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«Chischte und Cheibe»

Nach den Tumulten der letzten Woche zeigt YB-Besitzer Andy Rihs, dass er das Problem des Clubs ist.

«Alle Zeitungen, alle. Könnt ihr euch das vorstellen!» Andy (links) und Hansueli Rihs auf der Suche nach potenten Käufern für YB und das Stadion.
«Alle Zeitungen, alle. Könnt ihr euch das vorstellen!» Andy (links) und Hansueli Rihs auf der Suche nach potenten Käufern für YB und das Stadion.
Keystone

Eines muss man den Young Boys lassen. Pünktlich sind sie. Um 11 Uhr ziehen sie ein, die Besitzer und ihr Statthalter im Verwaltungsrat, die Brüder Andy und Hansueli Rihs mit Hanspeter Kienberger. Die Garderobe der Milliardäre ist schlicht gehalten: graues T-Shirt mit YB-Logo drauf, Andy mit gelbschwarzen Ringelsocken und «Jöggi» barfuss in Turnschuhen. Als die Mikrofone noch nicht angestellt sind, fragt Andy Rihs: «Heilandsack, deswegen kommen so viele?»

Ja, deswegen sind die Journalisten in der Champions Lounge des Stade de Suisse: Wie konnten die Entlassung von Sportchef Fredy Bickel am letzten Dienstag und der Abgang von Verwaltungsrat Urs Siegenthaler drei Tage später reichen, um das Ansehen des Vereins in Trümmer zu legen?

«YB bewegt, das freut uns», eröffnet der Mediensprecher und gibt Andy Rihs das Wort. Der stellt alle nochmals vor, seinen Bruder, Kienberger, «und Albi Stadelmann kennt ihr auch, ähm Staudenmann».

Die Sprunghaftigkeit von Rihs

Dann redet Andy Rihs, 17 Minuten lang, und wer ihm zuhört, bekommt einen Einblick, wie er funktioniert, der Laute der beiden Brüder, der Hemdsärmelige. Und wer dies tut, versteht auch, wer das Problem von YB ist: er, Andy Rihs.

Er ist es, mit seiner Mischung aus Emotionalität und Distanz, mit seiner Sprunghaftigkeit, sein Vertrauen immer wieder einem anderen zu schenken, mit seinem Wissen, dass mit Geld alles zu regeln ist. Gegen Ende seines Auftritts sagt er: «Wir sind Investoren. Und manchmal die Toren.»

«Wir haben uns ins Offside gespielt. Ich verstehe Fragen wie: ‹Sind die noch bache?›»

Andy Rihs

Rihs hat auf ein A4-Blatt niedergeschrieben, was er sagen möchte. Er redet von den vielen zweiten Plätzen in den letzten Jahren, den Teilnahmen an der Europa League, der Saison mit dem «Petkovic Vlado», als der Titel ganz nahe war. Er sagt, dass sie, «Jöggi» und er, keine Fussballexperten seien, aber den Fussball gerne hätten: «Wenn Sie die Socken sehen, sehen Sie, ich bin Fan von YB. Ich bin mit Herzblut dabei.»

Er glaubte YB auf einem guten Weg. Bis er dann irgendwie zur Einsicht gelangte, dass irgendetwas doch nicht stimmte. Und das waren die Löcher in der Rechnung, weil Bickel mit Spielerverkäufen nicht wie gewünscht Millionen hereingebracht hat; weil darum die Ausgaben für den Kauf des Unternehmens und die Deckung der Defizite auf etwas über 50 Millionen Franken angestiegen sind. (Wobei einer wie Rihs nicht von Millionen redet, sondern von «Chischte», als besässe er kein vornehmes Weingut in Südfrankreich, sondern irgendeine Spelunke in der Schweiz.)

Wegen der Kosten reifte die Idee, einen Mann mit Sportkompetenz zu suchen, der den Verein durchleuchtet und Ratschläge gibt, wie der selbsttragend wird. Die Suche fiel auf Urs Siegenthaler, und der war für Rihs nicht irgendwer, sondern «high level», er kam auch nicht «out of the blue», sondern als Vertrauter von Joachim Löw. Ja, Löw, wenn der als Referenz nichts ist?

Der Neue bestätigte: Es braucht drastische Änderungen. Die hiessen: Bickel muss weg, Alain Kappeler als CEO muss weg, dafür sollen «Leute aus der eigenen Küche» aufgebaut werden, wie Rihs die Jungen nennt, und das soll geschehen mit Angestellten wie Ernst Graf, Stéphane Chapuisat und Christoph Spycher. «In, ähm, ja, Bazenheid, nicht Breitenloo waren sechs, sieben Eigene dabei», verweist Rihs auf das 7:1 im Cup, als könnte ein Spiel gegen einen Zweitligisten von Aussagekraft sein.

