Club der Romantiker

Athletic Bilbao ist einzigartig: in Spanien, in der Europa League. Es ist ein Verein mit spezieller Personalpolitik und Anhängerschaft.

Die Farben des Baskenlands – Rot, Grün, Weiss: Wer für Athletic Bilbao spielen will, muss Baske sein. Foto: Michael Regan (Getty)

Die Farben des Baskenlands – Rot, Grün, Weiss: Wer für Athletic Bilbao spielen will, muss Baske sein. Foto: Michael Regan (Getty)

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José schneidet den Schinken, wie er spricht: zackig. José ist Spanier – «Halt, ich bin Baske». José ist also Baske, lebt in Bilbao und führt die Bar Restaurante Bikandi mitten in der Altstadt. Er steht hinter dem Tresen, trägt das Leibchen von Athletic Bilbao und kennt Einzelheiten aus der Geschichte des Clubs, als wären sie unter seiner Netzhaut tätowiert. An den Wänden von Josés Bar hängen Zeichnungen und Bilder, Wimpel und 15 Serranoschinken.

«Wir sind hier eine Familie», sagt José, er serviert Gast Aitor einen Rioja und klaubt aus dem Trinkgeldglas eine Münze, damit dieser sich auf der Waage aus vergangenem Jahrhundert wägen kann. Das Licht in Aitors Augen ist matt. Darmkrebs. Blüte des Teufels. Er wirft die Münze ein, José sagt mit leiser Stimme: «Noch 55 Kilo, er war mal 85.»

Regional- gegen Weltauswahl

Wie die Barbesucher eine Familie sind, so ist Athletic Bilbao eine für das Baskenland. Viele Spieler spielen ein Leben lang für diesen einen Club. Andoni Zubizarreta war in den 80er-Jahren Bilbaos Goalie und sagte einmal: «Ein Athletic-Spieler kann der Freund der Schwester, der Nachbar aus dem fünften Stock oder der einstige Schulkamerad sein.»

Es ist der Club der Romantiker, der dem Fussballkapitalismus trotzt und dies mit Niederlagen bezahlt: Denn bei Bilbao darf nur auflaufen, wer Baske ist – spielte also Bilbao in der Europa League gegen Augsburg, so standen auf der einen Seite 11 Basken, auf der anderen 5 Deutsche, 1 Schweizer, 1 Holländer, 1 Este, 1 Türke, 1 Südkoreaner und 1 Slowene auf dem Platz. Regional- gegen Weltauswahl.

Diese Regel prägt. Bilbao ist mehr als ein Club – gut, das sagen sie auch in Barcelona –, der Verein ist im Baskenland Teil des Zusammenlebens. Manch einer würde seinen Hund, drei Monate seiner Gesundheit oder gar seine rechte Hand hergeben, um dem Club zu helfen. Er wird zelebriert wie die eigene Sprache, das Baskische. José sagt mit Stolz: «Unsere Sprache ist mit keiner anderen auf dem europäischen Kontinent verwandt.» Und der Club? Der ist ebenfalls einzigartig: Noch nie abgestiegen, noch immer ein Verein (in Spanien sind beinahe alle Clubs AGs), noch immer stammen 80 Prozent der Kaderspieler aus der Nachwuchsabteilung. Der Rest kommt aus dem übrigen Baskenland oder wird von Scouts auf der Welt zusammengesucht – die baskischen Linien gehen weit.

Es ist Spieltag, die Gässchen Bilbaos sind wie ausgestorben, zig Bars haben das Licht gedimmt, darin viele Männer und ein paar Frauen, den Kopf im Nacken, den Blick auf dem Fernsehgerät. Bilbao führt und vergibt eine Chance, der Barkeeper verschwindet hinter einem Vorhang, ein gedämpfter, gutturaler Schrei dringt hindurch, der Mann kommt zurück und zapft sich ein Bier.

