«Darum müssen einige die Verantwortung übernehmen»

Der Walliser Gianni Infantino erklärt im Interview, weshalb er Fifa-Präsident werden will – und schafft sofort Transparenz.

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Gianni Infantino, Sie zu erreichen, ist eine echte Herausforderung! Wo sind Sie gerade?
Ich bin in Dubai, im Transit zwischen Malaysia und Istanbul.

Wie viele Länder haben Sie seit dem Jahresbeginn besucht?
Rund siebzig.

Und da wissen Sie immer, wo Sie sich gerade befinden?
Ehrlich gesagt: nein. Ich weiss nicht mehr, ob es Morgen oder Abend ist, ob ich gerade das Morgenessen zu mir nehme oder ob ich mich zu einem Nachtessen an den Tisch setze. Aber da ich in den Wogen des Fussballs ein Bad nehmen darf, macht mir das nichts aus. Ausserdem schlafe ich ganz gut im Flugzeug.

Wie verläuft Ihre Kampagne?
Sehr gut. Das ist eine einmalige Erfahrung, unglaublich. Ich habe zahlreiche Persönlichkeiten kennengelernt, die im Fussball arbeiten, oft unter schwierigen Bedingungen - aber immer mit Leidenschaft. Reisen um die Präsidenten der Verbände in ihrem Land besuchen, direkt mit ihnen sprechen und ihr Feedback erhalten zu können, stimmt mich für den weiteren Verlauf sehr zuversichtlich.

Benutzen Sie dieselben Argumente, wenn Sie die USA oder Madagaskar für sich gewinnen wollen?
Der rote Faden in allen Gesprächen ist mein Programm. Ich halte es für gut, realistisch und universal. Trotzdem denke ich, ein Schlüssel zum Erfolg wird sein, dass ich mich für die spezifischen Probleme jedes Landes interessiere. Auf jedes Treffen bereite ich mich akribisch vor, damit ich die lokalen Besonderheiten kenne und darauf eingehen kann. Und oft gelingt mir das auch.

Welche Argumente funktionieren am besten?
Die Entwicklung des Fussballs. Natürlich rede ich von Reformen, das ist wesentlich. Ich präsentiere auch die neue Demokratie der Fifa, die jeden Verband zu Wort kommen lässt. Auch das sind Punkte, die sehr gut ankommen. Was allerdings überall ins Schwarze trifft, ist die Entwicklung des Fussballs, egal ob in Paraguay, in den USA, im Iran oder dem Südsudan. Die Leute schätzen es, jemandem zuzuhören, der ihnen - endlich - darlegt, wie der Sport bei ihnen daheim gefördert werden kann. Das ist meiner Meinung nach unsere grundlegende Aufgabe. Es geht nicht um Macht, Politik oder Geld. Auch wenn die Weiterentwicklung natürlich mit der Erhöhung der Personal- und Finanz-Ressourcen einher geht.

Sie befürworten eine WM mit 40 Teams. Sagt man Ihnen nicht, dass das zu viele sind?
Manche Leute tun das. Aber die grosse Mehrheit ist dafür. Zu viele? Ich erinnere nur daran, dass 40 Mannschaften bloss 19 Prozent der Fifa-Mitglieder ausmachen. Zum Vergleich: 45 Prozent aller Mitglieder der Uefa nehmen an der EM teil, 24 von 54. In Europa hat sich die Vergrösserung des Teilnehmerfeldes von 16 auf 24 als sehr positiv erwiesen. Mehr Menschen erhalten so die Chance teilzunehmen. Wir haben während der Qualifikation eine aussergewöhnliche neue Dynamik beobachtet, weil mehr Länder träumen dürfen. Ganz abgesehen davon, dass mehr Teams auch mehr Einnahmen bedeuten, die dann wieder reinvestiert werden können.

Sie sind Oberwalliser und Schweizer wie Sepp Blatter, den Sie ersetzen wollen. Und wie er haben Sie Ihre Karriere in der Administration und nicht auf dem Fussballfeld vorangetrieben. Stellen Ihre Gesprächspartner diese Ähnlichkeiten auch fest?
Nicht wirklich. Man spricht mich nur in der Schweiz darauf an. Vielleicht weil die Schweiz sehr an ihren Wurzeln und Regionen hängt. Wenn ich reise, werde ich mehr zu meiner Karriere befragt. Das andere ist nicht wirklich Thema der Kampagne.

Sie spüren trotz allem also keine Abneigung gegenüber der Schweiz?
Nein. Ausserdem bin ich auch Italiener. Nein, es gibt keine anti-schweizerischen Ressentiments, auch keine anti-europäischen. Für die Verbände geht es nicht um deinen Pass, sondern um deine Vision und deine Persönlichkeit.

Sind Sie mehr Schweizer oder Italiener?
Ich suche mir immer jene Nation aus, die in der Fifa-Rangliste besser dasteht (lacht). Die universelle Sprache ist der Fussball - nicht der Oberwalliser Dialekt.

