Bayerns neuer Schlaumeier – sie nennen ihn Schweizer Sackmesser

Der junge Corentin Tolisso ist der teuerste Einkauf der Bundesligageschichte – und hat bereits einen speziellen Ruf.

Corentin Tolisso, ein Jüngling für spektakuläre Auftritte.

Corentin Tolisso, ein Jüngling für spektakuläre Auftritte. Bild: Keystone

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In Lyon nennen sie ihn «Coco». Das kommt von Corentin. Im Französischen ist ein «Coco» aber auch ein Schlaumeier, und das passt hier ganz gut. ­Corentin Tolisso, französischer Mittelfeldspieler und mit 41,5 Millionen Euro nunmehr teuerster Transfer in der Vereinsgeschichte des FC Bayern, zieht mit einem ganzen Bagage von ­Geschichten nach München. Schönen und kontroversen. Obschon er noch jung ist, 22 Jahre erst. Aber Bayern scheint sich seiner ­Sache sicher zu sein. Man habe Tolisso «sehr ausführlich» scouten lassen, liess Karl-Heinz Rummenigge verlauten, der Vorstandschef.

Tolisso war 13, als ihn Olympique Lyon in seine Nachwuchsakademie holte. Beobachtet hatten sie ihn schon, als er neun war. Wahrscheinlich lag das auch daran, dass er als Kind in einem Dorf in der Nähe Lyons spielte, in L’Arbresle, 6000 Einwohner, aus dem einige prominente Figuren des grossen OL stammen, die später nicht ganz unwesentlich zu seinem Aufstieg beitragen sollten: Jean-Michel Aulas, der Präsident von Lyon, und Rémi Garde, als Spieler und dann lange Zeit als Trainer ein Säulenheiliger des Clubs. Sie waren beide da, als ­Tolisso seinen Einstand in der ersten Mannschaft gab, und wohl auch romantisch bewegt davon. Aus L’Arbresle!

Auf die Welt kam Tolisso aber etwas weiter westlich, und diese genaue geografische Verortung hat eine beträcht­liche Bedeutung in der Vita und der Entwicklung des Spielers – im Ort Tarare nämlich, bekannt für seine Textilindustrie, Vorhänge vor allem. Tarare liegt etwa gleich weit entfernt von Lyon wie von der kleineren Stadt Saint-Etienne und deren AS, dem Rivalen in der ­Region, Gegner so vieler epischer Derbys. Ein Radiosender fragte «Coco» einmal, was denn wäre, wenn er sich ­unsterblich in eine junge Dame verlieben würde und dann herausfände, dass in ihrem Zimmer eine grüne Vereinsfahne von Saint-Etienne hängt. «Das wäre das sichere Ende der Liebe», sagte er, «das geht nicht, unmöglich.» Alle im Studio lachten laut, nur Tolisso nicht.

Das Bild der Premiere fehlt

Kaum hatte er im Ausbildungszentrum seines Leibvereins begonnen, drohte auch schon wieder das Aus. Er verletzte sich am Knie. Im Verein überlegten sie, ob sie ihn wieder aussortieren sollten. Man behielt ihn dann doch, überzeugt von seiner frühreifen Vista, diesem intuitiven Sinn für Spiel und Position, für Raum und Tiefe. Schon in jungen Jahren soll er diese bullige, recht autoritäre Art gehabt haben, sich Platz zu verschaffen, breitzumachen, was ja eine dienliche Qualität ist im oftmals arg bevölkerten Zentrum des Spiels, wo sich Mittelfeldspieler mindestens im halben Dutzend auf den Füssen herumstehen und um Gestaltungsmarge kämpfen.

Sein Debüt in der Ligue 1 gab Tolisso mit 19, in der Nachspielzeit einer Begegnung gegen Nizza, in der Lyon hoch führte. Dumm war nur, dass am Fern­sehen gerade die Wiederholung eines Tores lief, als er eingewechselt wurde. Wenn er also dereinst eine grosse Geschichte in diesem Sport schreiben sollte, fehlt das Bild von der Premiere, von der Erstbeschreitung der Bühne.

Tolisso setzte sich schnell durch. Er war so flächendeckend einsetzbar, dass er auch Unpässlichkeiten von Kollegen in ihm scheinbar artfremder Umgebung kompensierte. Er kann jede Position im Mittelfeld spielen, bevorzugt aber die defensive Rolle – die 8, die trug er bei Lyon. Aussenverteidiger kann er auch. Und Stürmer geht ebenfalls ganz ordentlich, jedenfalls schiesst er viele Tore: 14 in der vergangenen Saison, das ist ein europäischer Spitzenwert für einen ­Mittelfeldspieler seiner Prägung. Seine Polyvalenz trug ihm den Spitznamen «Couteau suisse» ein: Das Schweizer ­Armeemesser führt ja Klingen für alles. In Lyon genoss Tolisso bei der Rolleninterpretation Freiheiten, die man in einem ganz grossen Club nicht offeriert erhält. Ausser man ist Lionel Messi. ­Unklar ist deshalb, wie er sich in ein strenges Konzept einpassen kann, mit Hierarchien und Plänen. Und wo genau er stehen soll – neben, zwischen, hinter Thiago Alcántara und Arturo Vidal?

«Coco» eilt der Ruf voraus, schwierig zu sein, schwer zu führen. Ein bisschen Bad Boy. Auf dem Platz kann er seine Emotionen nur leidlich kontrollieren. Besonders schwer fiel ihm das bisher ­natürlich gegen die «Grünen». Im letzten Derby grätschte er Fabien Lemoine von Saint-Etienne so vorsätzlich in die Beine, nach langem Anlauf, dass er sich danach gedrängt fühlte, mit viel Pathos zu Kreuze zu kriechen. Durch die Medien gingen in den vergangenen Jahren so manche Scharmützel und Gross­maulereien aus der Garderobe. Tolisso gehörte dem «Clan des Lyonnais» an, der mit den weniger talentierten und bescheidener bezahlten Kollegen im Team nicht so viel zu tun haben mochte.

Die TV-Serie, die mitentschied

Er hätte schon im vergangenen Jahr weggehen können. Neapel war sehr ­interessiert. Doch offenbar hatte Tolissos Agent «Gomorrha» gesehen, die harte TV-Serie über die Mafia in Süd­italien, und so liess man es bleiben. In diesem Jahr, nach seiner bisher besten Saison, war das Interesse dann plötzlich erdrückend: Manchester City, Juventus, Milan, Tottenham, Barcelona – alle ­buhlten. Das soll ihm in den Kopf gestiegen sein, dem «Coco».

In Frankreich erzählt man sich, Carlo Ancelotti habe sich den Transfer ausdrücklich gewünscht. Nun, wahrscheinlicher ist, dass Tolisso eine relativ billige Variation von Ancelottis eigentlichem Wunsch ist: nämlich von Marco Verratti, dem Italiener in Diensten von PSG. Dessen Verpflichtung würde Bayerns Vorstellungen davon, was so ein Transfer maximal kosten darf, klar übersteigen, ja locker pulverisieren.

Erstellt: 15.06.2017, 19:40 Uhr

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