«...dann droht die Entlassung»

Vladimir Petkovic spricht nach dem harzigen YB-Saisonstart über Team und System, Philosophie und Ziele. Und der Trainer erklärt, wie YB in der 3.Qualifikationsrunde zur Champions League gegen Fenerbahçe gewinnen kann.

Petkovic: Er spricht über die Ziele von YB.

Petkovic: Er spricht über die Ziele von YB. Bild: Keystone

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Wie zufrieden sind Sie mit dem Saisonstart der Young Boys?
Es gab gute Momente, es gab aber auch schlechte Phasen. Insgesamt haben wir zwei Punkte weniger als budgetiert. Wir haben uns viele Torchancen erspielt, aber erst nach einem Eckball und nach einem Freistoss getroffen. Das muss und wird besser werden.

Aber Titelkonkurrent Basel hat schon vier Punkte mehr ...
... ach, es dauert noch 34 Runden. Unser Rückstand stört mich noch nicht. Wir haben jetzt ein breiteres Kader, das wird sich im Verlauf der Saison auszahlen. Aber die vielen neuen Spieler müssen zuerst richtig integriert werden, das dauert und geht nicht von heute auf morgen.

Spüren Sie jetzt grösseren Druck als letzte Saison?
Druck ist immer da. Stimmen die Resultate nicht, dann droht die Entlassung, das gehört zum Berufsrisiko. Wenn wir die nächsten fünf Spiele verlieren, brennt es, dann fordern die Medien einen Trainerwechsel, das ist völlig normal. Aber ich habe bei YB einen Vertrag bis 2013, wir wollen etwas aufbauen. Und wir sind auf einem sehr guten Weg. Manchmal ist es jedoch störend, wie schnell es geht. Zwei Spiele ohne Sieg zum Saisonstart, und schon wissen alle alles besser.

Wie meinen Sie das?
Ich habe schon meine Antennen, ich bekomme mit, was erzählt und geschrieben wird. Die Erwartungen sind sehr hoch an uns, das ist schön und ein Zeichen, dass wir zuletzt gut gearbeitet haben. Aber man darf die Relationen nie verlieren.

Und wie sehen die aus?
Wir haben ein sehr junges Team, wir bilden die Spieler aus, das braucht Zeit. Der FC Basel zum Beispiel hat deutlich mehr fertige, teure Profis als wir. Wir haben jetzt Christoph Spycher als absoluten Leader geholt, die anderen Zugänge aber sind noch jung, teilweise unerfahren. Man darf einfach keine Wunderdinge in kurzer Zeit erwarten.

Aber dann ist es doch gefährlich, wenn der Verein die offiziellen Saisonziele so ambitioniert definiert. Wenn YB Zweiter wird, den Cupfinal gegen den FCB verliert und sich auch nicht für die Gruppenphase der Champions League oder der Europa League qualifiziert, dann sind die Ziele nicht erreicht worden.
Man muss sich hohe Ziele setzen. Und es ist ja nicht so, dass ich nicht daran glauben würde, dass wir Meister werden. Das Gegenteil ist der Fall. Aber das ist ein Prozess, die Veränderungen im Kader sind gross. Und wir haben in den zwei Saisons zuletzt meistens überzeugt. Sind 149 Punkte in 68 Spielen nichts? YB-Siege sind einfach eine Selbstverständlichkeit geworden.

Bern wartet auf einen YB-Titel.
Sicher, das verstehe ich. Wir arbeiten hart daran. Die Zuschauer kommen gerne an unsere Spiele, die Zuschauerzahlen steigen regelmässig. Ich denke, wir bieten einen attraktiven, offensiven Fussball. Es ist immer einfacher, bloss zu verteidigen.

Das sagt Bayerns Trainer Louis van Gaal auch über die Spielweise von Inter Mailand unter José Mourinho oder der Schweiz an der WM unter Ottmar Hitzfeld ...
... und es stimmt doch. Wäre es schön, wenn YB so spielen würde wie Inter im Rückspiel im Champions-League-Halbfinal in Barcelona? Nein, und das ist auch nicht meine Art. Ich will nach vorne spielen, ich will gewinnen und dabei wenn möglich auch guten Fussball zeigen.

Über Ihre Dreierkette in der Abwehr wird wieder debattiert.
Ja, das weiss ich. Ich diskutiere gerne über Systeme. Und ich bin überzeugt, dass es entscheidend ist, während einer Partie das System wechseln zu können. Das haben wir übrigens in den ersten zwei Spielen in dieser Saison gemacht. Wir müssen in jeder Beziehung flexibel sein. Wir werden auch mal mit vier Spielern hinten agieren, das ist für mich kein Problem. Aber ich finde, dass die Dreierkette ideal ist.

