Zu Besuch beim berühmtesten Derby der Welt

Rangers und Celtic verachten sich und tragen einen bitterernsten religiösen Konflikt auf den Platz. Wirklich? Eine Reportage.

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Zuerst ist da: Lärm. Kein Gesang, keine Hymnen, nur: Krach. Er schwillt an, noch fünf Minuten bis zum Anstoss, im Hintergrund klingt verzweifelt eine Durchsage, jetzt der Handshake, innig ist er nicht, dann der Pfiff. Und es wird noch lauter.

Old Firm in Glasgow, es ist Derby-Zeit, zum 419. Mal Rangers gegen Celtic. Blau gegen Grün, entscheide dich, denn dazwischen gibt es: nichts. Im Rund des neutralen Hampden Park, wo an diesem Sonntag der Final im Ligacup stattfindet, sind alle nach ihrer Gesinnung platziert: VIP und Balkon, Ultras und Parkett, 180 Grad für Blau, 180 Grad für Grün. Wer in der Mitte sitzt, fühlt sich wie das Kind vor der Stereoanlage, das den Balanceregler entdeckt: volle Dröhnung links, Ballgewinn, volle Dröhnung rechts. Jede Grätsche, jeder Einwurf wird bejubelt wie sonst ein Tor. Unter Sturmböen und Starkregen geht es hin und her. Es ist Fussball wie im Rausch.

Video: Moritz Marthaler

«Laut? Naja, an den Heimspielen ist es lauter», sagt Alfie Conn. Der Tag nach dem Sturm ist ein sonniger in Glasgow, auch in Coatbridge vor den Toren der Stadt. Conn rührt in der zweiten Tasse Tee, er wirkt etwas mürrisch, weil er weiss, dass er jetzt von früher erzählen muss. Mit schottischen Medien spricht er nicht mehr. Zu viele Missverständnisse, zu viel Hass von Rangers und Celtic.

In den 70er-Jahren hat Conn für beide gespielt, als einer von nur fünf Fussballern seit dem Zweiten Weltkrieg. Ein anderer war Mo Johnston, er lebt heute abgeschieden in den USA, erreichbar für die wenigsten. Ein dritter ist Kenny Miller, sein aktueller und wohl letzter Club, der Zweitligist Partick Thistle, lässt ausrichten: kein Interesse an einem Interview. Nicht zu diesem Thema.

«Mir ging es nie darum, zu provozieren», sagt Conn. 67 ist er heute, in seinen Zwanzigern spielte er fast 100 Partien für die Rangers, dann drei Saisons bei Tottenham, bevor er 1977 zu Celtic kam. Als er in seinem ersten Spiel den Pfosten traf, war ein Grossteil der Fans überzeugt, das sei Absicht gewesen. In der Stadt gab es ein Pub, das die Punkte für Celtic fortan ohne Conns Tore zählte und eine eigene Tabelle führte. «So lief das», sagt Conn. Wie konnte es so weit kommen?

Die Geschichte ist selbst dann noch kompliziert, wenn man sie stark vereinfacht erzählt. Aus der Ferne scheinen die Positionen klar. Da die Rangers, blau und protestantisch, Unionisten und eine Art Ur-Schotten, deren Credo «we are the people» (Wir sind das Volk) nicht nur in Deutschland Stirnrunzeln auslöst. Hier Celtic, grün und katholisch und vor allem irisch, in der Tradition der lange Zeit unterdrückten Einwanderer von der westlichen Nachbarinsel.

«Die Stimmung, aber auch der Druck, die Erwartung rund um die Derbys ist enorm.»Moritz Bauer, früher GC, aktuell bei Celtic Glasgow.

Doch die Wahrheit ist komplexer. Die schottischen Clubs wurden Ende des 19. Jahrhunderts gegründet, sie zählen zu den ältesten der Welt. Rangers und Celtic haben sich im Spannungsfeld von Spätindustrialisierung und zwei Weltkriegen entwickelt, mit Gewalt als stetem Begleiter in der Auseinandersetzung. Und die Gesellschaft, in der die zwei Vereine stärker denn je integriert sind, hat sich über die Jahre hinweg von der Religion, die beide zu repräsentieren glauben, entfernt. Dennoch kommt sie immer wieder, die eine, unvermeidliche Frage, im Pub, im Taxi, beiläufig. «Und welche Konfession hast du?» Mit der Antwort «keine» können die wenigsten etwas anfangen.