Sie sind im Wallis aufgewachsen, haben in Fribourg Recht studiert, am Centre international d´étude du sport in Neuenburg gearbeitet und sind heute bei der Uefa im Kanton Waadt. Ist Gianni Infantino ein Romand?
Ich hänge sehr an der Romandie. Hier bin ich daheim, auch wenn ich in Brig geboren wurde. Meine Kinder sind in der Romandie geboren und meine Töchter sprechen miteinander Vaudois.

Kehren Sie oft ins Wallis zurück?
Sicher, wie jeder gute Walliser. Wenn ich kann, besuche ich die Spiele des FC Brig oder des HC Visp. Und ich freue mich, wenn ich sehe, wie der den FC Sion den Schweizer Cup gewinnt!

Welche Leidenschaft ausserhalb des Fussballs haben Sie?
Das ist eine Fangfrage, weil ich ein Fussball-Süchtiger bin. Natürlich kümmere ich mich als Familienvater auch um meine Kinder. Wenn ich Zuhause bin, bin ich der Chauffeur des Handball-Teams meiner Töchter. Ich fahre auch gerne Ski, auch wenn ich in diesem Winter noch nicht die Gelegenheit hatte, auf die Latten zu stehen.

Ist Ihre Familie stolz auf Sie?
Ja, ja! Meine Töchter, meine Frau … sie stehen hinter mir und geben mir viel Energie. Ohne ihre Unterstützung wäre alles viel komplizierter.

Mögen Sie die Macht?
Nein, wirklich nicht. Ich strebe nicht nach Macht. Vor einigen Monaten dachte ich nicht einmal daran, mich in dieses Abenteuer zu stürzen. Aber der Fussball durchlebt eine schwierige Phase. Darum müssen einige die Verantwortung übernehmen. Wenn Sie eine Stelle haben wie ich bei der Uefa (Generalsekretär, Red.), einer der wichtigsten Posten, den es im Fussball gibt, müssen Sie auch bereit sein sich einzusetzen, wenn es die Situation erfordert. Ich will Dinge bei der Fifa ändern, ich will meinem Sport helfen. Das ist mein Antrieb.

«Transparenz» ist eines der wichtigsten Schlagworte dieses Wahlkampfs. Aber ist sie im Fall der Fifa nicht ein Hirngespinst? Kann diese Institution überhaupt transparent geführt werden?
Aber sicher! Echte Transparenz ist der Eckpfeiler der neuen Fifa. Durch sie kann der Verband Respekt und Glaubwürdigkeit zurückgewinnen. Ich sage Ihnen: Der Prozess wird sehr rasch und relativ einfach vonstatten gehen.

Wirklich? Nehmen wir den laufenden Wahlkampf. Es scheint keine neue Ära angebrochen zu sein. Es gibt fast keine Transparenz über die verwendeten Wahlkampfgelder. Scheich Salman nutzt sein eigenes Vermögen, ohne die Zahlen bekannt zu geben. Müsste nicht jeder Kandidat seine Finanzen offen legen, um wirklich ein neues Kapitel anfangen zu können?
Die Wahlregeln der Fifa sind, wie sie heute halt sind. Man muss sie respektieren. Ich freue mich für jene, die ihren Wahlkampf aus der eigenen Kasse bezahlen können. Denn die vielen Reisen sind teuer. Die Uefa hat beschlossen, mir ein Budget von 500´000 Euro zur Verfügung zu stellen. Ich war also transparent, auch wenn die Wahlregeln der Fifa das nicht vorschreiben. Ich habe auf diesem Gebiet nichts zu verstecken.

Sie erhalten keine weitere finanzielle Unterstützung?
Nein.

Gut, Sie sind transparent. Aber müssten es Ihre Gegner nicht auch sein?
Ich konzentriere mich auf meinen Wahlkampf. Jeder entscheidet für sich selbst. Meine Devise ist, alle meine Gegner zu respektieren und sie nicht zu kritisieren. Daran werde ich mich halten. Ich will eine positive Energie behalten.

Vor zwei Wochen hat der afrikanische Fussballverband (54 Stimmen, Red.) in Kigali bekanntgegeben, dass er Ihren Hauptkonkurrenten Scheich Salman unterstützen werde. Denken Sie, dass Sie daran noch etwas ändern können?
Ja! Ich erinnere daran, dass dies eine Empfehlung des Exekutivkomitees der afrikanischen Fussball-Konföderation (CAF) war. Jeder Verband ist aber danach frei, sich für einen Kandidaten zu entscheiden. Das ist die Demokratie. Ich selber habe von überall auf der Welt viel öffentliche Unterstützung bekommen. Auch in Afrika erlauben es mir die Diskussionen, die ich geführt habe, optimistisch zu sein. Ich bin auf dem Kontinent in etwa zehn Länder gereist, von Madagaskar über Ruanda bis nach Moçambique. Und alle meine Gesprächspartner haben es geschätzt, dass ich mich mit ihren spezifischen Bedürfnissen auseinandersetzte. Die Position des Exekutivkomitees der CAF ist das eine. Die Stimmabgabe der Verbände wird gewiss eine andere sein.

