Constantin engagiert Startenor Andrea Bocelli – dank Raclette

Der Präsident des FC Sion bringt es fertig, den weltberühmten Sänger für seinen Galaabend zu verpflichten – und hat bereits neue Ideen.

Er mag die Bühne, extravagante Auftritte an der Gala des FC Sion – und steht für Weiss-Rot ein: Christian Constantin.Foto: Urs Lindt/Freshfocus

Er mag die Bühne, extravagante Auftritte an der Gala des FC Sion – und steht für Weiss-Rot ein: Christian Constantin.Foto: Urs Lindt/Freshfocus

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Sie reisen im Privatjet, haben zig Trainer entlassen, schickten die Spieler einmal in ein Militärcamp und sind schon als Elvis aufgetreten: Christian Constantin, was ist für Sie das Verrückteste, das Sie je gemacht haben?
Das kommt wohl erst noch. Wobei verrückt: Wie definieren Sie dieses Wort? Was für Sie verrückt ist, muss es nicht unbedingt für mich sein.

Also: Was tun Sie als Nächstes?
Es ist mir gelungen, Andrea Bocelli am 14. März an der Gala des FC Sion dabei zu haben.

Wie haben Sie es geschafft, einen weltberühmten Sänger zu überzeugen, an einem Anlass aufzutreten, an dem Sauerkraut gegessen wird?
Ich bin im November nach Pisa geflogen und dann zu ihm nach Forte dei Marmi gefahren. Wir haben zusammen Raclette gegessen. Ich brachte einen Laib Käse und einen Racletteofen mit. Warten Sie. (Er sucht auf dem Mobiltelefon ein Video, das zeigt, wie er dem blinden Sänger Raclette serviert.) Voilà! Seine Frau und die Kinder waren auch da. Vier Wochen später war die Vereinbarung unterzeichnet.

Sie erzählen das so, als gäbe es nichts Einfacheres, als einen Weltstar zu verpflichten.
Ich kenne seinen Manager, der für ihn in den Emiraten Konzerte organisiert. Ich fragte ihn, ob sich etwas machen liesse. Er stellte den Kontakt her, machte einen Termin ab in Italien, und ich ging hin.

Singt bald für Constantin: Andrea Bocelli. Bild: Keystone

Und dann schwärmten Sie Bocelli von Ihrer Gala vor?
Ich habe erzählt, was abgeht: 7500 Besucher, tolle Stimmung. Und ich spürte, wie ich sein Interesse weckte. Seine Frau fand das auch eine gute Idee. Auch wenn es für Sie unglaublich klingt: Es ist wahr. Vieles ist eine Frage der menschlichen Beziehung und Sympathien. All das kann das Internet nie ersetzen.

Was kostet das Engagement?
Ich übernehme seine Spesen, sonst ist das Ganze gratis! Bocelli könnte sich für Privatkonzerte vorzüglich bezahlen lassen. Aber er ist kein Geldmensch, sondern einfach ein netter Mann. Er macht auch Charity-Sachen. Das zeigt, dass er ein grosses Herz hat. Im Februar kommt er nach Verbier. Da werde ich ihn zu einem Essen treffen. Am 14. März wird er wohl eine halbe Stunde singen. Wie lange er bleibt, ob er mit uns Sauerkraut isst – darüber unterhalten wir uns noch.

Sie haben sicher schon im Kopf, wer in Zukunft auch einmal die Bühne im Wallis betreten soll.
Vielleicht Céline Dion. Vielleicht Stevie Wonder. Aber zuerst müssen wir diesen Abend mit Andrea Bocelli stemmen.

Ist für Sie nichts unmöglich?
Doch, natürlich. Auch ich werde nicht ewig leben. Aber bevor man im Alltag akzeptiert, dass etwas unmöglich ist, sollte man versuchen, es möglich zu machen.

Wir hätten noch eine verrückte Idee: Sie könnten bei GC einsteigen.
(schmunzelt) Ich bin hier. Ich bin nicht in Zürich geboren.

Würde Christian Constantin in der Deutschschweiz funktionieren?
Der Deutschschweizer ist grundsätzlich sehr nett und stolz auf sich. Aber oft fehlt ihm der Mut. Ein lateinischer Typ wie ich hat nicht dieses Profil, wie ihr es habt. Ich will GC nicht übernehmen, wünsche mir aber, wieder gegen GC in der Super League zu spielen.

Sind Sie mit Vorsätzen ins neue Jahr gegangen?
Es gibt keinen Grund, sich am Jahresende etwas vorzunehmen. Wenn ich ein Problem habe, das mich am 31. Dezember um 17 Uhr plagt, wird es mich auch an Neujahr um 9 Uhr noch beschäftigen.

Wir hätten aber auch da einen Vorschlag.
Schiessen Sie los!

Sie könnten Frieden mit «Le Nouvelliste» schliessen. Sie fühlen sich von der Zeitung ungerecht behandelt und verweigern deren Journalisten die Akkreditierung.
Wir haben eine unterschiedliche Philosophie. Früher war André Luisier der Chef der Zeitung, er verteidigte die Region, die Walliser. Heute rückt die Zeitung vor allem das Negative in den Vordergrund. Zuletzt hatten wir vor dem Länderspiel Schweiz - Gibraltar in Sitten ein Gespräch, der «Nouvelliste» hatte sich darum über den Schweizerischen Fussballverband bemüht. Ich willigte ein. Der Präsident des SFV war da, der Präsident des Walliser Fussballverbandes, der Direktor des «Nouvelliste» und ich. Aber es gab keine Lösung.

Das heisst für Sie?
Die Diskussion ist für mich vorderhand beendet.