Und warum spielen dann so wenige Teams damit?
Das ist genau das Problem vieler Leute. Weil sie etwas nicht kennen, kann es nicht gut sein. Man braucht Zeit, um ein System einzuüben, diese Zeit fehlt den meisten Trainern. Josep Guardiola bei Barcelona und Jürgen Klinsmann bei Bayern wollten auch mit einer Dreierkette hinten spielen, aber als die Resultate fehlten, stellten sie rasch wieder um. Sicher ist ja sicher. Im Übrigen haben wir letzte Saison bis zum 34. Spieltag am wenigsten Gegentore erhalten.

Dennoch gefällt die Dreierkette nicht allen. Und bei 22'500 Zuschauern im Stadion hat es halt auch 22'500 potenzielle Trainer. Gegen Luzern tat sich der neue Verteidiger Ammar Jemal noch schwer, er wirkte auch nicht besonders schnell. Und das muss man in der Dreierkette ja sein.
Oh, Jemal ist sehr schnell, da gibt es auch Auswertungen vom Sprinttraining. 15 Minuten nach der Pause waren nicht gut, das stimmt, da waren wir auf der linken Seite schwach. Aber das lag nicht nur an Jemal. In unserem System müssen auch die Aussenspieler im Mittelfeld konzentriert nach hinten arbeiten. Zudem ist es, je nach Spielsituation, bei uns auch eine Viererkette. Das kommt schon gut, und wir könnten ja auch vier Punkte mehr haben, wenn es nicht zwei falsche Schiedsrichterentscheidungen gegen uns gegeben hätte. Doch wir jammern nicht, das bringt uns nichts.

Interessant wird trotz vieler starker YB-Offensivspieler auch sein, wer die 30 Tore von Seydou Doumbia erzielen soll.
Ja, wir haben übrigens nicht nur Doumbia verloren, sondern mit Gilles Yapi auch den Spielmacher sowie mit Saif Ghezal im letzten Winter einen sehr starken Abwehrspieler. Das darf man nicht vergessen. Doch ich glaube, wir haben gute, junge Fussballer geholt. Und wenn drei Spieler je 15 Tore erzielen werden, wäre das auch nicht schlecht. Henri Bienvenu wird sehr wertvoll sein, Moreno Costanzo kann Tore schiessen, auch Alberto Regazzoni und David Degen, und mit Marco Schneuwly sowie Senad Lulic sind zwei Offensivspieler da, die zuletzt ein halbes Jahr verletzt waren. Auch sie werden wichtig werden. Und der junge Emanuel Mayuka darf sich in Ruhe entwickeln, er ist sicher jetzt noch nicht so weit, der Nachfolger von Seydou Doumbia zu sein.

Und warum hat YB im Sommer nicht einen Stürmer geholt, der bereits etabliert ist?
Es kostet sehr viel Geld, einen Spieler zu verpflichten, der wie Alex Frei bei Basel mindestens 20 Saisontore garantiert. Unser Weg ist ein anderer und richtig für YB, selbst wenn es vielleicht nicht allen passt, dass wir mehr mit jungen Spielern arbeiten, die man dann vielleicht mal wie Doumbia für viel Geld verkaufen kann. Wir planen langfristig.

YB hat hohe Ziele, braucht aber kurzfristig Erfolg. Was liegt im Europacup drin?
Wir wollen uns für eine Gruppenphase qualifizieren, im Idealfall in der Champions League. Aber das wäre eine Sensation, das darf man nicht vergessen. Fenerbahçe Istanbul ist ein europäischer Topklub mit einem deutlich höheren Budget und wesentlich mehr Europacup-Erfahrung als YB. Wir müssen zweimal eine Topleistung zeigen, dann können wir Fenerbahçe herausfordern. Wenn wir weiterkommen, wären wir mindestens schon in der Europa League. Und bloss noch eine weitere Überraschung von der Champions League entfernt.

Erstellt: 27.07.2010, 14:43 Uhr

«YB-Siege sind eine Selbstverständlichkeit geworden»: Trainer Vladimir Petkovic kämpft mit hohen Erwartungen – und richtet nach dem 1:1 gegen Luzern am Samstag seine Spieler wieder auf. (Bild: Andreas Blatter)

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