Diese Stimmung ist im Stadion noch einmal potenziert. Das San Mamés ist ein Bijou, 2013 neu gebaut, in den Clubfarben angestrichen. Die Eckfähnlein sind in Rot-Weiss gehalten, die Stewards tragen kitschige Baskenmützen, vier Fünftel der Zuschauer Bilbao-Leibchen – vom 6-jährigen Knirps bis zum 70-jährigen Rentner. Weshalb trage sie denn ein Leibchen? «Welch Frage?! Das ist meine Mannschaft!», antwortet eine 19-Jährige.

Clubloyalität und Nationalismus

Ein Club wie Athletic hat eine Hymne. Sie wird geschrien. Erst ein lang gezogenes «Athleeeeeeeeeeetic», dann donnert ein «Eup!» durch das Stadion. Piccoloflöten setzen ein, Gesang erklingt. Es vibriert im San Mamés. Es macht sich breit ein Gefühl von Ergriffenheit, das entzückt und nachdenklich stimmt. Eine Melange aus Clubloyalität und Nationalismus.

Wo hört Ersteres auf, wo beginnt Letzteres? Dem Vorwurf einer baskischen Apartheid widerspricht, dass hier unter besagten Prämissen (Du musst Baske sein!) jeder dabei sein darf: Nationalisten wie Nichtnationalisten, Linke wie Rechte, Bischöfe wie Punks – unabhängig von Sprache, Rasse, Gesinnung. Der baskische Autor Ibon Zubiaur kam zum Schluss, dass der Fussball dem Nationalismus nicht nur Ausdruck verschafft. Er könne ihn auch ersetzen und Gruppen verbinden.

Bilbao spielt hart und läuft viel – ehrlicher Fussball. Sie beherrschen aber zugleich das Filigrane: Trainerlegende Marcelo Bielsa gewöhnte dem Club einst die langen Bälle ab und beschwor das Kombinationsspiel. Er verliess 2013 den Club im Zwist, von seinem Spielstil zehren sie noch heute.

Die Besten verlassen den Club

Bilbao siegt in der spanischen Liga häufig, hat auch schon Titel gewonnen und in der Champions League gespielt. ­Gegen die ganz Grossen wie Real und Barcelona hingegen verliert der Club regelmässig. Das hat mit dem geringeren Budget zu tun, aber auch mit der Personalpolitik. Weil den Spielern diese ­beschränkten Ambitionen bewusst sind, wechseln talentierte Eigengewächse wie Javi Martinez (Bayern), Ander Herrera (Manchester United) oder Llorente (Juventus) immer wieder zu grösseren ­Vereinen.

Also muss der Club innovativ sein: Bilbaos Nachwuchsförderung und Scouting gehören zu den besten in Spanien. Um nicht ganz den Anschluss zu verlieren, aber auch, um nicht als rassistisch zu gelten, hat der Verein zudem die Aufnahmeregeln gelockert, Stück für Stück. Regionen wie das französische Baskenland oder Navarra kamen dazu, später auch Kantabrien. Als Ralph N’Dongo, ein gebürtiger Kameruner, 2008 im Nachwuchs aufgenommen wurde, kam es zu hitzigen Diskussionen und rassistischen Kommentaren. Athletic musste plötzlich definieren, was ein Baske ist, wie er auszusehen hat. Einmal mehr änderte der Club die Grundsätze: «Wer mit seiner Familie länger im Baskenland lebt, darf heute für Athletic auflaufen», sagt Aitor Larrazabal, Leiter des Nachwuchszentrum, «egal, von wo er kommt.»

Die Regeln der Aufnahmebedingungen sind nirgends niedergeschrieben, die knapp 45 000 Mitglieder können sie jederzeit verändern. Noch bleiben die Regeln bestehen, noch verzichten die Fans darauf, den Verein für alle zu öffnen. Und José, der Barkeeper? Will er die Regeln lockern? «Lieber verlier ich Spiele als unsere Identität.» Er klopft mit der Faust auf das Wappen auf der Brust, auf sein Herz. Was auch immer.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.11.2015, 22:11 Uhr

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