Blatters Lohn – erst die halbe Wahrheit

Im letzten Jahr als Fifa-Präsident kam er auf 3,6 Millionen Franken – früher müssen es viele Millionen mehr gewesen sein.

435'000 Franken für 40 Jahre Fifa: Blatters Dienstaltersgeschenk. Foto: Key

435'000 Franken für 40 Jahre Fifa: Blatters Dienstaltersgeschenk. Foto: Key

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Da steht sie also, zuunterst auf Seite 63 des Geschäftsberichts der Fifa fürs vergangene Jahr. Sie ist klein gedruckt, aber wenigstens fett – diese Zahl, die erstmals belegt, was Sepp Blatter als ehemaliger Präsident der Fifa verdient hat, oder besser: bekommen hat.

Für 2015 sind das 3'634'857 Franken, wovon das Grundsalär knapp 3 Millionen beträgt. Und was fangen wir jetzt damit an? Mit diesem Betrag, der für einen Arbeiter unerreichbar ist, für einen Fussballer in der Premier League einen Durchschnittslohn darstellt und für einzelne CEOs nicht einmal die Hälfte ihres Bonus?

Es ist nicht die spektakuläre Enthüllung, weil Blatter normalerweise viel mehr verdiente, viele Millionen mehr. Normalerweise heisst: in all den Jahren vor 2015, dem Jahr des Ausbruchs der grössten Krise, welche die Fifa in ihren Grundfesten erschüttert hat.

«Vielleicht ein bisschen mehr»

Blatter hatte zunehmend ein ­Geheimnis aus seiner Entschädigung ­gemacht. Am Anfang seiner Beförderung zum Fifa-Präsidenten kaprizierte er sich auf die Formulierung, er habe nun das in Dollar ausbezahlt bekommen, was er vorher als Generalsekretär in Franken erhalten habe. Damals, nach 1998, kostete der Dollar 1.50 Franken. Übersetzt hiess das: Aus 65'000 Franken im Monat wurden dank des Kursgewinns gegen 1,2 Millionen im Jahr.

Im April 2011 erfand er die Formulierung, die im Kern nicht stimmen konnte und doch alles sagte: Er bekomme eine Million Dollar – «vielleicht ein bisschen mehr». Die Wahrheit lag in diesem ­Zusatz versteckt: vielleicht ein bisschen mehr. Bei ihm war es nur so, dass das bisschen eben viel war.

Er lebte feudal. Zum Beispiel hatte er, wie Thomas Kistner in seinem Buch «Fifa Mafia» schrieb, allein im Jahr 2002 einen Betrag von 9,667 Millionen Franken für sein Präsidentenbüro zur Verfügung. Davon ging unter anderem 1 Million zum «Büro Paris», wo Blatters Wahlhelfer Michel Platini (mitsamt Pressechef) residierte. Blatter konnte in guten Tagen Gelder verteilen, fast wie er wollte. Legendär ist seine Zahlung von 1 Million Dollar an den Kontinentalverband Concacaf im Jahr 2011, die er mitten in seinem heissen Wahlkampf mit Mohamed bin Hammam leistete. Er dürfe das, sagte er damals, er dürfe noch viel mehr, er müsse sich das nur nachher von der Exekutive absegnen lassen.

So grosszügig dachte er wohl auch, als es um die eigenen finanziellen Interessen ging. Er bediente sich mit beiden Händen aus dem Topf, der für Generalsekretär, Direktoren und Exekutivmitglieder und für ihn, vor allem für ihn, üppig gefüllt war. 2010 wurden rund 35 Personen mit 32,6 Millionen Dollar entschädigt, 2013 waren es schon 36,3 und 2014 gar 39,7 Millionen. Blatters millionenschwere Zusatzeinkunft hiess Bonus.

Strafverfahren gegen Valcke

Nur fürs letzte Jahr bekam er keine solche Sondervergütung mehr. Er war seiner Aufsichtspflicht gegenüber Jérôme Valcke nicht nachgekommen – jenem früheren Generalsekretär, der im September von der Fifa suspendiert wurde und gegen den die Bundesanwaltschaft gestern ein Strafverfahren wegen des «Verdachts der mehrfachen ungetreuen Geschäftsführung und weiterer Delikte» eröffnet hat. Die Entschädigung für die leitenden Kräfte der Fifa brach letztes Jahr auf 27,9 Millionen Dollar ein. Die einfache Rechnung heisst nun: Die Differenz von 12 Millionen allein zu 2014 soll hauptsächlich Blatter als Bonus zugekommen sein. So ist zumindest die gängige Meinung von Insidern.

«Ich weiss, was ich bekomme, und auch der Zürcher Steuerkommissär weiss das», sagte er im «Tages-Anzeiger» vom 14. März 2013. Dass er in seinem verhagelten letzten Amtsjahr mit 3,6 Millionen relativ bescheiden dasteht, findet er vielleicht nicht einmal so schlimm. Dieser Betrag, inklusive 435'000 Franken als Geschenk für seine 40 Dienstjahre bei der Fifa, wirkt nicht gleich ­dekadent, wie es 10 oder 12 Millionen ­getan hätten. Blatters Glück nach ins­gesamt 17 Jahren als Fifa-Präsident ist darum auch, dass die Fifa Transparenz wohl als ein Credo auf dem anstrengenden Weg zu ihrer Neuerfindung ausgerufen hat, aber diese Transparenz zeitlich begrenzt: Weiter zurück als 2015 werden Blatters Entschädigungen (und auch jene von Valcke) nicht offengelegt.

Erstmals Verlust seit 2002

130 Seiten dick ist der Finanzbericht 2015, den die Fifa in lockerem Rahmen vorstellte. Nicht alles, was darin steht, ist erfreulich. 122 Millionen Dollar beträgt der Verlust für das letzte Geschäftsjahr, es ist erstmals eine rote Zahl seit 2002. Das liegt an höheren Ausgaben für Entwicklung und Wettbewerbe, aber auch an ungeplanten Auslagen für Rechtsfragen und ausserordentliche Sitzungen.

Die Fifa ist finanziell trotzdem nicht in ihrer Existenz bedroht. Die Reserven belaufen sich per 31. Dezember 2015 noch immer auf 1,34 Milliarden Dollar. Für den Vierjahreszyklus 2015–2018 wird bei Ausgaben von 5,656 Milliarden wenigstens ein Gewinn von 100 Millionen budgetiert.

Gianni Infantino, der Thronfolger Blatters aus dem Wallis, ist überzeugt, die Fifa habe die Wende geschafft und werde stärker denn je zurückkommen. Aber einmal schauen, was die amerikanische und die schweizerische Justiz noch so alles zu dieser Fifa herausfinden.

Erstellt: 18.03.2016, 00:02 Uhr

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