Bayern ist Hoeness’ Leben – nun geht er

Der legendäre Manager machte den Club zu einer Weltmarke mit Millionen-Umsatz. Nach 40 Jahren tritt er ab – ganz verschwinden kann ein Hoeness nie.

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Die ARD ist stolz, dass sie Uli Hoeness für ein Interview vor die Kamera gebracht hat. Es ist sein erstes seit Jahren. Eine Dreiviertelstunde dauert das Porträt, viele Weggefährten kommen darin zu Wort, der aktuelle Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge, der künftige Vorstandschef Oliver Kahn, der künftige Aufsichtsratschef Herbert Hainer.

Die Sprecherin des Films nennt ihn einen Mann, «den man am besten im Widerspruch versteht». Der Satz ist perfekt, weil Hoeness so vieles ist: Moralprediger und Steuerhinterzieher, Topmanager und Kleinbürger, Grossspender und Börsenzocker, CSU-Freund und AfD-Gegner – «das alles ist Uli Hoeness, der grösste Manager, den der deutsche Fussball je hatte». Auch das heisst es im Film «Schlusspfiff für Uli Hoeness».

Am Freitagabend ist Schluss, zumindest im ganz grossen Amt. Mit 67 Jahren tritt dieser Uli Hoeness als Aufsichtsratsvorsitzender der FC Bayern München AG zurück – und dazu als Präsident des FC Bayern München eV. Um 19 Uhr beginnt die Jahreshauptversammlung des Vereins in der Münchner Olympiahalle, sie fasst 11'000 Plätze und wird ausverkauft sein. Wer betrunken ist, erhält keinen Zutritt. Es soll nicht einmal Freibier geben.

Vom Instinkt verlassen

Das gab es noch, als Uli Hoeness neun Monate nach seiner Entlassung aus der Haft zum FC Bayern zurückkehrte und mit 98,5 Prozent der Stimmen als Präsident wiedergewählt wurde. «Das deutliche Wort wird weiter mein Markenzeichen sein», sagte er damals, am 25. November 2016, «ich werde sicher nicht herumeiern.»

Er hat seither nicht herumgeeiert. Aber er ist zunehmend herumgeirrt. Der Instinkt hat ihn dann und wann verlassen, wann und wie er das deutliche Wort ergreifen muss.

Etwa an der denkwürdigen Pressekonferenz des Vereins im Oktober letzten Jahres, als es so viel um die Würde des Menschen ging: Da donnerte er zuerst, er erwarte Anstand für die Spieler. Und sagte im nächsten Satz über den ehemaligen Verteidiger Juan Bernat, was der für «einen Scheissdreck» gespielt habe.

Mesut Özil warf er nach seinem Rücktritt aus der Nationalmannschaft vor, «seit Jahren einen Dreck» gespielt zu haben. Jüngst ging er auf Marc-André ter Stegen los und drohte, falls der den Platz von Manuel Neuer als Nummer 1 im deutschen Tor erhalte, würde Bayern keine Spieler mehr fürs Nationalteam abstellen.

«Ich bin der tiefste Fan.»

Am vergangenen Sonntag rief er im «Doppelpass» an, einer Diskussionssendung auf Sport1. Einem Journalisten hielt er vor, keine Ahnung zu haben. Und das tat er nur, um bellend seinen Sportchef Hasan Salihamidzic zu verteidigen. Eine Zeitung schrieb kürzlich über Salihamidzic, er sei «erstaunlich kompetenzfrei». Hoeness hätte diese Formulierung, so treffend sie auch ist, vor Wut das Bayern-Rot ins Gesicht getrieben, wenn er sie gelesen hätte. Das ist immer passiert, wenn er einen Angriff auf seinen Verein witterte, über den er sagt: «Ich bin der tiefste Fan.»

Der Verein ist sein Leben. Mit 18, im Sommer 1970, wird er Profi beim FC Bayern, er ist der Metzgersohn aus Ulm, der samstags im Laden an der Kasse stand, und wenn am Ende des Tages einmal zehn Mark fehlten, wurde der ganze Laden auseinandergenommen. Mit 20 wird er Meister und Europameister, mit 22 Meister, Meistercupsieger und Weltmeister, mit 24 zum dritten Mal Meistercupsieger in Folge.

In dem Jahr, 1976, hat er schon Probleme mit einem Knie, zwölf Monate zuvor hat es ihm Terry Yorath von Leeds im Final des Meistercups «demoliert», wie es Rummenigge formuliert. Vier Jahre nach diesem Foul von Yorath endet Hoeness’ Karriere als sprintender Stürmer. Das Knie macht nicht mehr mit.

«Ich werde versuchen, das Menschliche immer in den Vordergrund zu stellen»

Der FC Bayern macht zu der Zeit 12 Millionen Mark Umsatz und hat 7 Millionen Schulden. Hoeness wird Manager, über Nacht, aus dem Nichts, mit 27. «Ich werde versuchen, das Menschliche immer in den Vordergrund zu stellen», sagt er.

Die Menschen vergisst er nie. «Hund bei Hoeness» hat der frühere Spieler Mehmet Scholl einmal auf die Frage gesagt, was er im nächsten Leben sein möchte. Hoeness ist der moralische Mensch, der gerne hilft und gerne spendet, aber er vergisst den Menschen, wenn der zum Gegner für seinen Verein wird. «Dann hat der Uli Hoeness sein breites Kreuz hingehalten», sagt Hoeness heute selbst.

