«Darin sind wir drei uns sehr, sehr ähnlich»

Vor dem Laver-Cup in Genf sagt Roger Federer, was ihn mit Rafael Nadal und Novak Djokovic verbindet. Und wie weit er mit seiner Planung für 2020 ist.

Tamedia-Sportredaktor René Stauffer (l.) im Interview mit Roger Federer. (Video: Bastien Gallay)

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Der Laver-Cup beginnt zwar erst am Freitag, für Roger Federer aber bringt er eine der intensivsten Wochen des Jahres mit sich. Er ist der Initiator dieses 2017 entstandenen Turniers zwischen einem von Björn Borg geführten Team Europa und einem Team Welt, dem John McEnroe als Captain vorsteht. Die Agentur von ihm und Tony Godsick richtet den Anlass aus, und in Genf liegt Federer besonders viel daran, dass er zu einem Erfolg wird, wie bei der Premiere in Prag und vor zwölf Monaten in Chicago.

Dazu wollen auch die Sponsoren betreut sein, Teamsitzungen und Trainings brauchen Zeit, die Medien rufen, der Terminkalender ist übervoll. Trotzdem wirkt der 20-fache Grand-Slam-Sieger alles andere als gestresst, als er am Montagmorgen in der Genfer Innenstadt in seinem Hotel an einem Tisch in einem Dachzimmer mit einem Quartett von Schweizer Journalisten sitzt und dabei auch über 2020 spricht.

Ist diese Woche für Sie spezieller, weil Sie selber zu den Ausrichtern gehören?
Roger Federer: Mit Tony (Godsick) spreche ich zwar viel darüber, wie was läuft, auch im Vorfeld habe ich sehr viel Input gegeben. Aber ich fühle mich hier vor allem als Spieler. Schon seit Tagen überlege ich, wie wir unser Team am besten aufstellen würden, auch im Doppel. Vor den ersten beiden Austragungen hatten wir uns noch grundsätzliche Fragen gestellt: Wie viele Leute kommen zum ersten Tag, zum ersten Match? Und bleiben sie auch? In Prag und Chicago sahen wir, dass sie bleiben, solange die Atmosphäre lässig ist und die Spieler alles geben und auch selber die Partien schauen. In der Schweiz ist es mir noch wichtiger, dass alles klappt. Aber die Tickets waren schnell weg, und ich weiss vom Davis-Cup, dass Tennisanlässe im Palexpo-Komplex funktionieren.

«Es ist schon ein wenig ein Klassenlagerfeeling.»

Ihr letzter Einsatz im Viertelfinal am US Open gegen Grigor Dimitrov wurde beeinträchtigt von Rückenproblemen. Wie ging es danach weiter?
Ich war überrascht, wie lange ich es spürte – zehn, zwölf Tage. Ich hatte erwartet, dass es nach zwei, drei Tagen weg sein würde. Allerdings hatte ich die Therapie nicht forciert, ich hatte ja Zeit. Auch jetzt spüre ich es noch ein bisschen, wenn auch nicht im Training, eher im Alltag. Aber es ist nichts, das mich beschäftigt, sondern nur eine Frage der Zeit, bis es ganz weg ist. Ich bin bereit, in Genf das volle Programm zu spielen.

Wie gefallen Ihnen die temporären Bauten in der Palexpo-Halle?
Hervorragend. Ich hatte nicht gedacht, dass man die Arena der Chicago Bulls toppen kann, in der wir letztes Jahr spielten. Bei einem Sponsorenanlass sagte man mir schon am Sonntag, das sei die bisher beste Halle eines Laver-Cup. Das überraschte mich schon. Aber temporäre Tribünen haben auch ihren Charme. Weil sie kompakter sind, wird die Atmosphäre darin manchmal sogar besser. Ich freue mich sehr und weiss, dass Tony und sein Team ein unglaubliches Event auf die Beine stellen wollten und dabei keine Kosten gescheut haben. Sie haben auch viel Geld investiert in die Fanzone, wo Zuschauer auch ohne Stadiontickets eine coole Atmosphäre vorfinden. Ich erwarte nur das Beste, nicht nur für die Spieler, sondern auch für die Sponsoren und vor allem die Fans.

«Wer einmal im Laver-Cup spielte, sollte immer dazugehören.»

Ist die Ankunft der Spieler in Genf wie das Eintreffen in ein Klassenlager?
Ich war nur einmal in einem Klassenlager, und dafür musste ich eine Schweizer Meisterschaft der Junioren in Luzern auslassen… Das hier ist natürlich viel internationaler, es steckt viel mehr Organisation dahinter. Jeder Spieler hat noch etwas, das am Laufen ist. Aber eigentlich sind alle unkompliziert. Es ist schon ein wenig ein Klassenlagerfeeling. Wir haben unseren Teamchat, in dem wir uns schon seit Tagen austauschen. Ab dem Dienstag sollten alle hier sein.

