Der Schweizer Fussball probt die Revolution

Basel dominiert nach Belieben, das Mittelmass breitet sich aus – es regen sich Stimmen nach einer Reform der Super League. Den verrücktesten Vorschlag bringt Christian Constantin.

Ein Meisterkampf auf Augenhöhe wünschen sich viele – ganz besonders auch YB mit seinem Star Guillaume Hoarau.

Ein Meisterkampf auf Augenhöhe wünschen sich viele – ganz besonders auch YB mit seinem Star Guillaume Hoarau. Bild: Keystone

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Kürzlich sprachen zwei Ostschweizer im Intercity nach St. Gallen über Fussball: «Es kann nicht sein, dass YB und Sion nur um die zweiten Plätze spielen», so der eine. «Gut», sagte der andere, «wir können momentan aber froh sein, dass nur eine Mannschaft absteigen muss.» Etwas südlicher, in Luzern sagt Markus Babbel, der FCL-Trainer: «Ich bin etwas mehr als zwei Jahre hier und habe gefühlte 80-mal gegen alle Mannschaften gespielt.» Und Alex Frei störte sich nach seinem Rücktritt an der Routine: «Es ­wiederholte sich halt alles: viermal pro Saison gegen die gleiche Mannschaft.»

Welcher Modus für die Super League? Stimmen Sie ab!

Zusammengefasst: Im Schweizer Fussball gibt es unzufriedene Leute und Gedankenspiele. Da ist Basels Dominanz, da sind die sich häufenden Spiele von Aussenseitern: viermal pro Saison Vaduz gegen Lugano, viermal Lausanne gegen Thun ist bestenfalls für die Beteiligten attraktiv. Und: Der Zuschauerschnitt stagniert – er hat zuletzt gar abgenommen (allerdings auch ­wegen des Abstiegs des FC Zürich).

Wie konnte das passieren? Was kann man dagegen tun?

Die Suche nach dem Rezept

Zur Jahrtausendwende kannte die Schweiz eine Liga mit 12 Teams sowie eine von den Clubs ungeliebte Final- und Abstiegsrunde. Zugleich wollten die Ligaverantwortlichen den hiesigen Fussball professionalisieren und besser vermarkten. Konsequenz: Die Liga wurde zum Produkt, die Nationalliga A 2003 zur Super League.

Die Meinung damals lautete, mit einer Zehnerliga bleibe die Spielqualität hoch, und jedes Stadion erfülle die ­Kriterien, um daraus Fernsehspiele ­zeigen zu können. Um aber auf genügend Runden zu kommen, nahm man in Kauf, dass viermal pro Saison die gleichen Teams gegeneinander spielen. Das hat lange funktioniert, TV-Gelder wie Zuschauerzahlen stiegen, Schweizer Vereine hatten europäischen Erfolg – doch nun ist ein gewisser Überdruss bei Fans und Clubs spürbar.

Die an sich erfolgreiche Liga muss also ein Mittel finden gegen die wachsende Langeweile, sie braucht ein ­Rezept für eine immer öder werdende Meisterschaft. Nur: Wie soll das gehen?

Basels Goalie Vaclik an den Tor­pfosten fesseln und dem Serienmeister Gelder streichen, ist nicht realistisch. Gespräche mit Clubpräsidenten und Sportchefs aus der Super League und der Challenge League zeigen aber: Überall ist die Bereitschaft da, die Lage zu analysieren und Potenziale auszuloten. Selbst in Basel ist eine Offenheit spürbar. «Wir sind zufrieden mit dem Modus, doch Diskussionen und Änderungen nicht abgeneigt», sagt Basels Sportchef Georg Heitz. «Es soll aber ­weiterhin garantiert werden, dass der sportlich Beste Meister wird.» Daher sei für ihn ein Playoff-System nicht optimal, «dafür gibt es den Cup».

Die Halbierung als Lösung

Im Ausland haben ähnlich grosse Ligen bereits Wege gefunden, um die Meisterschaft ­attraktiver zu gestalten – sei dies mit einer Aufsplittung und Punkthalbierung während der Saison (wie sie die Schweiz vor der Super League schon hatte) oder mit Playoff-Partien. Dass das Verständnis solcher Systeme nicht ­immer einfach ist, zeigt das Beispiel ­Belgien: Wer mit zwei Belgiern über ihre Meisterschaft spricht, hört zwei verschiedene Varianten, wie letzten Endes die Europacup-Plätze verteilt werden (siehe links).

In der Schweiz hüten sich Vereinsvertreter davor, wegen Basels Dominanz Punktehalbierung und Playoff-Partien zu fordern. Tatsächlich ist es fraglich, wie beherrschend der FCB auch in ­Zukunft sein wird. Durch die Champions-League-Millionen hat sich zwischen dem Krösus und dem Rest der Super League ein Graben aufgetan. Mit der Uefa-Reform ab 2018 verliert die Schweiz allerdings ihren fixen Platz in der Champions League, Basels Übergrösse könnte schrumpfen. Andererseits sind künftig höhere Fernsehgelder garantiert, wenn man es in die Königsklasse schafft.

12, 14 oder 16 Vereine?

Ebenfalls im Raum steht die Idee einer Aufstockung der Super League. Das würde zwar nichts an Basels Überlegenheit ändern, führte aber zu mehr Abwechslung. FCZ-Präsident Ancillo Canepa sagt, es stelle sich die Frage, ob eine Erhöhung auf 12 oder 14 Mannschaften angestrebt werden solle, und er hat gleich eine Möglichkeit zur Hand: «Bei 12 Mannschaften könnte man wie in Schottland 3 Durchgänge spielen, dies ergäbe 33 Spiele pro Team. Aber eines ist eben auch klar: Der Teufel liegt im Detail.» Markus Babbel wiederum könnte sich auch eine 16er-Liga vorstellen, «ich sehe in der Challenge League durchaus Clubs mit grossem Potenzial».

