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«Da habe ich mir das Schlafen beigebracht»

Unter Marcel Koller hat der FC Basel das Siegen wieder gelernt. Der 57-jährige Trainer über seine Arbeitsweise, Lehren im Ausland – und die Rollen bei seinem neuen Club.

«Meine Position ist wichtig und doch nicht alles. Ich bin auf ein Team rundherum angewiesen.»
«Meine Position ist wichtig und doch nicht alles. Ich bin auf ein Team rundherum angewiesen.»
Keystone

Er kam Anfang August – und richtete eine taumelnde Mannschaft in bemerkenswertem Tempo auf: Seit Marcel Koller Trainer des FC Basel ist, scheint das Siegen wieder eine Selbstverständlichkeit zu sein. In sechs Partien gab es sechs Erfolge. Sieg Nummer 7 wird heute im Letzi­grund gegen den FC Zürich angestrebt. Das gelang vor allem auch, weil der 57-jährige Zürcher auf routinierte Kräfte setzte. Das entspricht zwar nicht dem gross vermarkteten Konzept des «neuen» FCB, das spektakulären Fussball mit jungen Einheimischen versprach. Aber weil Koller als Retter in der Not angetreten ist, darf er sich wohl weiter von den Vorgaben des Präsidiums entfernen, als das seinem Vorgänger Raphael Wicky durchgelassen worden wäre.

Haben Sie schon Ferien nötig?

Nein, nein. Es ist sehr intensiv, aber schön. Ich habe mir das so gewünscht, jetzt ist es eingetroffen.

Der Rhythmus ist sicher höher als während Ihrer Zeit als Nationaltrainer in Österreich.

In den bisherigen drei Wochen war der Rhythmus ziemlich hoch. Das ist normal, wenn du neu bist und ohne Vorbereitung sofort Er­gebnisse liefern sollst, dazu musst du erst die Spieler sowie das ganze Umfeld kennen lernen. Die wichtigste Frage war: Was geht ab, wo müssen wir die Hebel ansetzen?

Und Ihre Antwort?

Ihnen gut zureden, optimistisch sein, auf diese Weise Selbstvertrauen geben – das war das Wichtigste. Wer das nicht hat, fängt an zu zweifeln.

Sie sagten in Österreich einmal, Sie hätten Entzugserscheinungen, weil Sie so wenig auf dem Platz arbeiten konnten. Die haben Sie jetzt nicht mehr.

Das war, als ich vom Club- zum Nationaltrainer geworden bin. Ich hatte die Spieler zehn Tage zur Verfügung – dann gingen sie wieder, und ich sah sie drei Monate lang nicht mehr. Im Verein ist das anders und darum ein Vorteil, wenn ich zum Beispiel meine Ideen vermitteln will.

Haben Sie dafür als Clubtrainer eher einmal eine schlaflose Nacht?

Bis jetzt hatte ich hier mit dem Schlaf keine Probleme. Ich lasse mich von Dingen, mit denen ich mich im Alltag befasse, nicht mehr vom Schlaf abhalten.

Konnten Sie nicht immer gut abschalten?

Es gab eine Phase in Deutschland. In der Kölner Zeit konnte ich einmal drei Nächte hintereinander nicht schlafen. Weil es nicht lief, weil wir keine positiven Ergebnisse hatten…

… und weil Sie keine Lösungen fanden?

Das Problem ist, dass du die Lösung nicht nur im Kopf haben darfst. Du musst sie auch auf den Platz bringen. Ich habe mir damals im Selbststudium gesagt: Nein, jetzt ist fertig, so geht es nicht, sonst kommt das gar nicht gut. Da habe ich mir das Schlafen beigebracht.

Wie geht das? Haben Sie Schäfchen gezählt?

Ja, bis 5799. Und dann ging es.

So einfach ist das?

Also für mich. Das ist wahrscheinlich typenabhängig.

Aber das mit den Schäfchen stimmt nicht, oder?

Vielleicht habe ich nicht so weit gezählt (lacht). Aber ich habe mir gesagt: So, du musst jetzt schlafen. Am nächsten Tag muss ich fit vor der Mannschaft stehen, ich muss Ausstrahlung haben und Zuversicht zeigen, auch wenn wir verloren haben. Das funktioniert nur, wenn man erholt ist.

Sie waren vor Ihrer Unterschrift in Basel zehn Monate lang ohne Anstellung. Hatten Sie je Zweifel?

