere erfolgreiche Ära seit 2004 geprägt.» Mit dem sehr wahrscheinlichen Ligatitel kommt der Mittelfeldspieler auf 32 Titel in 16 Saisons mit Barça.

«Iniesta für immer»

Noch Anfang Oktober 2017 schien Iniestas Ära bei Barça ewig anzuhalten. Er verlängerte seinen Vertrag – «auf Lebzeiten», hiess es. «Iniesta per sempre», Iniesta für immer. Im Nachhinein scheint die Erneuerung des Arbeitspapiers eine Vorbereitung auf den Abgang. Denn es wurde eine Klausel eingebaut, dank der der bald 34-Jährige jedes Jahr ablösefrei wechseln darf, sofern er seinen Wechselwunsch vor dem 30. April kommuniziert. Und das hat er jetzt platziert. Während einer eigens dafür einberufenen Pressekonferenz, schluchzend: «Heute ist ein sehr schwerer Tag für mich.» Anscheinend nicht nur für ihn: Mitspieler wie Jordi Alba, Aleix Vidal oder Thomas Vermaelen weinten hemmungslos, auch Gerard Piqué und Ivan Rakitic hatten Tränen in den Augen.

Die Ewigkeit dauerte also kein halbes Jahr. Nach 22 Jahren verlässt Iniesta den FC Barcelona. Zu lukrativ waren die Angebote aus China. Gemäss spanischen Medien wird er bei Chongqing Danghai Lifan oder Tianjin Quanjian einen Zweijahresvertrag unterschreiben, zu einem Salär von rund 35 Millionen Euro pro Saison. Allerdings sei es nicht der astronomische Lohn gewesen, der den Barça-Captain zum Abschied bewog. Zusätzlich sicherte ihm sein neuer Arbeitgeber zu, jede Saison mindestens zwei Millionen Flaschen der «Bodega Iniesta», seiner Weinmarke, zu kaufen. Ein nicht zu unterschätzender Anschub im chinesischen Markt – Experten gehen davon aus, dass Iniestas Wein dadurch zu einem der meistverkauften weltweit werden kann.

Die Angebote bestätigte Iniesta nicht, als Grund nannte er: «Ich wollte den Verein verlassen, solange ich noch kein Problem für ihn bin.» Er wolle sich nichts vormachen: «Ich bin bald 34. Es gehört zum Gesetz des Lebens, dass ich nicht mehr auf meinem besten Level sein werde – das möchte ich mir und Barça nicht antun.» Wo er unterschreiben wird, liess Iniesta noch offen, bis die Saison vorbei ist: «Es gibt noch ein paar wenige Details zu klären.» Auf keinen Fall werde er aber zu einem Club gehen, der mit Barça konkurriert.

Ebenfalls liess er noch offen, ob er eines Tages zu seinem Herzensclub zurückkehren wird. Dafür sei es noch zu früh: «Jetzt gilt es zuerst die Saison fertig zu machen und, so Gott will, die Weltmeisterschaft zu spielen.» Auch wenn Iniesta bei der WM den perfekten Abschied aus Europa feiern könnte, hängt sein Legendenstatus in Spanien nicht (mehr) vom Titel ab. Denn im Gegensatz zum Vertrag mit Barça bleibt in Spanien die Erinnerung an den 11. Juli 2010 für immer.

Erstellt: 27.04.2018, 16:56 Uhr

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