«Bernegger ist die ideale Lösung»

Stephan Lichtsteiner gratuliert den krisengeschüttelten Grasshoppers zur Trainerwahl – Stimmen und Stimmungen vor dem Debüt von Carlos Bernegger heute Samstag beim FC Basel.

Lachen für den Weg aus der Krise: Carlos Bernegger im Training mit Emil Bergström (unten). Foto: Siggi Bucher (Keystone)

Lachen für den Weg aus der Krise: Carlos Bernegger im Training mit Emil Bergström (unten). Foto: Siggi Bucher (Keystone)

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Carlos Bernegger studierte in Argentinien Medizin und hatte den Fussball als Leidenschaft. 1990 kam er nach Winterthur, um sich hier als Fussballer zu versuchen. Er bestritt gegen den FC Wettingen sein fünftes Spiel, als im Knie alles kaputt ging: Kreuzband, Aussenband, Meniskus. Er versuchte mehrmals sein Comeback und scheiterte jedes Mal.

1995/96 machte er beim FCW seine ersten kurzen Erfahrungen als Trainer der ersten Mannschaft, aber erst mit dem Einstieg in die U-18 begann er den neuen Beruf richtig auszuüben. 2000 kam er zu GC, war Nachwuchs-, Assistenz- und ­Interimscoach, bevor er 2008 in den Nachwuchs des FC Basel wechselte. Im April 2013 legte er seine Scheu vor einem Cheftrainerposten ab und übernahm den FC Luzern, bis er nach eineinhalb Jahren entlassen wurde. Er versuchte daraus zu lernen und seine argentinische mit der Schweizer Seite zu vermischen: das Heissblütige mit dem Distanzierten. Nun ist er bei GC zurück auf der höchsten Ebene: als Nachfolger des entlassenen Pierluigi Tami und Helfer in der Not.

Alte Weggefährten aus Winterthurer, Zürcher und Luzerner Zeiten erinnern sich. Der Basler Luca Zuffi erklärt, was Bernegger heute Samstag zum Debüt beim Serienmeister erwartet. Bernegger selbst ruft: «Hopp GC!»

Carlos Bernegger, GC
«Zu viel Bummbumm hemmt»

«Es ist eine intensive Woche gewesen, mit intensiven Trainings und Beobachtungen. Ich bin beeindruckt, mit welcher Einstellung die Spieler gearbeitet haben. Der Schwerpunkt hat auf dem Technisch-Taktischen gelegen, aber ich habe die mentale Seite nicht vergessen. Ich habe viele Einzelgespräche geführt, ich bin mit Fingerspitzengefühl vor­gegangen und habe menschliche Nähe gezeigt – damit die Spieler von mir nicht mit zu vielen Informationen bombardiert werden. Zu viel Bummbumm kann sie hemmen.

Was vorher war, kann ich nicht sagen. Nur das: Es gibt nichts zu beschönigen, die negativen Ergebnisse sprechen für sich. Einen Teil der bisherigen Spiele habe ich auf Video gesehen, was ich ­erkannt habe, bleibt aber intern. Ich habe auch mit Pierluigi Tami geredet, wir kennen uns ja schon länger. Wir ­haben offen und direkt miteinander ­gesprochen. Am Ende hat er mir viel Glück gewünscht. Wieso ich jetzt der richtige Trainer für GC bin? Aufgrund meiner Erfahrungen kenne ich das Umfeld des Vereins, ich habe in Luzern schon meine Erfahrungen gemacht, was Abstiegskampf bedeutet. Vergleichen lassen sich Luzern und GC dennoch nicht. GC ist es nicht gewohnt, in einer solchen Situation zu sein, viele andere sind das. Ich sehe das aber auch als Chance: Die Mannschaft kann wachsen, GC, der Nobelclub, kann lernen zu leiden.»