Gesucht: Käufer für 100 Millionen

So redet Rihs daher, bis er zurückkommt auf den letzten Dienstag und diese Mitteilung, die fatale Folgen hatte – diesen «Cheibe-Zwischenfall», wie er ihn nennt. Zuerst hiess es, dass es zur Trennung von Bickel und Kappeler keine weiteren Informationen gebe. Gegen Abend aber begann Siegenthaler auf einmal Interviews zu geben.

Ein Angriff von YB auf den FC Basel sei «natürlich völlig unrealistisch», sagte er in die Kamera des Schweizer Fernsehens. Nichts verstimmte die Berner Gemüter mehr, weil er in dem Moment im Stadion des FCB sass und die Muttenzer Fankurve im Rücken hatte.

Rihs ist mit dem Verkauf von Hörgeräten reich geworden. Er sagt, wer das wolle, müsse kommunizieren und überzeugen können. Statt Hörgeräten verkauft YB nur die Illusion, ein Grossclub zu sein. Vielleicht ging genau deshalb vor einer Woche einiges schief. Rihs sagt jetzt: «Wir hätten eine Pressekonferenz machen sollen. Für diesen Fehler entschuldigen wir uns bei den Fans, bei den Medien.

Wir haben uns tatsächlich ins mediale Offside gespielt. Ich verstehe schon Fragen wie: ‹Gahts dene Cheibe noch? Sind die noch ganz bache?› Einen solchen Kommunikations-Gau muss es das letzte Mal gegeben haben.» Links von Rihs sitzt Kienberger, der Präsident jenes Verwaltungsrats, der so dilettantisch handelte. Er darf später immerhin einen dünnen Satz sagen: «Ich muss dafür die Verantwortung übernehmen.»

Nach seinem Monolog gibt Andy Rihs das Wort an Hansueli, den Bruder ohne Socken. Der erzählt vom Wunsch, Verein und Stadion dereinst einer Berner Investorengruppe verkaufen zu können. Überstürzt soll dabei nichts werden. Aber «wenn 30 Medienvertreter sagen, wir sind dabei mit 3, 4 Millionen. . .», sagt Hansueli Rihs, bis Andy amüsiert ruft: «Alle Zeitungen! Alle Zeitungen! Könnt ihr euch das vorstellen!» Andy R. lacht. Der Ernst hinter dem Scherz heisst: Für den Verkauf des Unternehmens wollen die Brüder 100 Millionen.

Die Kritik an Bickel

Andy Rihs übernimmt das Wort wieder. Bickel ist das Thema. Und Siegenthalers Abgang. Zu Bickel gibt Rihs etwas preis, was so viel sagt, wie dieses YB funktioniert oder eben besser: nicht funktioniert. «Der Entscheid gegen Bickel ist schon vor drei Monaten gefallen», sagt er. Aber wieso sollte dieser erst in zwei Wochen publik werden? Und wieso wurde er es auf einmal letzten Dienstag? Rihs mag dazu nichts sagen («Internas»).

Frage an Rihs: Traute er Bickel den Sparkurs nicht zu? Er erzählt, wie sie lange zu den Transferwünschen des Sportchefs gesagt hätten: «Ja, ja, das machen wir.» Aber dann die Wende: «Die Resultate stellten sich nicht ein. Und wenn sie einen Spieler erhalten, der seit eineinhalb Jahren nicht mal kicken kann, weil er verletzt ist, aber bei uns auf der Lohnliste steht, dann. . .» Dann muss er einen wie Verteidiger Loris Benito meinen und Bickel für dessen Ausfälle verantwortlich machen. So einfach ist das für Rihs.

Und Siegenthaler, der ging, obschon er lieber geblieben wäre? Er sei selbst zur Einsicht gelangt, dass «etwas daneben ging, was nur schwer reparierbar wäre», sagt Rihs. Und: Wenn man ständig «in die Pfanne gehauen wird», gehe das so nicht: «Ihm ist nichts vorzuwerfen. Wir müssen ihm dankbar sein.» Die YB-Fans sehen das anders. «Hou ab», war ihre Botschaft an Siegenthaler.

Eine Frage noch: Wird der unbekannte Verbandstrainer Paul Meier nun wirklich neuer Sportlicher Leiter? «Das schauen wir an», sagt Rihs. Was nichts anderes heissen kann als: nein.

Nach 48 Minuten ist der Termin zu Ende. «Also hopp YB!», ruft Andy Rihs zum Abschied. Echo gibt es keines.

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