Betrieb von der Bank

Thuns Trainer Marc Schneider beweist bei Einwechslungen ein goldenes Händchen. Wie geht er vor? Und wie geht sein Joker Dennis Salanovic mit der Rolle um?

Dennis Salanovic hat als Joker drei Tore erzielt.

Dennis Salanovic hat als Joker drei Tore erzielt. Bild: Christian Pfander

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Als Dennis Salanovic das Spielfeld betritt, geht es von 0 auf 100. Der Flügel ersprintet sich den Ball an der rechten Seitenlinie, zieht nach innen, lässt zwei Verteidiger stehen und trifft mit links ins weite Eck. Es ist das 1:2 für den FC Thun gegen den FC Zürich, kurz darauf fällt das 2:2. Nach einer Stunde, in der ihnen nichts gelingen wollte, befinden sich die Oberländer plötzlich gleichauf. Am Ende vergeben sie gar eine grosse Chance auf den Siegtreffer.

Das Unentschieden vor zwei Wochen in der Stockhorn-Arena verdeutlicht, warum der FC Thun vor dem heutigen Gastspiel in Luzern 15 Punkte auf seinem Konto hat und den vierten Platz belegt. Er glaubt an sich, lässt sich nicht abschütteln, ist zäh und fit und immer für Tore gut.

16 ihrer 21 Treffer haben die Thuner in der zweiten Halbzeit erzielt. An 8 waren Einwechselspieler direkt beteiligt. «Natürlich könnte ich nun sagen, ich hätte ein goldenes Händchen», meint Trainer Marc Schneider und verrät sogleich, dass er die Zahlen anders interpretiert. «Früher hätten wir eine solche Partie wie gegen den FCZ 0:3 oder 0:4 verloren», sagt er. «Mittlerweile sind wir mental gefestigter. Und das Kader ist breiter und besser besetzt. Das bietet mir Optionen während des Spiels.»

Höchststrafe als Mittel

Dass Schneider gewillt ist, diese Optionen mutig zu nutzen, hat zu den positiven Zahlen beigetragen. Vergleicht man den jeweiligen Spielstand beim ersten Thuner Wechsel mit dem Endresultat, kann Schneider eine Plus-5-Bilanzaufweisen. Schon zweimal hat er zum Extremmittel gegriffen und vor der Pause einen Akteur ausgetauscht – die Höchststrafe für einen Fussballer. Beide Male verfehlte die Massnahme ihre Wirkung nicht.

In St. Gallen kamen die Thuner nach 0:3 zur Pause auf ein Tor heran, in der Schlussphase vergaben sie mehrere Chancen auf den Ausgleich. Gegen den FCZ genügte es nach 0:2-Rückstand zum Punktgewinn. «Ich tue mich grausam schwer damit, einen Spieler so früh vom Platz zu nehmen», sagt Schneider. Es gehe dabei nicht um eine Bestrafung, meint er weiter. «Ich erhoffe mir eine Signalwirkung für das Team.»

Seinen Entscheid pflegt Schneider den betroffenen Spielern spätestens am Folgetag zu erklären. Und er achtet bei den Rochaden auch auf menschliche Aspekte. Aus taktischer Sicht hätte es gegen den FCZ Sinn ergeben, Kenan Fatkic vom Platz zu nehmen statt den variablen Basil Stillhart, der auch als Verteidiger eingesetzt werden kann. Schneider tat es dennoch nicht, weil er Fatkic schon in St. Gallen in der ersten Halbzeit ausgewechselt hatte. Der Entscheid sollte sich als richtig erweisen, das 2:2 bereitete der junge Mittelfeldspieler mit einem wohl getimten Pass auf Dejan Sorgic vor.

Eine Frage des Charakters

Während der Partie beobachtet Schneider auch das Verhalten der Ersatzspieler. Wie gehen sie mit ihrer Nichtnomination um? Sind sie frustriert? Nörgeln sie gar? Es gebe Akteure, die bringe man entweder von Beginn an oder gar nicht, meint Schneider. «Man muss bereit sein für die Rolle des Ersatzes. Denn ob einer ein guter Einwechselspieler ist, ist nicht nur eine Frage der Qualität, sondern auch eine des Charakters.»

Ein Musterbeispiel ist Salanovic, der mit drei Toren und zwei Assists der beste Joker der Liga ist. Trotz vorzüglicher Statistik ist er weit davon entfernt, Ansprüche anzumelden. Der 22-Jährige, der am Dienstag bei der 1:2-Niederlage Liechtensteins in Gibraltar das einzige Tor seines Teams erzielte, sagt, er verspüre keinen Frust darob, dass er erst einmal in der Super League von Beginn an spielen durfte.

Der Trainer gebe ihm in Gesprächen Vertrauen, sagt Salanovic. Er wisse um seine Schwächen – etwa das Defensivverhalten –, an denen er arbeiten müsse, damit er eine grössere Rolle einnehmen könne. Schneider formuliert es so: «Salanovic nimmt, was er bekommt.»

Vergleich mit Doumbia

Die vorbildliche Einstellung alleine genügt nicht zur Erklärung, warum Salanovic in dieser Saison als Einwechselspieler mehrmals den Unterschied ausgemacht hat. Er sagt, er sei auf der Bank genau gleich fokussiert, wie wenn er auf dem Platz stehen würde. «Mitdenken, mitfiebern», nennt er das. Der Offensivakteur analysiert Stärken, Schwächen und Defensivverhalten möglicher Gegenspieler. Diese Infos versucht er sich dann bei der Einwechslung zunutze zu machen.

Dabei hilft Salanovic seine Schnelligkeit, gepaart mit Qualitäten im Eins-gegen-Eins. «Wenn ich ihn bringe, weiss ich, dass er dem Verteidiger wehtun wird», sagt Schneider. Ihn erinnere Salanovic ein Stück weit an Seydou Doumbia, mit dem er einst bei YB zusammengespielt hatte. «Er brauchte jeweils auch keine Zeit, ins Spiel zu finden.» Der Ivorer, nun in Spanien bei Girona engagiert, hatte 2008/2009, als er Torschützenkönig geworden war, über längere Zeit die Rolle des Jokers innegehabt.

So weit ist Salanovic nicht. Aber sollte er heute Abend beim FC Luzern eingewechselt werden, wird er für Betrieb sorgen – zumindest so viel ist sicher.

Erstellt: 20.10.2018, 17:52 Uhr

Wegweiser für die Thuner

Am Samstag gastiert Thun in Luzern, danach folgen die Spiele in Lugano und Wil (im Cup), ehe die Oberländer Xamax empfangen. In der Länderspielpause hat sich Flügel Dominik Schwizer einen Ausenbandanriss im Knöchel zugezogen, er wird einige Woche fehlen. Zudem behindert Spielmacher Grégory Karlen eine Entzündung an der Achillessehne, auch er fällt beim FCL aus. Dafür ist Rechtsverteidiger Stefan Glarner nach Sperre wieder einsatzbereit. (dwu)

So könnte Thun spielen: Faivre; Glarner,
Gelmi, Sutter, Kablan (Facchinetti); Fatkic,
Hediger, Stillhart; Tosetti, Sorgic, Spielmann.
– Ohne Costanzo, Joss, Righetti, Karlen und
Schwizer (alle verletzt).

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