Sind die Spieler aus dem letztjährigen Team auch noch im Chat? Oder habt Ihr zum Beispiel Djokovic, der nicht mehr dabei ist, rausgeworfen?
Nein, das ist die Gruppe vom letzten Jahr. Ich bin der Meinung, wer einmal im Laver-Cup spielte, sollte immer dazugehören.

Die Teams sind sehr unausgeglichen. Der schlechteste Spieler Europas ist besser klassiert als der stärkste vom Team Welt.
Man muss das so sehen: Solange Europa derart stark ist, sollte es der Anspruch sein, dass wir auch gewinnen. Das Blatt wird sich irgendwann wenden, wenn auch vielleicht nicht gerade sofort. Und dennoch erwarte ich eine sehr enge Begegnung. Denn die anderen sind mehr oder weniger Favorit in den drei Doppeln. In Prag und Chicago hat man gesehen, wie eng es werden kann. Unser Glück war, dass wir die Mehrzahl der umstrittensten Partien und Punkte für uns entscheiden konnten. Klar, auf dem Papier sind wir die grossen Favoriten, aber das heisst nichts. Denn sie haben viele grosse Aufschläger, die auch schon besser klassiert waren.

Haben Sie in den ersten zwei Austragungen neue Dinge über Ihre Konkurrenten erfahren können?
Ich versuchte weniger, etwas zu nehmen, als den anderen etwas zu geben. Am meisten hatte mich interessiert, wie Rafa und Novak diese Woche verbringen würden. Ich wollte sehen, wie gross Nadals Intensität wirklich ist, und wie er sich daneben entspannen kann. Diese Balance brauchst du, sonst wirst du wahnsinnig. Und er hat sie auch, mit seinen Kollegen, seiner Mannschaft. Wenn das Training fertig ist, ist er ein lockerer Typ. Auf dem Court ist es aber schon unglaublich, wie er immer wieder neue Möglichkeiten ausprobiert, sein Spiel variiert. Er ist dauernd am Suchen.

«Mein Ziel war es, Rekorde einzustellen oder zu brechen.»

Am US Open ist Ihnen Nadal mit seinem 19. Grand-Slam-Titel so nahe gerückt wie noch nie, bis auf einen Pokal. Beeinflusst das Ihre Beziehung?
Klar: Am liebsten würdest du deine Rekorde für immer und ewig behalten. Aber mein Ziel war es, Rekorde einzustellen oder zu brechen. Und das habe ich geschafft, als ich Sampras egalisierte und übertraf. Diese Momente kann mir niemand mehr nehmen. Das Ziel war nicht, die anderen abzuhängen. Ich freue mich für jeden, der das beste aus sich herausholt. Dass Rafa diese Jahr wie Djokovic wieder zwei Grand Slams gewinnen konnte, war schon eine unglaubliche Leistung. Ich bin froh, dass er wieder gesund ist, nachdem er ein paar harte Jahre hinter sich hatte. Ich freue mich für ihn, wenn er gewinnt, und er freut sich für mich. Der Respekt ist enorm zwischen uns. Mir gibt es auch eine tiefe Befriedigung, im Alter noch lange spielen zu können, wobei ich weiterhin probieren werde, um Grand-Slam-Titel mitzuspielen. Aber es ist schon unglaublich, dass wir drei Spieler in der gleichen Zeit so viel erreicht haben. Es ist schon eine fantastische Zeit für das Tennis.

Wie erlebten Sie in Chicago Djokovic?
Bei ihm war interessant, dass auch er seine entspannte und lustige Seite hat, neben seiner seriösen. Darin sind wir drei uns sehr, sehr ähnlich. Wenn man Erfolg haben will, musst du auch beide Seiten haben. Wir spielen so viele Matches im Jahr... Das ist nicht wie im Boxen, wo du zwei, drei Fights hast. Wir spielen 50 bis 100 Partien, da musst du entspannt sein können bis kurz vor dem Match. Bei Novak hat mich am meisten beeindruckt, mit welcher Klarheit er in seine Partien geht. Er sagte: So spiele ich, das führt zum Erfolg…. Er verlor dann zwar trotzdem, weil Anderson unglaublich spielte. Bei ihm ist auch unglaublich, was er alles braucht für seine Matches. Sein Vorspann, wie er essen muss, es musste alles stimmen. Das respektiere ich enorm. Er weiss genau, wie er am Tag X auf den Punkt bereit sein kann. Das ist Professionalität.

