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«Wer diese Einsicht hat, lässt auch die Hände vom Modus»

Im Schweizer Fussball bahnt sich eine Revolution an. Aber: Ist ein Moduswechsel sinnvoll? Ein Pro und Contra.

Wie bekommt die Super League wieder volle Ränge? 31'120 Fans jubeln YB zu.
Wie bekommt die Super League wieder volle Ränge? 31'120 Fans jubeln YB zu.
Keystone

Christian Zürcher

Die Liga ist reizvoll wie Anmachsprüche über schöne Augen in einer Bar.

Ja

Eine bezaubernde Dame betritt eine kleine Bar und zieht einen Hauch ihres Parfüms nach. Zehn Männer sitzen drin auf ihren Hockern und schauen auf. Im Nu geschehen in ihren Köpfen die schönsten Dinge, zehn verschiedene Menschen fantasieren in zehn verschiedene Gedanken, wie der Abend verlaufen könnte.

In der Super League ist das anders. Fantasien und Träume sind ihr abhandengekommen. Es ist schon am Morgen klar, wie der Abend enden wird: Basel wird Meister. Spannung verspricht höchstens die Frage, wer sich von allen am dümmsten anstellt. Doch auch hier ist die ewige Wiederholung von lusttöterischer Natur. Viermal pro Saison Spiele wie Vaduz gegen Lugano sind für die Zukunft ein trister Ausblick. Die Super League ist grau und so prickelnd wie Anmachsprüche über schöne Augen an der Bar.

Welcher Modus für die Super League? Stimmen Sie ab!

Es ist darum an der Zeit, dem Schweizer Fussball wieder Träume und Fantasien zu geben. Ein neuer Modus ist gefragt: Man muss das nicht mit einer 18er-Liga, mit Punktehalbierung zur Saisonhälfte und Best-of-7-Playoff-Partien zum Schluss ins Absurde ziehen. Doch manchmal kann ein kleiner Twist Grosses bewirken. Der Schweizer Fussball ist in den vergangenen Jahren gewachsen, Stadien wurden gebaut, Clubs professionalisiert. Das gibt die Möglichkeit, grösser zu denken.

Ein Vorschlag: Eine Aufstockung auf 12 Mannschaften ergibt Sinn (vielleicht irgendwann gar 14), nach 22 Partien wird die Meisterschaft in zwei Gruppen à sechs Vereine geteilt, die wiederum 10 Partien gegeneinander austragen. Ziel ist es, dass die besseren Teams mehr gegeneinander spielen. Denn das Beispiel Belgien zeigt, dass sich damit die internationale Tauglichkeit von Clubs wie Brügge oder Anderlecht gesteigert hat. Und besonders wichtig: Die Barrage muss wieder her. Je zwei Mannschaften sollen auf- und absteigen. Wer vom Reformieren noch nicht genug hat, kann sich gar überlegen, ob ein Europa-League-Platz mit Playoff-Partien vergeben werden soll.

Es bleibt die Frage, ob man dem ­Casanova Basel einen Schnauz aufmalen und seine Dominanz bändigen soll. Das Eingangsbeispiel konsequent zu Ende gedacht, würde sich eine Punktehalbierung nach 22 Runden zwar aufdrängen – doch damit verliert der Fussball seinen romantischen Gedanken. Der Beste über den Verlauf einer Saison soll nach wie vor gewinnen.

Die Super League ist heute ein solides Produkt, das durch die eigene Professionalisierung TV-Gelder stetig steigern konnte. Eines aber soll die Liga nicht vergessen: Träume kann man zwar nicht essen - doch man tut gut daran, sie zu haben.

Thomas Schifferle

Basel muss nicht für die Fehler der andern bestraft werden

Nein

So ist es, wenn man den Ruf weghat. So ist es, wenn Steve von Bergen, eine der raren Persönlichkeiten in der Super League, den Namen Christian Constantin hört. Dann lacht er zuerst, bevor er überhaupt weiss, um was es geht. Und als er erfährt, dass Sions Präsident einen neuen Modus mit acht Mannschaften anregt, mit Herbst- und Frühlingsrunde und einer Bonusrunde dazwischen, lacht er weiter. «Gut», sagt der Captain von YB, «nächstens also eine Liga mit acht Mannschaften, dann mit vier und am Ende mit zwei: 36-mal YB gegen Basel.»

So kann es laufen, wenn ein Dauerbrenner des Schweizer Fussballs schon wieder zum Thema wird: der Modus. Ach, der Modus ...

Irgendetwas mit 10, 12, 14, 16 Teams hat es alles schon gegeben. Nie sind die internationalen Erfolge des Schweizer Fussballs aber grösser gewesen als mit der 2003 eingeführten 10er-Formel: das Nationalteam seither an sechs von sieben Turnieren dabei, der FC Basel sechsmal, der FC Zürich und der FC Thun je einmal in der Champions League dabei, der FCB auch noch im Halbfinal der Europa League.

Und jetzt? Jetzt gilt die Meisterschaft als langweilig, weil der FCB dem achten Meistertitel in Folge entgegeneilt. Natürlich ist es langweilig, wenn immer der gleiche Verein den wichtigsten Wettbewerb gewinnt. Aber deshalb den Modus ändern? Die Punkte teilen? Playoffs einführen, als wäre Fussball Eishockey? Kurz, den Besten bestrafen?

Nicht der Modus kürt den Besten. Sondern der Wille zu gewinnen. Sagt nicht Constantin. Sagt Von Bergen. Genau darum geht es: ums Vermeiden von Fehlern, ums Gewinnen. In Deutschland denkt keiner daran, wegen der Dominanz von Bayern München den Modus zu ändern, und in Spanien keiner wegen jener von Real und Barcelona.

Nur der Schwache ruft nach Veränderung. Als wäre es in der Schweiz der Fehler des FCB, dass Sion sein Potenzial nicht ausschöpft, weil es sich meist selbst im Wege steht; dass die Young Boys auch diese Saison schon nach sechs Runden rettungslos im Rückstand sind; dass GC mit Budgets von 20 Millionen Franken und mehr nicht vorwärtskommt oder der FCZ sich gleich selbst demontiert, wie er das letzte Saison tat. Und was kann der FCB dafür, dass die Clubs aus der Romandie nichts auf die Reihe bringen und jene im Tessin ebenso wenig?

Die Schweiz braucht keinen neuen Modus. Sie braucht vielmehr besser geführte Vereine. Sie braucht die Erkenntnis, dass der FCB nicht zum Schaden der Liga ist, sondern zu ihrem Vorteil, dass er ihre Lokomotive ist. Wer diese Einsicht hat, lässt auch die Hände vom Modus.

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