«Eure Scheiss-Stimmung – da seid ihr doch dafür verantwortlich und nicht wir.»

Er bricht wiederholt in aller Öffentlichkeit einen Streit vom Zaun, oder er tritt nach. Dafür sucht er sich selbst den eigenen Trainer oder die eigenen Fans aus. Über Trainer Louis van Gaal sagt er: «Er hält sich für Gott-Vater. Bevor die Welt existierte, war Louis schon da.» Oder den Fans schleudert er einmal entgegen: «Eure Scheiss-Stimmung – da seid ihr doch dafür verantwortlich und nicht wir.» Er ist die Abteilung Attacke.

Hoeness ist viele Jahre lang nicht nur der Herrscher über den FC Bayern, er wird landesweit auch zum «mehrheitsfähigen Moralisten», wie ihn die ARD bezeichnet. Er sitzt am Fernsehen in den grossen Talkshows und hat zu allem etwas zu sagen: zu Steuerpolitik, Wirtschaftsfragen, Bundeskanzlerin Angela Merkel, zur grossen Politik eben. Selbst Kardinal Lehmann hört ihm in einer Runde gebannt zu.

Zur Feier seines 60. Geburtstages wird Hoeness von Karl-Heinz Rummenigge, dem Vorstandsvorsitzenden des Vereins, als «Mutter Teresa» bezeichnet und mit Nelson Mandela verglichen. Es geht keine Nummer grösser mehr. Das ist Anfang 2012. Knapp eineinhalb Jahre später gewinnt Bayern nochmals die Champions League.

Vom Eckladen zur Weltmarke

Zu der Zeit kämpft Hoeness bereits gegen den Vorwurf der Steuerhinterziehung. Er ist das Opfer seiner Sucht geworden, an der Börse auf die Entwicklung von Währungen zu wetten. Über 50 000 Transaktionen sollen es innert zehn Jahren gewesen sein, er sagt: «Das war der Kick, pures Adrenalin.»

«Die Scheinheiligkeit dieser Gesellschaft kotzt mich an.»

Er hinterzieht Steuern in Höhe von 28,5 Millionen Euro und wird dafür zu einer Haftstrafe von drei Jahren und sechs Monaten verurteilt. Er verzichtet auf einen Einspruch. Und gelobt dafür den Mitgliedern von Bayern: «Und dann, wenn ich zurück bin, werde ich mich nicht zur Ruhe setzen! Das war es noch nicht!» Die Halle kocht und ruft tausendfach: «Uli Hoeness!»

Danach verschwindet er nur für 21 Monate im Gefängnis. Mit ihm geht ein Mann, der einst sagte: «Die Scheinheiligkeit dieser Gesellschaft kotzt mich an.»

Kein gewöhnliches Mitglied im Aufsichtsrat

Beim FC Bayern ist er gut acht Jahre Spieler, über dreissig Jahre Manager und knapp acht Jahre Präsident. Der Verein ist kein Eckladen mehr, sondern eine Weltmarke mit 750 Millionen Euro Jahresumsatz und 497 Millionen Eigenkapital. Er hat ein Stadion für 340 Millionen selbst finanziert. Das ist Hoeness’ Werk. Als Spieler und Funktionär hat er 24 Meisterschaften und 6 europäische Titel gewonnen.

Jetzt also mag er nicht mehr Präsident sein, er hat genug. Aber er wird nicht verschwinden, weil ein Hoeness nie ganz verschwinden kann. Er bleibt einfaches Mitglied im Aufsichtsrat, und doch wird er kein gewöhnliches sein, sondern ein wortgewaltiges. Jedenfalls sagt er: Er werde den Club «wie eine Glucke bewachen». Die Abteilung Attacke als Glucke. Was für ein Bild.


Dritte Halbzeit – der Tamedia Fussball-Podcast

Die Sendung ist zu hören auf Spotify, bei Apple Podcasts oder direkt hier:

Erstellt: 15.11.2019, 21:41 Uhr

Uli Hoeness

Geburtstag: 5. Januar 1952 in Ulm

Profi-Laufbahn: Mittelfeldspieler, Aussenstürmer
- FC Bayern München (1970 bis 1978)
- 1. FC Nürnberg (1978 bis 1979)
- 250 Bundesligaspiele mit 86 Toren
- 35 Länderspiele mit 5 Toren
Karriereende wegen chronischer Knieverletzung 1979, danach bis 2009 Manager des FC Bayern. Vom 27. November 2009 bis 14. März 2014 Bayern-Präsident. Seit dem 25. November 2016 wieder Präsident.

Titel als Spieler: Europameister 1972, Weltmeister 1974, dreimal Europapokalsieger der Landesmeister 1974 bis 1976, dreimal deutscher Meister, einmal DFB-Pokalsieger, Weltpokalsieger 1976, Olympia-Teilnehmer 1972

Titel als Manager: Champions-League-Sieger 2001, Uefa-Cup-Sieger 1996, 16-mal deutscher Meister, neunmal DFB-Pokalsieger, Weltpokalsieger 2001

Titel als Präsident: sechsmal deutscher Meister, dreimal DFB-Pokalsieger, Champions-League-Sieger 2013, Sieger europäischer Super-Cup 2013, Sieg Club-WM 2013

Privates: Uli Hoeness ist verheiratet und hat zwei Kinder.

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