Peter Knäbel, ex Winterthur
«Er ist für jeden ein Härtetest»

«Ich war sein Vorgänger bei der U-18 von Winterthur, bevor ich Ausbildungschef wurde. Carlos war ein junger Trainer, wie er sein sollte: mit sehr viel Liebe für seine Spieler. Er besass auch eine Härte und ­Ansprache, wie sie jedem Jungen guttut. Ich höre viele Trainer, wie sie einem Spieler sagen: ‹Die Kritik ist nicht gegen dich als Menschen gerichtet.› Bei Carlos kann ich das auch wirklich bestätigen, er hat es immer gut gemeint mit seinen Spielern. Und wer selbst glaubt, dass es Carlos mit ihm gut meint, der zerbricht auch nicht an ihm.

Carlos ist für jeden Spieler ein Härtetest, jeder braucht in seiner Juniorenzeit auch den Widerstand. Es hilft ihm auf Dauer nichts, wenn ihm alles immer aus dem Weg geräumt wird. Wer sich bei Carlos durchgesetzt hat, ist auch bereit für den nächsten Schritt. Aus diesem Grund holte ich ihn später als Ausbildungschef zum FC Basel, ich wollte jemanden, den ich kannte, der die gleiche Spielphilosophie hatte wie ich.

Über die Jahre sind wir immer in Kontakt geblieben, er besuchte mich zum Beispiel in Hamburg, als ich beim HSV Sportdirektor war, wir sahen uns erst vor ein paar Wochen wieder zu einem Kaffee. Als GC ihn für seinen Nachwuchs verpflichtete, freute ich mich für ihn. Einer wie Carlos gehört in den Schweizer Fussball, egal ob bei den Profis oder beim Nachwuchs.»

Stephan Lichtsteiner, ex GC
«Es geht nur um den Sieg»

«Als Junior profitierte ich bei GC von einer Topausbildung. Ich hatte hervorragende Trainer – darunter Carlos Bernegger, der mir in der Anfangszeit als Profi viel beigebracht hat. Ich lernte, auf die Zähne zu beissen, und was es heisst, gefordert zu werden. Er konnte sehr herzlich sein neben dem Platz – und er war unnachgiebig bei der Arbeit, weil es ihm immer nur um die Sache ging, um den Sieg. Dann kam sein immenser Ehrgeiz zum Vorschein, seine zielorientierte Art, sein Drang, immer gewinnen zu ­wollen. Diesbezüglich funktionierten wir immer genau gleich. Es gibt Leute, die behaupten, Bernegger sei ein Hitzkopf. Ich sehe das anders, gelassener. Natürlich hat er viel Temperament, natürlich kann er im Umgang hart und sehr direkt sein. Aber wer damit nicht fertig wird, ist meines Erachtens nicht geeignet für dieses Geschäft. Und wer gewisse Anforderungen nicht erfüllt, wer die mentale Stärke nicht mitbringt, dem reicht es einfach nicht.

So leid es mir für Pierluigi Tami tut, dass er gehen musste: Carlos Bernegger ist in der jetzigen Situation für GC der richtige Trainer, ja, die ideale Lösung. Er hat die Gabe, den Spielern das Selbstvertrauen zu vermitteln, das besonders in dieser heiklen Phase so wichtig ist. Er ist nicht einfach nur der Typ, der sich über die emotionale Schiene definieren lässt, sondern auch ein exzellenter Fussballfachmann mit immensem Wissen.

Für mich ist Carlos Bernegger nicht bloss ein Feuerwehrmann, der den Karren aus dem Dreck ziehen kann, sondern einer, dem ich zutraue, längerfristig eine Mannschaft zu formen. Wenn man ihm zwei, drei Jahre Zeit gibt, kann sich das bezahlt machen. Ich hoffe, dass sie das bei GC genauso sehen und nicht schon bei der ersten Schwierigkeit den Trainer wieder auswechseln.»