Im Januar haben der CAF und die asiatische Konföderation, welche von Scheich Salman präsidiert wird, ein Abkommen zur Zusammenarbeit unterzeichnet. Ist das nicht ein wenig merkwürdig, so mitten im Wahlkampf?
Die Polemiken interessieren mich nicht. Es ist ein Abkommen zur Zusammenarbeit, daran kann ich nichts ändern. Ich konzentriere mich auf meine Kandidatur und meine Stärke liegt darin, dass ich vor jedem Verband mit Überzeugung auftreten kann.

Sprechen wir weiter über Scheich Salman. Kürzlich hat er verlauten lassen, es wäre für alle gut, wenn sich nur ein Bewerber dem Kongress stellen werde, um zu verhindern, dass es Verlierer gebe. Können Sie mit diesem Szenario etwas anfangen?
Am 26. Februar ist in Zürich eine Wahl vorgesehen. Man muss eine Abstimmung gewinnen, wenn man Präsident der Fifa werden will. Und ich will Präsident der Fifa werden.

Sie streben also keinen Deal an?
Es ist nicht die Zeit von Deals. Die Frage stellt sich nicht. Der Wahlkampf muss zum Wohle des Fussballs geführt werden. Ich bin der Ansicht, dass eine demokratische Wahl für die Glaubwürdigkeit der Fifa als Institution unerlässlich ist. Die Fifa braucht an ihrer Spitze einen Präsidenten, der durch eine Wahl legitimiert ist. Was mich angeht, gibt es keine Zweifel: Ich werde am 26. Februar in Zürich sein, um die Wahl zu gewinnen. Ein Wahlkongress um eine Präsidentschaft ist so etwas wie ein Cupfinal – man muss ihn gewinnen.

Alle Kandidaten rufen zur Unabhängigkeit der Fifa auf, speziell, gegenüber den Regierungen. Mit allem, was im Fussball auf dem Spiel steht – ist das überhaupt realistisch?
Die Unabhängigkeit der Instanzen ist eine Grundvoraussetzung. Allerdings unter einer Bedingung: Die Verantwortlichen in den Verbänden müssen die Regeln der «good governance» anwenden. Die Fifa muss beweisen, dass sie dieser Unabhängigkeit würdig ist. Wenn uns das gelingt, wird die politische Welt wieder vermehrt Vertrauen gegenüber dem Sport aufbringen. Das wird eine der Prioritäten in meiner Amtszeit sein. Wir müssen mit den Regierungen zusammenarbeiten. Wir brauchen die öffentliche Hand, zum Beispiel im Bereich der Sicherheit oder im Kampf gegen die Korruption. Die Führung des Fussballs muss aber in den Händen von Leuten aus dem Fussball bleiben. Natürlich unter der Voraussetzung, dass diese Leute es verdienen und sich als fähig erweisen.

Im vergangenen Mai wurde die Fifa durch das FBI durchgeschüttelt. Seither ist der amerikanische Einfluss über die Anwaltskanzlei Quinn Emanuel am Hauptsitz in Zürich täglich zu spüren. Ist diese Situation für Sie akzeptabel?
Der zukünftige Präsident der Fifa steht nicht vor einer einfachen Aufgabe, das ist kein Geheimnis. Zumindest am Anfang. Es wird darum gehen, unter diese mühsame Geschichte einen Schlussstrich zu ziehen. Aber ich wiederhole es: Der Wille ist da, es zu tun. Ich hoffe, dass die strafrechtlichen Fragen konsequent geprüft werden, aber auch, dass dies schnell geschieht, damit man wieder über Fussball sprechen kann.

Ist diese Einmischung aber berechtigt?
Es ist klar, dass jemand, der ein Verbrechen begangen hat, verurteilt werden muss. Ich applaudiere all jenen, die sich dafür einsetzen, dass diese Personen strafrechtlich und von den Ethikinstanzen belangt werden.

Die Ethikkommission der Fifa hat noch mehrere Dutzend nicht erledigte Dossiers. Das ist enorm!
Das ist enorm, das ist richtig. Die Arbeit dieser Ethikinstanzen muss aber weitergehen, unter der Bedingung, dass die Verfahren gerecht verlaufen. Ihre Arbeit ist auch Teil des Prozesses, der es erlaubt, eine echte Glaubwürdigkeit wiederherzustellen.

Sprechen wir noch über Michel Platini. Sie haben mehrere Jahre lang mit ihm zusammengearbeitet. Seine Sperre hat ihn um seine Kandidatur gebracht und Sie haben ihn ersetzt. Stehen Sie noch in Kontakt mit ihm?
Ich habe mit Michel Platini neun Jahre lang zusammengearbeitet, und unser Verhältnis ist immer sehr gut gewesen. Es bestärkt mich, dass ich ihn moralisch hinter mir weiss. Wir pflegen einen freundschaftlichen Austausch. Allerdings konzentriert er sich auf seine Verteidigung und ich mich auf meinen Wahlkampf. Wie ich es schon gesagt habe: Ich hoffe, er wird reingewaschen. Ich bewundere, mit welcher Würde er diese schwierige Prüfung meistert.

Erstellt: 21.02.2016, 09:38 Uhr

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