Zweifel… Die gibt es zuweilen schon. Aber diesmal war es so, dass ich viele Anfragen erhielt. Nur: Es müssen zwei Seiten einverstanden sein. Ich fühlte mich nicht bereit, ich benötigte eine Pause. In den sechs Jahren in Österreich war ich oft sieben Tage pro Woche mit ­meinem Job beschäftigt. Von ­Montag bis Freitag war ich meistens im Büro, an den Wochen­enden in den österreichischen ­Stadien. Oder ich reiste ins Ausland, um Spieler zu besuchen. So bin ich halt: Da, wo ich arbeite, tue ich das, ohne auf die Uhr zu schauen. Die Leute erwarten ja auch ­etwas von mir.

Sie sind 57 …

… schon …

… Grossvater …

… auch schon. Und bereits drei­facher!

Wie haben Sie sich verändert, seit dem Jahr 2000, als Sie mit St. Gallen Meister geworden sind?

Das Haar war damals wohl etwas voller (lacht).

Aber was für einen Trainer hat der FC Basel mit Ihnen bekommen?

Einen mit viel Erfahrung. Ich habe meinen eigenen Weg, wie ich eine Mannschaft führen will, gefunden. Ich absolvierte schon sehr früh meine Trainerausbildung und setzte mich als Spieler mit der Arbeit des Trainers auseinander. Jenen, unter denen ich damals bei GC gespielt habe, habe ich auf die Finger geschaut und machte mir danach Notizen. Wie hat der eine diese Situation gelöst, wie ist der andere mit diesem Problem umgegangen?

Und was haben Sie mit diesen Notizen gemacht? Ordner gefüllt?

Ich habe sie aufbewahrt. Mittlerweile habe ich einiges entsorgt, auch wenn meine Frau sagt, ich hätte immer noch viel zu viel davon. Ich habe meinen Rucksack mit Beobachtungen gefüllt. Aber ich bin kein Schauspieler, ich kann nicht einfach etwas nachmachen. Alles ist abhängig von der Situation. Musst du hart reagieren? Den Spieler einmal stehen lassen? Oder ihn einmal in den Arm nehmen? Ob der Spieler mir nun passt oder nicht: Mein Ziel ist es, das Optimum aus ihm herauszukitzeln.

Wie haben Sie sich als Mensch verändert?

Ich bin dank meinen Auslandaufenthalten offener geworden. Ich war Schweizer durch und durch. Im Ausland bin ich etwas lockerer geworden und sehe vielleicht nicht immer alles so eng.

Was meinen Sie mit: durch und durch Schweizer?

Wir haben hier unsere Insel. Wie schön haben wir es doch hier! Trotzdem jammern einige immer wieder. Wenn du einmal reist, siehst du, dass wir es verdammt gut haben und im Paradies daheim sind. Man muss lernen, das zu schätzen.

Sie sagten einmal auch, dass Sie in Österreich gelernt haben zu geniessen. Wie geniessen Sie?

Es ist der Moment, den ich bewusster lebe. Das kann nach einem langen Tag das Abendessen sein, bei dem ich mich nicht stressen lasse.

Wie lange sind Ihre Tage derzeit?

Heute zum Beispiel bin ich um 7.30 Uhr vom Hotel losgefahren, um 7.40 Uhr war ich im Stadion. Jetzt ist Nachmittag, ich gebe Interviews, bevor ich eine Scouting-Sitzung habe, eine Wohnung besichtige, das Spiel gegen den FCZ vorbereite und nach dem Abendessen mit Videostudium weitermache. Also bis Mitternacht dauert das Programm schon.

Suchen Sie in Basel eine Wohnung, weil Sie das Gefühl haben, dass Sie in der Region leben müssen, um sie auch verstehen zu können?

Auch, ja. Ich will mich nicht nur im Stadion aufhalten, sondern spüren, wie und was die Menschen in Basel denken. Und ich will nicht eine Stunde für den Arbeitsweg aufwenden. Die Nerven kann ich anderweitig einsetzen.

Sind Sie als Trainer schon einmal mit so viel Begeisterung begrüsst worden wie nun in Basel?

In Österreich waren sie nicht so ­begeistert am Anfang, aber mit der Zeit dann schon (lacht). Und sonst? St. Gallen … Ist schon ewig her. Und jetzt in Basel …

... sind Sie als Zürcher willkommen.

Das ist schön, ja.

Sie kamen in der Position der Stärke.