Florian Stahel, ex Luzern
«Er kann wachrütteln»

«Carlos Bernegger ist ein Trainer mit extrem viel Temperament und der ­Fähigkeit, eine Mannschaft wachzurütteln. Er legt grossen Wert auf Details, er verlangt bei den Übungen eine saubere technische Ausführung und ist jemand, der ein Konzept hat. Wir bekamen von ihm immer sehr genaue Anleitungen.

Als er 2013 zum FC Luzern kam, trainierten wir anfänglich ziemlich lange. Er liess uns spüren: Ab jetzt weht ein anderer Wind. Manchmal habe ich mich gefragt, ob er es mit den Gesten und der Lautstärke bei Anweisungen nicht übertreibt. Aber ich glaube, dass er sich als Südamerikaner von uns Schweizern unterscheidet. Für ihn ist dieses Feuer normal, für uns gewöhnungsbedürftig. Und manchmal sagte er Dinge, die für unser Gehör etwas gar hart klingen mochten. Nur: Ich wusste, wie er das meinte, und konnte es einordnen.

Ich kann mir gut vorstellen, dass er mit seiner Art genau der Richtige für GC ist. Er kann mit gezielten Massnahmen etwas provozieren und zu Leistung anstacheln. Aber so impulsiv er während der Arbeit ist, so sehr hat er auch eine sensible, sehr menschliche Seite neben dem Feld. Er hat die Gabe, individuell auf die Spieler einzugehen, er merkt, wer wann welchen Umgang braucht.

Ich traue Bernegger auf jeden Fall zu, dass er GC zum Ligaerhalt führt. Zumal Spieler, die bislang nicht so zum Zug ­kamen, die Chance sehen, sich zu empfehlen. Das kann eine enorme Dynamik erzeugen. Die Grasshoppers sind in der Super League zwar nicht abgeschlagen. Aber wenn sie sich ihrer heiklen Lage nicht bewusst sind, droht ihnen das ­gleiche Schicksal wie dem FCZ in der vergangenen Saison.»

Luca Zuffi, FC Basel
«Für uns spricht die Qualität»

«Ein Trainerwechsel ist immer das Zeichen, dass etwas nicht gut ist. Der Wechsel bei GC überrascht mich, weil das ein grosser Traditionsverein ist. Für uns ändert das vor dem Spiel vom Samstag nicht viel. Gut, für unsere Trainer ist es vielleicht ­schwerer einzuschätzen, was auf uns ­zukommt. Aber das ändert nichts an unserer Einstellung: Wir gehen sowieso auf den Platz, um zu siegen.

Es heisst, die Meisterschaft sei langweilig, weil wir 17 Punkte Vorsprung auf YB haben. Für uns ist sie das auf keinen Fall. Jeder Match ist ein Fight, wir müssen jedes Mal bereit sein, damit wir auch gewinnen. Wir müssen nur die Resultate anschauen: Es hat viele Spiele mit knappem Ausgang gegeben, wenn ich da nur an jene gegen Lausanne denke.

Was für uns spricht, ist die Qualität, ist die Professionalität. Wir wissen, dass wir auch dann gewinnen können, wenn wir noch spät im Rückstand liegen. Das hilft. Urs – wir Spieler nennen Urs Fischer so, weil er das so will – hält als Trainer die Spannung hoch, gerade vor Spielen gegen sogenannt kleinere Mannschaften, vor weniger attraktiven Aufgaben. Wir haben die Mentalität im Team, dass wir auch da alles geben. Schliesslich geht es um drei Punkte. Es ist nicht immer einfach, die Konzentration zu behalten, das stimmt. Aber wir schaffen das, weil wir eines wissen: Wir müssen Gas geben, bis der Titel gesichert ist. Ich weiss, unser Vorsprung sieht brutal aus, gerade der von 40 Punkten auf GC. Ich kann nur ­sagen: Für uns ist es umso schöner, aber noch immer ein Stück Arbeit.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.03.2017, 23:09 Uhr

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