Auf «Armutssafari» in Pollok

Vor der Ibrox Parish Church im gleichnamigen Stadtteil pfeift der Wind um die Ecke. Ein paar Hundert Meter entfernt ragt der Stahl des Rangers-Stadions in den grauen Himmel. Es ist 10 Uhr morgens am Derby-Tag, und zu sagen, ein kräftiger Frühschauer lasse das Viertel in frischem Glanz erstrahlen, würde der Wahrheit nicht ganz gerecht. Erstens hört es an diesem Tag nie auf, zu regnen. Und zweitens kommt die Gegend so rau daher wie ihr Ruf.

Der Rapper Darren McGarvey hat sie in «Armutssafari» beschrieben, dem britischen Buch des Jahres. Es ist ein präziser Report aus seinem Herkunftsviertel Pollok, südlich von Ibrox, wo Armut und Gewalt und die Frage dominieren, wie leicht der Rand Europas im Zentrum eigentlich vergessen gehen kann. «Trainspotting», der zum Kult gewordene Spielfilm aus einer problematischen Ecke Edinburghs, so schreibt McGarvey, komme ihm wie eine Dokumentation vor.

Im Anbau der Kirche rückt die Gemeinde ihre Stühle zurecht. Der Gottesdienst findet hier statt, weil es im Kirchenschiff von der Decke tropft und die Heizung nicht funktioniert. So sei das halt, sagt Reverend Tara Granados, eine fröhliche Frau aus dem fernen Texas. Für die Church of Scotland ist sie schon seit drei Jahren auf der Insel. Fussball und Religion, das ist für die Amerikanerin eine sonderbare Konstellation. «Wir heissen hier jeden willkommen», sagt sie, «aber von diesen Leuten kommt nie jemand.» Sie meint die, die sich im Stadion publikumswirksam mit ihrem Glauben identifizieren, sich auf Bannern auch mal als protestantischer Stolz Schottlands bezeichnen.

«Wer sich schon öffentlich zu
seinem Glauben bekennt, könnte auch hinter dem tieferen Sinn
stehen.»
Reverend Tara Granados, Ibrox Parish Church

Die Bigotterie geht Tara Granados auf den Keks. «Ich missioniere nicht. Glaube kommt von innen. Aber wer sich schon so öffentlich dazu bekennt, könnte auch hinter dem tieferen Gedanken davon stehen.» Doch mehr als die leeren Bierdosen auf dem Parkplatz vor der Kirche sieht Granados nicht von den Rangers-Anhängern. Sie liessen sich vor Heimspielen gerne vor der Kirche sehen. Nur nicht drinnen.

Der Konfessionalismus ist nicht nur Reverend Granados ein Dorn im Auge. Das schottische Parlament hat 2012 mit einer sogenannten «bill of chants» religiöse Schmähgesänge qua Gesetz verbieten lassen, nach Protesten aus dem liberalen Lager wurde der Passus 2018 bis auf weiteres gestrichen. Organisationen wie «Nil by Mouth» bekämpfen den Konfessionalismus im Stadion aber weiter.

Bigotterie hin, Instrumentalisierung her: Im Hampden Park ist Pause und Zeit für Analyse. Sie erfolgt in einer Loge stilecht bei Pie und Rindsbrühe, wovon auch mal etwas auf den wohnzimmerhaften Teppich kippen kann. Alkohol gibt es keinen. So ist das, im Königreich, wo Fussball gucken immer auch etwas Würdevolles haben muss.

In Durchgang zwei nimmt das Spiel erst Fahrt auf, die Rangers sind besser, dann trifft Celtic. Wenig später gibt es Penalty für die Blauen und Rot für die Grünen. Doch Alfredo Morelos, der eigentlich so formstarke Torjäger, verschiesst. Celtic rettet sich über die Zeit, die Rangers verpassen den ersten Titel seit dem Konkurs von 2012, der sie in die vierte Liga abstürzen liess. Im Regen stemmt Captain Scott Brown die Trophäe, unter wildem Gebrüll von exakt der Hälfte des Stadions. Mit im Trubel: Moritz Bauer.

Der Winterthurer spielt seit Mai für Celtic, auf Leihbasis von Stoke. Der frühere GC-Verteidiger hat schon ein paar Stadien und Gegner gesehen, in der Premier League, zuvor in Russland mit Kasan. «Die Stimmung, aber auch der Druck, die Erwartung rund um die Derbys ist enorm.» Sein erster Einsatz überhaupt war im Old Firm, auswärts bei den Rangers im Ibrox. Beim Stand von 1:0 wurde er eingewechselt, «das war mental anspruchsvoll». Celtic gewann 2:0, Bauers Feuertaufe war geglückt.

