Da habt ihr den Dreck

Wer Autokraten hofiert und stets nur dem Geld folgt, muss sich nicht über Neonazis und Kriegspropaganda in seinen Stadien wundern – der Fussball braucht einen heilsamen Knall.

Die türkischen Nationalspieler jubeln mit einer Militärsalute.

Die türkischen Nationalspieler jubeln mit einer Militärsalute. Bild: Emrah Yorulmaz/Getty Images

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Ups, da haben sie es tatsächlich schon wieder getan. Kaum sind die Bilder etwas verblasst, wie türkische Spieler im Stadion provokative Kriegspropaganda betreiben. Beinahe hat man sich die ekelhaften ­Affenlaute bulgarischer Neonazis aus den Ohren gespült. Da entscheidet der europäische Fussballverband Uefa am Freitag, dass Teams aus ­dem Kosovo und Russland künftig nicht mehr gegeneinander gelost werden dürfen. Zu gefährlich, zu risikobehaftet. So lautet das Argument.

Die Uefa will offenbar nicht aus ihren Fehlern lernen. Und sie könnte an der Europameisterschaft 2020 teuer dafür bezahlen. Neonazis sowie Militärsalute bei Nationalspielen auf der einen Seite. Und Partien, die wegen der politischen Grosswetterlage von vornherein verboten werden, auf der anderen: Das hat nur vordergründig nichts miteinander zu tun. Tatsächlich hat sich die viel zitierte «Fussball-Familie» den ganzen Dreck selbst herangezüchtet, der diese Woche auf die TV-Schirme gespült worden ist.

Uefa-Präsident Aleksander Ceferin.

Wer kann erwarten, dass sich Spieler und Zuschauer auch nur an minimale ­Standards halten, wenn bei Verbänden, Ligen und Grossclubs immer das Fressen vor der Moral kommt? Wenn europäische Endspiele an einen autoritären Staat wie Aserbeidschan vergeben werden und Weltmeisterschaften nach Russland und Katar? Wenn der FC Bayern keine Probleme hat, saudisches Geld anzunehmen – und ­wenn die Bussen für Socken des ­falschen Ausrüsters höher ausfallen als jene für Rassismus auf den Rängen?

Mit den hässlichen Bildern aus Paris und Sofia hat der Fussball eine kleine Teilrechnung dafür erhalten, dass er eine riesige Lüge lebt: Er versteckt sich hinter der Behauptung, Sport sei nicht politisch. Aber es ist nicht unpolitisch, Endrunden an autokratische Regime zu vergeben. Es ist auch nicht unpolitisch, sich niemals kritisch zu Autokraten und Kleptomanen zu äussern. Wer sich immer enthält, dessen Schweigen wird irgendwann so laut, dass es in den Ohren schmerzt.

Es gibt einen Grund, warum Machthaber wie Wladimir Putin in Russland oder Ilham Alijew in Aserbeidschan so gerne grosse Fussballspiele in ihr Land holen. Und warum der türkische Präsident ­Recep Erdogan so oft mit Fussballern fotografiert wird. Der Fussball bietet Euphorie, Fahnen, Hymnen. Alles, was sie brauchen, um ihre Egos zu streicheln und ihre Politik emotional aufzuladen.

Wegen seiner Gier verkauft der Fussball seine Kraft einfach so an Autokraten

Man könnte es tragisch nennen, dass der Fussball diese Kraft einfach so den Nationalisten überlässt. Anstatt sie dafür einzusetzen, was er sich offiziell auf die Fahne geschrieben hat: Völkerverständigung, Antirassismus, eine positive Lebensschule. Aber es ist noch schlimmer: Es ist die pure Gier aller Beteiligten, die den Sport zu den Autokraten hinzieht.

Und um ja keine Geldgeber zu verschrecken, werden junge Fussballer zu hirn- und vor allem meinungslosen Tanzbären herangezogen. Besser, sie essen in Dubai ein vergoldetes Steak, als dass sie sich darum kümmern, wie es der nächste WM-Gastgeber mit so etwas Komplexem wie etwa Menschenrechten hält.

Wobei das den meisten Fussballprofis wohl sowieso zu anstrengend wäre. Und vermutlich ist es auch von einem Konzepttrainer wie Pep Guardiola zu viel verlangt, sich ­Gedanken darüber zu machen, ob die ­Millionen für seinen nächsten Innenverteidiger wohl vom selben Konto in Abu Dhabi kommen, von dem aus der Bürgerkrieg im Jemen mitfinanziert wird.

Eigentlich muss man hoffen, dass der Uefa die EM 2020 so richtig um die Ohren fliegt

Natürlich hat Aleksander Ceferin nach den Hitlergrüssen von Bulgarien dem ­Rassismus «den Krieg» erklärt. Aber der Präsident der Uefa muss verstehen, dass bulgarische Neonazis nur das Symptom für die Probleme seiner Organisation sind. In einer Welt, in der Demokratien von autoritären Systemen herausgefordert werden und ein aufkommender Nationalismus Konflikte zwischen Ländern schürt, kann sich ein Verband wie die Uefa nicht aus allen Konflikten heraushalten.

Im Gegenteil. Der Fussball muss seine Kraft dazu nutzen, Forderungen zu stellen. Nichts Übermenschliches wie der Weltfriede. Nur ganz einfache Regeln: zum Beispiel, dass Gastgeberländer von Endspielen und -runden ethische Grundstandards einhalten. Dass ausgeschlossen wird, wer nicht belegen kann, dass er aktiv gegen Rassismus auf den Tribünen vorgeht. Und vor allem: Dass niemand sich aussuchen darf, gegen wen er nicht antreten will.

Genau das aber lässt die Uefa immer häufiger zu. Das Verbot von Spielen zwischen Teams aus dem Kosovo und Russland ist nur das jüngste einer länger werdenden Reihe. Spanien weigert sich, gegen Gibraltar zu spielen, die Ukraine will nicht gegen Russland – und Kosovaren sind auch bei Bosniern und Serben ungern gesehen.

Bulgarische Fans während dem Spiel gegen England, das zwei Mal unterbrochen werden musste. (Bild: Getty Images)

Das alles könnte der Uefa an der Euro 2020 ein Chaos einbringen. Russland und die Ukraine sind für die Endrunde qualifiziert, ­der Kosovo, Serbien und Bosnien haben alle Chancen, sich ebenfalls ans Turnier zu spielen. Als ob das nicht genug wäre, wird der Kosovo von vier der zwölf Austragungsländer nicht anerkannt: Rumänien, Aserbeidschan, Spanien und Russland. In den letzten zwei Ländern gilt die Kosovo-Fahne gar als verbotenes Symbol.

Die EM 2020 war mal als transeuropäisches Fussballfest geplant. Jetzt könnte es sein, dass sie der Uefa um die ­Ohren fliegt. Eigentlich muss man sogar hoffen, dass es so kommt. Weil der Fussball einen Knall braucht, der ihn mal so richtig aufweckt.


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Erstellt: 19.10.2019, 23:42 Uhr

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