Mehr Regionen wären in der obersten Liga vertreten, mehr Junioren könnten Erfahrungen sammeln – doch was passiert mit der Spielqualität? Zudem wäre eine Aufstockung kleineren und finanzschwachen Clubs wie Thun ein Dorn im Auge. Plötzlich müssten sie die TV-Gelder nicht mit neun, sondern mit 11, 13 oder 15 andern teilen.

Über allen Reformvorschlägen steht zudem die Frage: Was gibt das Fussballland Schweiz überhaupt her? Existieren genügend Stadien, die den Kriterien der Liga in Sachen Sicherheit und TV-Tauglichkeit genügen? Die Challenge-League-Clubs Aarau, Schaffhausen, Servette, Xamax und Wil haben zwar bereits oder bald die notwendige Infrastruktur, doch eine Aufstockung der Super League würde eine Lücke in die Challenge League reissen. Bereits heute kämpfen Spitzenvereine in der Promotion League, nur annähernd die Lizenzkriterien der zweithöchsten Liga erfüllen zu können.

Constantins verrückte Idee

In die komplett andere Richtung geht die Idee von Christian Constantin, der an einem revolutionären Modell herumstudiert. Der Präsident des FC Sion schlägt eine Reduktion der Liga vor. «Acht statt zehn», sagt er, «mehr gibt der Markt in unserem kleinen Land nicht her. Wir können Städte, die wir nicht ­haben, nicht einfach erfinden.»

Und wie stellt er sich den Modus vor? Ganz einfach: Er denkt an ein Playoff, aber nicht erst als Abschluss der Saison, nein, mittendrin. Von Juli bis Dezember sollen die ersten 14 Runden stattfinden, von Februar bis Mai die zweiten 14. Und dazwischen würde Constantin die acht Clubs in zwei Gruppen aufteilen, die in Hin- und Rückspielen, mit Halbfinals und einem Final, um eine noch zu ­bestimmende Anzahl Punkte kämpfen würden. «Die Aussicht auf einen schönen Bonus würde eine neue Dynamik entfachen», sagt er, «und die Zuschauer kämen auf ihre Kosten.»

Die Liga lässt verlauten, sie sei für alle Vorschläge offen und werde alle Möglichkeiten prüfen. Im Hinblick auf eine 8er-Liga solle man sich aber nicht kleiner machen, als man ist. Im Februar trifft sich das Ligakomitee und will auch über den Modus sprechen. Eine Änderung ist laut SFL erst auf das Jahr 2021 realistisch. Dann läuft auch der TV-Vertrag aus.

Eine Neuerung auf das kommende Jahr hingegen ist bereits beschlossen, der Spielplan wird so angepasst, dass im Dezember länger gespielt wird. Und Vorbild für die Zukunft ist England: Fussball am Boxing Day, Fussball zu Weihnachten.

Erstellt: 31.01.2017, 23:28 Uhr

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Hypercube

«Die Schweizer sind die Letzten»

Wer seiner Liga den einen oder anderen Dreh verpassen will, der wird irgendeinmal an der Kromme Nieuwegracht 11a in Utrecht vorstellig. An dieser Kurve zum neuen Kanal hat die Firma Hypercube ihren Sitz. Eine Firma, die von sich sagt, sie könne den Fussball vermessen.

Ob Belgien, Holland, Österreich, ­Dänemark oder Bulgarien – sie alle ­haben auf Expertise der Holländer hin ihre Liga reformiert. «Wir sammeln Daten über das Fan- und Sponsoren­verhalten, sprechen mit allen Stake­holdern und werten das aus», sagt ­Hypercube-Gründer Pieter Nieuwenhuis. Stakeholder, das sind Zuschauer, Trainer, Spieler, Journalisten, TV-Stationen, Werbekunden, Verbandsleute.

4 Prozent mehr Umsatz

Die Holländer liefern den Ligaverantwortlichen ökonomische Modelle, die diese je nach Vorlieben gewichten können. So konnte Hypercube den Öster­reichern sagen, «wenn ihr im Verlauf der Saison die Punkte halbiert, dann kommen mehr Leute zu den Spielen, Sponsoren sind bereit, mehr zu zahlen, und die Vereine machen vier Prozent mehr Umsatz an den Spielen – denn die Spannung steigt». Österreich setzt den Vorschlag ab 2018 um und halbiert die Punkte nach 22 Spielen.

Der Blick in kleinere europäische ­Meisterschaften zeigt, es gibt einen Trend, die Liga nach einer gewissen Anzahl Spiele in zwei Hälften zu teilen. Das habe zur Folge, dass die besseren Teams mehr gegeneinander spielen – und sich das Niveau steigert, ist Nieuwenhuis überzeugt. Belgische Mannschaften sind im europäischen Ranking seit einer solchen Modusänderung 2009 stetig auf­gestiegen. «Das hat sicherlich mit der ­guten Nachwuchsarbeit zu tun, doch ­genauso glaube ich, dass der geänderte ­Modus einen Teil dazu beiträgt», sagt er.

9x4-Modell in der Schweiz

Was wäre also der optimale Modus für die Super League? «Oh, da wir keine Daten erhoben haben, wäre eine Aussage wenig seriös. Die Schweizer sind aber in Europa die Letzten mit einem 9×4-Modell», sagt Nieuwenhuis. 9×4 heisst, dass, wegen der Ligagrösse von zehn Teams, alle jeweils viermal gegeneinander antreten.

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