Beschwert in die Zukunft

Kay Voser spielte vor drei Jahren noch in der Champions League, nun für den FCZ in der Challenge League.

Der ehemalige GC-Spieler Kay Voser trägt nun die Farben des FC Zürich und versteht die Skepsis der Fans. Foto: Dominique Meienberg

Der ehemalige GC-Spieler Kay Voser trägt nun die Farben des FC Zürich und versteht die Skepsis der Fans. Foto: Dominique Meienberg

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«Du hast noch eine Kugel im Lauf!», raunte ihm Alex Frei vor drei Jahren scherzhaft vor einem Spiel zu, dem ­Europa-League-Viertelfinal Basel gegen Tottenham. Der mit der einen verbliebenen Kugel, das war Kay Voser, er plagte sich damals mit grossen Verletzungs­sorgen herum, und jener Match war so ­etwas wie seine letzte Chance.

Weil Voser gegen Tottenham überzeugen konnte, füllte sich der Lauf wieder mit Patronen: Voser betrat mit Basel die Bühne der Champions League und wurde Meister, wechselte 2014 nach England zu Fulham in die zweite Liga und wollte mit dem Club aufsteigen. Nur wurde Trainer Magath entlassen, Voser verletzte sich, und der neue Coach setzte nicht auf ihn. Der heute 29-Jährige absolvierte in 18 Monaten nur 10 Spiele, kehrte diesen Januar in die Schweiz (Sion) zurück und spielt nun für den FC Zürich in der Challenge League.

Voser, die Identifikationsfigur?

Das provoziert erneut die Patronenfrage – ist der FCZ seine letzte Chance als Profifussballer? Voser überlegt lange, wie er das überhaupt häufig tut, bevor er spricht: «Schwierige Frage. Vielleicht. Wobei, damals war ich oft verletzt, heute bin ich fit und habe es in der ­eigenen Hand.»

Nun also der FCZ. Ein Heimkommen sei es gewesen. Das mondäne London gefiel ihm, doch war er viel allein, oft auch einsam. Als seine Mutter im Herbst an Krebs starb, wuchs der Wunsch, wieder öfter bei Familie und Freunden zu sein, und es verschwand der Drang, sich koste es, was es wolle, durchzubeissen. Sion war ein erster Schritt, doch im Wallis fühlte er sich unglücklich, also folgte ein zweiter – noch näher zur Familie, nach Zürich.

Als der sportliche Leiter Thomas ­Bickel vor Wochen an der Generalversammlung des FC Zürich erwähnte, er wolle wieder mehr Identifikationsfiguren in die Mannschaft holen und dabei auch den Namen Voser erwähnte, ging ein unüberhörbares Raunen durch die Reihen. Voser, der ehemalige GC-Spieler, soll Identifikationsfigur werden? Vom einen Zürcher Club zum anderen wechseln, das schmerzt den Fussball­romantiker.

«Der FCZ steht für harte Arbeit»

Voser versteht diese Art von Denken, er weiss um die Skepsis in der Anhängerschaft, sagt aber: «Ich kann und will meine Vergangenheit nicht ändern.» Er wolle sich vielmehr darauf konzentrieren, was Bickel gemeint habe: «Der FCZ steht für harte Arbeit. Das sind auch Werte, die ich verkörpere.» Also wolle er den Jungen etwas von seiner Erfahrung weitergeben. Oder ihnen helfen, wenn es an Selbstvertrauen fehle. Etwas, das er aus seiner Karriere kennt. Er erzählt davon, wie er in solchen Momenten einfach noch mehr trainiert habe, noch länger gerannt sei. Einfach um zu wissen: Ich hab mehr drauf als die anderen.

Mit Voser über die vergangenen Jahre zu sprechen, hat etwas Inspirierendes und Beklemmendes zugleich. Gedanken habe er sich schon immer gemacht. Als es ihm in Basel und vor allem in London schlecht ging und er nicht spielte, wurden sie noch ein bisschen zahlreicher. Zu den Ängsten und Zweifeln gesellten sich im Kopf fundamentale Fragen hinzu wie «Was machen wir hier?», «Was ist der Sinn?». «Es ist ein Geschenk, sich nicht zu viele Gedanken machen zu ­müssen.»

Ein Geschenk, das er sich wieder verdienen muss. Voser war einmal richtig gut. Als Aussenverteidiger bei Basel kam er zu Komplimenten, und die Gedanken wurden weniger. Er war im «Hier und Jetzt», wie er sagt. Er spielte mit Selbstvertrauen. Der in jungen Jahren hemmende Druck wurde zum fördernden Komplizen. Er ertappte sich gar vor einem Cupspiel beim Gedanken, dieses Mal solle doch ein Junger für ihn spielen. Der Voser wurde nonchalant.

«Erfolg macht lockerer, es kann aber auch verblenden», sagt Voser. War er das? «Vielleicht schon.» Aber eben, er habe daraus gelernt.

Ein Philo-Voser mit Buch

Wenn Voser spricht, wirkt es bisweilen, als hätten ihm die Ereignisse der vergangenen Jahre etwas Fröhlichkeit aus dem Gesicht vertrieben. Vielleicht ist es aber auch der Ausdruck seines ­Reifeprozesses.

Voser spürt beim FCZ das Vertrauen des Trainers und schätzt das klare Ziel, den Aufstieg: «Ich glaube, das kann ein sehr tolles Jahr werden.» Falls nicht, kann er kraft seiner Erfahrung damit umgehen. Und er weiss, wohin er aus der Fussballwelt entschwinden kann: in die Welt der Bücher. Eine Beschäftigung, die ihm den Übernamen Philo-Voser eingebracht hat. Im aktuellen Buch geht es darum, weshalb die Welt so ist, wie sie ist; ob es Zufall sei, dass es uns gibt. Und, ist es Zufall? «Schwierige Frage, man kann es nicht abschliessend beantworten.»

Erstellt: 12.07.2016, 21:51 Uhr

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