Blatters letzte Messe

Sepp Blatter wird für acht Jahre aus der Fussballwelt ausgeschlossen. Der Gesperrte wehrt sich dagegen – an jenem Ort, wo für ihn alles begonnen hat.

Angeschlagen, aber kampfeslustig: Blatter sprach an der gestrigen Medienkonferenz in Zürich erneut von einem «Gentlemen’s Agreement» zwischen ihm und Platini. Die Ethikkommission siehts anders. Foto: Dominique Meienberg

Angeschlagen, aber kampfeslustig: Blatter sprach an der gestrigen Medienkonferenz in Zürich erneut von einem «Gentlemen’s Agreement» zwischen ihm und Platini. Die Ethikkommission siehts anders. Foto: Dominique Meienberg

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Maskottchen vergangener Turniere säumen die Korridore, in einer Vitrine ruhen frühere offizielle Matchbälle, «Roteiro» ist da, «Jabulani», «Teamgeist». Über der Eingangstür prangen silbergrau die Lettern: F – I – F – A. Das Konferenzzentrum Sonnenberg, hoch über Zürich, war das Hauptquartier des Weltfussballverbands. Früher einmal.

Hierhin hat Sepp Blatter die Weltpresse gestern beordert, um noch einmal zu ihr zu sprechen. Hier hat sein Aufstieg begonnen, hier stoppt ihn kein Hausverbot, anders als im neuen Hauptsitz. Um elf Uhr drängen sich über 100 Journalisten im Konferenzsaal, die Fotografen streiten um den besten Platz. «Wir warten hier seit zwei Stunden!», zischt einer einen Neuankömmling an.

Der Präsident betritt den Raum, flankiert von Sprecher Thomas Renggli und Tochter Corinne. «Als wir das letzte Mal ein solches Publikum hatten, sass Nelson Mandela neben mir», eröffnet Blatter. Die glorreiche Vergangenheit.

Dann folgt wohl oder übel der Sprung in die Gegenwart. Der suspendierte ­Präsident geisselt die Ethikkommission «seiner» Fifa als fehlgeleitetes Gremium, das über ihn gar nicht urteilen könne: «Nur der Kongress kann den Präsidenten abwählen», doziert er. Die Abmachung mit Michel Platini, die ihm den ganzen Ärger eingebrockt hat, verteidigt er als «Gentlemen’s Agreement». Platini sei auf ihn zugekommen und habe gesagt, er wolle für ihn arbeiten. «Er sagte: ‹Ich bin aber teuer, ich koste eine Million pro Jahr›. Ich sagte: ‹Wir können dir jetzt nicht alles zahlen, wir begleichen das später.›»

Genau das sei auch passiert. Es habe einen Vertrag mit einem schriftlichen und einem mündlichen Teil gegeben. Die zwei Millionen Franken aus dem münd­lichen Teil habe man 2011 ausbezahlt.

Spät, aber korrekt.

«Loyalitätspflicht verletzt»

Eine Stunde vor der Brandrede des Präsidenten hat die Ethikkommission der Fifa ihr Verdikt publik gemacht – und Blatters Version der Wahrheit in Kleinteile zerlegt. Blatter und Platini werden für acht Jahre gesperrt. Dazu kommen Bussen von 50 000 Franken (Blatter) und 80 000 Franken (Platini). In der Kurzbegründung des Urteils heisst es: «Die Behauptung einer mündlichen Übereinkunft war nicht überzeugend und wurde zurückgewiesen.» Und: Im schriftlichen Vertrag zwischen Platini und der Fifa habe die Zwei-Millionen-Zahlung «keine rechtliche Basis» gehabt.

Vier Fifa-Richter haben das Urteil gefällt, Vorsitz hatte der deutsche Hans-Joachim Eckert, neben ihm sassen ein Australier, ein Papua-Neuguineer und ein Uruguayer. Den Korruptionsvorwurf gegen Blatter liessen sie fallen – dafür gebe es nicht genügend Beweise.

Die Richter sahen aber eine ganze Reihe von Ethik-Verletzungen: Weil der Präsident nicht verpflichtet war, die zwei Millionen zu zahlen, habe er Platini zu Unrecht ein «Geschenk» gemacht. Ein Interessenskonflikt sei entstanden, den Blatter nicht offengelegt habe. Dadurch habe er seine Loyalitätspflicht verletzt.

Der Entscheid tritt sofort in Kraft. Die beiden wichtigsten Männer des Weltfussballs bleiben vom Geschehen abgeschnitten. Kein Zugang zu VIP-Tribünen, keine Teilnahme an der «Ballon d’Or»-Gala oder der EM 2016 in Frankreich. Platini kann nicht als nächster Fifa-Präsident kandidieren, Blatter kann den kommenden Kongress in Zürich nicht leiten. Stadien dürfen sie nur noch als Privatpersonen betreten – wenn sie ihr Ticket selber kaufen.

Blatters Arbeitsvertrag läuft indes bis zum nächsten Kongress vom 26. Februar weiter. Bis dann behält er seine Privilegien als Präsident, dazu gehören sein Chauffeur und sein Fifa-Apartment.

«Ich werde kämpfen!»

Solche Kleinigkeiten scheinen Blatter allerdings nicht zu interessieren, als er zu den Journalisten predigt. Ihm geht es um seine Ehre. Die Ethikkommission habe ihn als Lügner bezeichnet, das werde er nicht auf sich sitzen lassen: «Ich werde kämpfen!» Sein Anwalt Lorenz Erni soll die Sperre an die Fifa-interne Berufungskommission weiterziehen. Danach ist ein Rekurs am Sportgerichtshof in Lausanne möglich. Und dann, unter bestimmten Voraussetzungen, der Gang ans Bundesgericht. Monate werden vergehen, bis ein endgültiges Urteil vorliegt.

Nach Blatters Messe stürzen sich die Medien auf den einzigen verfügbaren Interviewpartner: Klaus Stöhlker, der sich vor einem Weihnachtsbaum postiert hat und sich den angelsächsischen Journalisten als «Blatter’s Shadow» vorstellt. Der 74-jährige Berater spricht lächelnd in die Mikrofone: «Nur ganz unerfahrene Menschen setzen sich früh zur Ruhe. Erfahrene Menschen wehren sich, bis zum Ende.» Ein schönes Statement, gewürzt mit ordentlich Pathos – aber mit seinem Chef kann Stöhlker nicht mithalten. Denn was waren Sepp Blatters Worte, mit denen er seine Audienz beendete?

«I’ll be back.»

Erstellt: 21.12.2015, 22:51 Uhr

Artikel zum Thema

Seine Tricks wirkten nicht mehr

Kommentar Der Walliser leitete seinen Untergang selber ein – und tat damit auch etwas Gutes. Mehr...

«Die Fifa-Dinosaurier wurden endlich ausgerottet»

Die Reaktionen auf die Suspendierung von Sepp Blatter und Michel Platini fallen grösstenteils positiv aus. Ein Blick in die Medien. Mehr...

6 Szenen einer bizarren Blatter-Pressekonferenz

Von Tsunami bis Schwarzenegger: Ein sichtlich aufgewühlter Sepp Blatter nahm nach dem Urteil gegen ihn vor der Weltpresse Stellung. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Die Welt in Bildern

Bitte lächeln: Frankie die Bordeauxdogge stellt sein Löwenkostüm zur Schau. Er nimmt mit seinem Herrchen an der Tompkins Square Halloween Hundeparade in Manhattan teil (20. Oktober 2019).
(Bild: Andrew Kelly) Mehr...