Sie können kompromisslos und hart sein. Was bedeutet für Sie Lebensqualität?
Das Gleichgewicht zu haben. Oft sind die Leute, die in Pension gehen, zuerst noch zufrieden. Aber viele werden bald danach krank oder sterben sogar. Weil sie mit der Leere nicht umgehen können.

Könnten Sie es?
Nein. Ich wüsste nicht, wie. Genau darum ist das Gleichgewicht so wichtig für mich, also: mit regelmässigem Boxtraining etwas für den Körper zu machen, etwas für den Job zu machen und etwas für die Gesellschaft. Manchmal dreht mein Motor zu hochtourig, wenn ich zu viele Probleme regeln muss.

Woher nehmen Sie die Energie und die Zeit?
Ich versuche, effizient zu sein. Wo gewinne ich Zeit? Bei meinen Reisen zum Beispiel, darum bin ich mit dem Flugzeug oder dem Helikopter unterwegs. Wenn ich ein Meeting in Zürich habe, bin ich sehr schnell wieder zurück im Wallis. Damit ich die Energie nicht verliere, muss ich aktiv im Körper und im Geist sein. Natürlich muss man Schädliches vermeiden: Ich habe noch nie Drogen angerührt.

Liebt Extravaganz: Christian Constantin. Bild: Keystone

Haben Sie nie ein schlechtes Gewissen, wenn Sie im Privatflieger unterwegs sind?
Der Klimawandel ist ein Thema, das man differenziert einordnen muss. Der Anteil der Schweiz am weltweiten CO2 ist absolut marginal. Wenn unsere Freunde in China, in den USA und Indien weitermachen wie bisher, wird sich das Problem verschärfen. Aber wenn in der Schweiz ab morgen jeder Haushalt das Licht ausmacht, keine Autos mehr fahren und keine Flugzeuge mehr fliegen, wird sich am Klimawandel kaum etwas ändern. Wir können beschliessen: Wir wollen keine Atomkraftwerke mehr in der Schweiz. Dann kommen die Franzosen und bauen eines gleich hinter Genf oder in Mülhausen. Sollten Probleme auftreten, können wir nicht sagen: Das tangiert uns nicht, wir haben ja die Grenze dazwischen.

Kümmert die Klimaaktivistin Greta Sie wenig?
Das sage ich überhaupt nicht. Es gibt Punkte, in denen ich ihr beipflichte. Aber es gibt auch welche, da bin ich nicht einverstanden. Es wäre wichtig, wenn ihre Botschaften endlich in China, in den USA und in Indien ankämen.

Sie sind 63 und denken ja nicht daran, das Tempo zu drosseln. Treibt das Geld Sie an?
Ach, Geld brauche ich, um meine Business-Ideen umzusetzen.

Könnten Sie auch für eine ­soziale Einrichtung arbeiten?
Ich engagiere mich in verschiedenen Bereichen für Benachteiligte. Anfragen erhalte ich mehrere pro Woche. Wenn ich finde, dass es Sinn macht und ich jemandem helfen kann, tue ich das. Aber ich muss das nicht überall erzählen.

Nächstenliebe hört bei Ihnen aber auf, wenn es um die Beurteilung Ihrer Trainer geht.
Das ist etwas anderes. Sie sind Angestellte, die Lohn erhalten. Dafür müssen sie arbeiten. Wenn das nicht der Fall ist, müssen wir eine Lösung finden.

Constantins und sein neuester Trainer: Ricardo Dionisio Pereira. Bild: Keystone

Sie sind seit insgesamt mehr als 20 Jahren Präsident und eine der grössten Konstanten im Schweizer Fussball. Wer hat Sie vor allem geprägt?
Louis Maurer, der bis ins hohe Alter noch Trainer war. Er sagte: «Es ist Mode, im Fussball zu kopieren. Wenn die Deutschen Weltmeister sind, glauben alle, sie müssten rennen können wie sie, dann haben sie Erfolg; wenn die Brasilianer den Titel holen, trainieren alle nur noch mit dem Ball.» Mich beeindruckte Angelo Moratti, einst Präsident von Inter, der in den Sechzigerjahren Geschäftliches mit dem Fussball verband. Ich mochte Xamax-Präsident Gilbert Facchinetti. Seine Leidenschaft, sein Arbeitseifer – fantastisch! Wichtig war André Luisier, der frühere Sion-Präsident. Und der ehemalige Marseille-Präsident Bernard Tapie hatte ein grosses Talent: Wenn er fand, Wein produzieren zu müssen, tat er das. Sobald er fertig war, entdeckte er etwas Neues.

Sie sind ja auch flexibel. Sie wollten den 74-jährigen Mircea Lucescu als neuen Trainer, eine Bekanntheit im europäischen Fussball – und holen dann den 37-jährigen Ricardo Dionisio Pereira aus Nyon.
Ich hatte die Wahl: Entweder hole ich einen Trainer mit grossem Ruf. Oder einen Jungen, Unverbrauchten. Lucescu war hier, hatte aber einen operativen Eingriff hinter sich. Darum riet ihm der Arzt zu einer Pause. Ich redete auch mit Marc Wilmots. Dann schlug ein Agent Pereira vor. Ich traf den Trainer und fragte ihn: «Was kannst du dem FC Sion bringen?» Er sagte: «Spiel und Intensität.» Meine Antwort: «Gut. Du übernimmst.» Das ist jetzt seine Mission.

Gibt es überhaupt den perfekten Trainer für Sie?
Vermutlich nicht.


Dritte Halbzeit – der Tamedia Fussball-Podcast

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Erstellt: 19.01.2020, 09:15 Uhr

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