Ich sehe das nicht so. Und wenn es doch so wäre, würde ich diese Position nie ausnützen. Weil es mir um die Sache geht, um den Club. Und wenn wir von der guten Stimmung reden: Wenn die Resultate stimmen, ist schnell alles super. Ich finde die guten Ergebnisse ja auch wunderbar, es ist erfreulicher, wenn die Leute jubeln statt pfeifen oder buhen. Aber es kann nicht immer alles laufen, wie es laufen sollte. Man kann 90 Prozent Ballbesitz haben und das Spiel trotzdem verlieren. Eine kleine Unachtsamkeit – und schon passiert es. Dieses Bewusstsein lehrt dich eine gewisse Demut.

Wer ist der Chef beim FCB?

Der Präsident.

Wer ist der wahre Chef beim FCB?

Auch der Präsident.

Und Sie?

Ich bin der Trainer.

Immerhin der wichtigste Angestellte.

Meine Position ist wichtig und doch nicht alles. Ich bin auf ein Team rundherum angewiesen.

Aber Sie müssen die Richtung vorgeben.

Klar. Ich muss einen Plan entwerfen, wohin es gehen soll. Und ich muss Entscheide treffen, die durchaus unangenehm sein können, wenn ich zum Beispiel einem Spieler mitteilen muss: Sorry, für dich reicht es nicht. Obwohl er das natürlich ganz anders sieht.

Bei Ihrem Amtsantritt sagte Sportchef Marco Streller den bemerkenswerten Satz: «Marcel Koller und ich werden sicher darüber reden, wie meine Rolle aussieht, wie die Rolle des Präsidenten aussieht.» Ist darüber gesprochen worden?

Nein, bis jetzt fehlte die Zeit. Priorität hatte es, Stabilität in die Mannschaft zu bringen und Resultate zu erzielen.

Ihr Vorgänger Raphael Wicky hat seinen Auftrag, den er von der Clubleitung erhielt, so definiert: «Verkleinern, verjüngen, verbaslern.» Steht das auch in Ihrem Pflichtenheft?

Das Verjüngen ist Teil des Modells in Basel, das wurde mir so auch gesagt. Und wir versuchen das umzusetzen. Aber massgebend sind die Ergebnisse, und wenn die gut sind, geht es allen in Basel besser, als wenn wir dauernd drei, vier Junge einsetzen, aber verlieren. Wir haben Talente, aber einigen fehlen die Geduld und die Ruhe. Zu Beginn war es mir wichtig, dass wir rasch Erfolg hatten, und meines Erachtens war das eher möglich mit älteren, routinierteren Spielern.

Das ist aber keine Abkehr vom Konzept, mit dem der FCB vor etwas mehr als einem Jahr in eine neue Ära gegangen ist?

Ich war damals nicht dabei.

Und was ist mit dem Wunsch der Clubleitung, mehr Basler zu integrieren?

Ich würde den Wunsch gern erfüllen. Aber es müssen eben auch Einheimische da sein, die fähig sind, auf höherem Level mitzu­halten.

Der FCB hat mit Carlos Zambrano einen 29-jährigen peruanischen Innenverteidiger von Dynamo Kiew geholt. War das Ihr Transfer? Oder einer von Marco Streller?

Es war unsere gemeinsame Idee.

Wer kam auf den Namen?

Ich weiss es nicht mehr.

Dürfen Sie noch einen Spieler verpflichten?

Wenn sich eine ideale Lösungergibt, ist das denkbar.

War der FC Basel zu Ihrer Zeit als Spieler ein Erzrivale für die Grasshoppers?

Nein. Ausserdem verbrachte der FCB damals ja auch eine gewisse Zeit in der Nationalliga B.

Also hatten Sie eher Mitleid.

Dazu sage ich nichts (schmunzelt). Mit Basel verbinden mich einige positive Erinnerungen. Unter Trainer Helmut Johannsen spielte ich für GC erstmals von Anfang an im Joggeli, er stellte mich als Zehner auf, und ich traf zweimal da unten (er zeigt auf das Tor vor der Muttenzerkurve). Wir gewannen 3:2, am Ende hatte ich grausame Krämpfe. Mein erstes Länderspiel in der Startformation absolvierte ich 1983 ebenfalls hier und das gegen Brasilien mit Socrates.

Trotzdem: Ist der FC Basel für Sie nur eine Zwischenstation, weil Sie irgendwann wieder in der Bundesliga landen möchten?

Jetzt bin ich in Basel und denke nicht schon wieder an Abschied.

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