Am Sonntag wird im Spielerkreis verhalten gefeiert, der Ligacup ist Pflicht für Celtic, wie eigentlich auch Meisterschaft und Pokal. Aber die Strassen sind an diesem Abend grün – und verstopft. Alle müssen sie wieder nach Hause, denn die 50'000 Glücklichen, die sich eine Karte ergattern konnten (200'000 Anfragen gab es), kommen bei weitem nicht alle aus Glasgow.

«Alle anderen reihen sich dahinter ein in Schottland. Sie müssen.»Alfie Conn, ex Rangers, ex Celtic.

In Bussen fahren sie in die Highlands zurück, in Fähren bis nach Nordirland. Das Old Firm spaltet nicht nur Glasgow, nicht nur Schottland. In diese Rivalität projiziert sich zuweilen die gesamte politische Spannung der britischen Inseln. In Belfast, wo sie weiter auf den Nordirlandkonflikt übertragen wird und sich die beiden Vereine perfekt auf die zwei Seiten der sogenannten «Friedenslinien» verteilen lassen. In Dublin, wo Celtic wie ein Heimclub gefeiert wird.

Vermarkten lässt sich das alles hervorragend, worauf der Name Old Firm (im Sinne von: Unternehmung) auch zurückgehen soll. Fast 3,5 Millionen Franken setzt ein Derby alleine in Glasgow um. Während der Rangers-Insolvenz sanken auch die Celtic-Einnahmen rapide – eine Studie bezifferte den Schaden einst auf 12 Millionen Franken jährlich, dazu verlor der Club trotz anhaltendem Erfolg über die vier Jahre fast 10'000 Zuschauer.

«Alle anderen reihen sich dahinter ein in Schottland. Sie müssen», sagt Alfie Conn. Auch andere Clubs heben die entsprechende Seite in ihrer Vereinsgeschichte hervor: Hibernian und Dundee stehen in der Tradition der irisch-katholischen Gemeinde, Clubs wie Heart of Midlothian eher hinter den Rangers.

Die Verbandelung mit Politik, Kirche und Gesellschaft führt zu unübersichtlichen Verhältnissen rund um das Old Firm. Rangers-Fans sind für den Brexit, jene von Celtic dagegen. Taucht im blauen Block eine Israel-Flagge auf, so folgt im grünen Block jene von Palästina und das vertrackte Hin und Her über Jahrzehnte hinweg ist vielleicht im Ansatz eine Parallele zu den Geschehnissen im Nahen Osten. «Von den Clubs wird ständig verlangt, dass sie sich zu irgendetwas positionieren», sagt Alan Pattullo, Journalist beim «Scotsman». «Im Verein hält man den Ball bewusst flach, wir Spieler hören nie ein Wort bezüglich Religion oder Politik», sagt Moritz Bauer.

Wie Breitenrain in Glasgow

Aus all dem politischen Pathos und der religiösen Duselei keimt das Gefühl, dass es im Konflikt zwischen Rangers und Celtic eben weniger um Politik und Religion als vielmehr um ein Lebensgefühl geht: das britisch-schottische hier, das irisch-schottische da. Und dass sich die Rivalität nicht so schnell entwickelt wie die Gesellschaft um sie herum. Am Ende ist es wie so oft im Emotions-Business Fussball: Es treffen schlichte Ansichten aufeinander. Und sie werden gnadenlos ausgenutzt von einer nimmersatten Industrie.

Alfie Conn steht auf, auch die zweite Tasse ist leer. Die Fans beider Lager, so sagt er, hätten so viel Zeit damit verbracht, sich übereinander lustig zu machen, dass die Rivalität ein Teil des gemeinsamen Humors sei. Vielleicht, sagt Conn zum Abschied, müsse man sich die Kleinen im schottischen Fussball zu Herzen nehmen. Kleine wie den Quartierverein Partick Thistle, eine Art FC Breitenrain der Glasgower Fussballszene. Dessen Fans singen, auch nicht ganz frei von Ironie: «We don't like blue, we don't like green. So fuck the Pope and fuck the Queen.»

Erstellt: 11.12.2019, 11:46 Uhr

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