«Ich tue mich furchtbar schwer damit, mich zu verstellen»

Mit Alain Sutter holt sich der FC St. Gallen einen Sportchef-Neuling, der in seiner Karriere nie dem Mainstream folgen wollte.

Das SRF-Mikrofon gibt er ab  – Alain Sutter, der diesen Monat 50 wird, wagt sich an etwas Neues. Foto: Steffen Schmidt (Freshfocus)

Das SRF-Mikrofon gibt er ab – Alain Sutter, der diesen Monat 50 wird, wagt sich an etwas Neues. Foto: Steffen Schmidt (Freshfocus)

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Der wohl wichtigste Satz fällt recht spät. Alain Sutter hat bei seiner Präsentation als Sportchef des FC St. Gallen bereits ausführlich über seine Freude am neuen Job, über zu fördernde Nachwuchsspieler und den modernen Fussball geredet, der sich «zu stark von der Fanbasis entfernt» habe, als er noch sagt: «Ich tue mich furchtbar schwer damit, mich zu verstellen.»

Die St. Galler haben jemanden verpflichtet, der sich schon immer quer zum Profibusiness gestellt hat. Und einen, der zwar bekannt ist aus Funk und Fernsehen, der aber als bald 50-Jähriger erstmals langfristig in einer Führungsposition eines Clubs arbeiten soll. Für drei Jahre mit Option auf eine Verlängerung hat er in der Ostschweiz unterschrieben, seinen Job als TV-­Experte bei den Spielen der Nationalmannschaft gibt er per sofort auf.

Auch ganz ohne billige No-Billag-Witze ist es bemerkenswert, dass nun mit Präsident Matthias Hüppi und Sportchef Sutter gleich zwei ehemalige SRF-Leute die wichtigsten Positionen im FCSG besetzen. Offenbar herrscht die Überzeugung, dass es nach Zeiten der mehr oder weniger öffentlichen Querelen kommunikativ begabte Leute braucht, die den Verein wieder mit der Region versöhnen. Also redet Sutter von Fans, die «zufrieden» nach Hause gehen sollen, davon, dass das «wunderschöne Stadion Spiel für Spiel» gefüllt werden solle und dass er «einen Club zum Anfassen» wolle, in dem «eigene Junge Identifikation stiften».

Protest und Hotelüberdruss

Er ist nicht der erste Sportchef, der verspricht, er werde auf den eigenen Nachwuchs setzen. Aber ihm nimmt man ab, dass er bereit ist, diesen Weg konsequent zu gehen. Weil er schon in seiner Karriere als Profi seinen Prinzipien treu blieb. Egal, ob er dabei war, als die Nationalspieler 1995 während der Nationalhymne gegen französische Atomtests protestierten («Stop it Chirac!»), oder ob er sich beim FC Bayern München den Lederhosen verweigerte und (erfolglos) verlangte, er wolle vor Heimspielen nicht mehr ins Hotel.

Geschichten wie diese zeigen auch, dass Hüppi ein Risiko eingegangen ist, als er seinen alten TV-Kollegen ­verpflichtet hat. Es steht zwar ausser Frage, dass Sutter den Fussball versteht. Aber werden die Fussballer auch ihn verstehen, wenn er versucht, sie in ihrer Persönlichkeitsentwicklung zu unterstützen, wie er das ankündigt?

Sutter war zuletzt auch als Antistress-Coach tätig. Sein jüngstes Buch handelt davon, wie «unser Organismus mit unserem Herzen kommuniziert und die Sprache des Herzens sichtbar macht». 2006 schrieb er im «Tages-Anzeiger», welche Faktoren ihm im Fussball wichtig sind. Titel: «Freude als Schlüssel zur Leistung». Seine These: Nur ein Profi, der Spass an seiner Arbeit hat und viel Eigenverantwortung übernimmt, ruft sein ganzes Potenzial ab.

Alain Sutter versteht den Fussball. Aber werden die Fussballer auch ihn verstehen?

Sutter stand nie im Verdacht, dem Mainstream zu folgen. Darum ist es auch so etwas wie ein mutiges Experiment, ihm Verantwortung zu über­tragen. Zwei Stunden lang habe er dem Verwaltungsrat erklärt, «welche Kultur meiner Meinung nach in einem Verein herrschen sollte. Ich bin dankbar, dass ich ein Umfeld gefunden habe, das meine Werte teilt. Das ist im Fussballbusiness nicht weitverbreitet.»

Sutters erster Anlauf in einer Clubführung endete abrupt. Im Mai 2011 stieg er als Berater bei den Grass­hoppers ein, im Dezember wurde er ­Vizepräsident – Ende März 2012 trat er bereits zurück. Es war eine chaotische Saison, in der GC in 36 Spielen gleich wenige Punkte holte wie das zwangs­relegierte Xamax in 18. In einem ­schlingernden Club war auch Sutter nicht der Mann, der Stabilität brachte.

Jetzt soll er seine Ideen mit längerfristiger Perspektive umsetzen dürfen. Und natürlich hatte Hüppi nicht den GC-Vizepräsidenten vor Augen, als er Sutter verpflichtete. Dafür schilderte der St. Galler Präsident gestern mit leuchtenden Augen noch einmal Sutters 1:0 gegen Rumänien an der WM 1994: «Wie Chapuisat rechts durchbricht und zurücklegt zu einem der schönsten Tore, welche die Schweiz je erzielt hat.» Gut, das rechts war Ohrel und Chapuisats Vorlage eher Zufall. Aber so ist das mit Legenden: Sie wachsen, je länger sie Vergangenheit sind.

Hüppi und Sutter dagegen müssen ab heute im mühsamen Tagesgeschäft wachsen. Und da werden Legenden in den Büros von Schweizer Fussballclubs weitaus häufiger vom Sockel gestossen, als dass sie geboren werden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.01.2018, 00:05 Uhr

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