Und abends trifft man sich an der Bar?
Das kommt vor. Ich finde es auch gut, dass die Teams hier nicht im gleichen Hotel sind. Das trägt zum Teambuilding bei. Einmal gehen wir auch alle gemeinsam essen, ohne grosse Entourage. Es ist doch lässig, wenn du gegenüber von Stefanos (Tsitsipas) sitzt, links von Thiem und rechts von Rafa. Da kommt man plötzlich auf ganz andere Themen. Am Dienstag ist das gemeinsame Essen nicht obligatorisch, aber wir werden sicher zusammensitzen. Man verbringt schon sehr viel Zeit zusammen, trinkt auch wieder mal mit jemandem einen Kaffee.

Inzwischen ist auch bekannt, dass die Schweiz im Januar am neuen ATP-Cup mit Ihnen und Laaksonen in Sydney antreten wird. Rechnen Sie auch mit Stan Wawrinka?
Meines Wissens kann er sich als Topspieler nicht mehr nachmelden lassen. Deshalb plane ich leider, dass er nicht dabei sein wird, obwohl ich gehofft hatte, dass er spielt.

«Ich muss den Davis-Cup nicht unbedingt spielen.»

Könnte es sein, dass Sie 2020 dank einer Wildcard auch noch einmal im Davis-Cup antreten? Gerard Piqué, der Promoter, sagte, dass er das anstrebt.
Es ist doch normal, dass er das sagen muss. Betreffend Wildcards kann man immer so sprechen. Es ist auch normal, dass er immer wieder zum Thema befragt wird und dass er ab und zu mit meinem Management spricht. Ich plane aber nicht unbedingt damit, muss den Davis-Cup nicht unbedingt spielen. Es sind auch keine Gespräche im Gange, obwohl zwischendurch generell diskutiert wird. Ich hoffe einfach, dass das Davis-Cup-Finalturnier (Ende November in Madrid) und danach der ATP-Cup gut über die Bühne gehen. Und dann sitzt man zusammen und schaut, wie es weitergeht. Ob es für immer diese zwei Cups geben soll, oder ob es Änderungen geben könnte, die dem Tennis gut tun würden.

Was ist Ihre Meinung?
Ich bin nicht sicher, dass das gut herauskommt. 34 der Top 35 haben für den ATP-Cup zugesagt, er findet auch an einem guten Datum statt. Der Davis-Cup dürfte dagegen nicht ganz glücklich sein.

Haben Sie schon entschieden, ob Sie an den Olympischen Spielen in Tokio antreten wollen?
Vorerst habe ich erst entschieden, wo ich bis und mit Wimbledon spielen möchte. Tokio habe ich mannschaftsintern einmal angesprochen. Ich sagte: Was meint ihr, wie fühlt ihr euch? Sie sagten: Du musst entscheiden, es ist deine Karriere. Am Ende kommt es immer zu mir zurück. Ich sprach inzwischen auch mit Mirka darüber und schaute, wie die Turnierwochen im Kalender liegen. Gefühlsmässig werde ich bald eine Entscheidung treffen.

Gibt es in Ihrem Programm bis Wimbledon Überraschungen? Etwas, das Sie auslassen?
(lacht) Ich muss überlegen, ob ich das einmal bekannt geben soll, ob das nötig ist. Für mich ist wichtig, dass ich einen guten Rhythmus habe – Turniere, Pausen, Familie, Training, Aufbau. Es gibt eine gewisse Flexibilität, aber gross ist sie nicht. 2020 ist eines der Jahre, in denen ich mein Programm früh festlegen möchte.

Der Entscheid, ob Sie 2020 auf Sand spielen oder nicht, ist gefallen?
Das wurde entschieden, ja, in der Mannschaft.

«Es ist nicht so, dass ich beginne, Kompromisse zu machen.»

Spielen Sie nun nach dem ATP-Finale auch noch Schaukämpfe in Südamerika?
Ja, das Programm wird jetzt finalisiert. Dort traf ich eines der unglaublichsten Publikums, das ich je erlebt habe. Deshalb wollte ich das gerne nochmals erleben. Aber ich sagte, das kann ich nur, wenn ich danach zwei Wochen Ferien habe. Und das konnten wir richten.

Könnte das nicht etwas viel werden? Immerhin spielen Sie im Oktober in Tokio und im Februar in Kapstadt auch noch zwei Matches for Africa, gegen Nishikori und Nadal.
Das ist so alles mit Pierre (Paganini, dem Fitnesscoach) abgesprochen. Er sagte, das sei alles okay, er bekommt auch genug Zeit für den ganzen Konditionsblock. Es ist nicht so, dass ich beginne, Kompromisse zu machen. Der Aufbau beginnt halt eine Woche später als gewohnt, am 11. Dezember. Aber zu Beginn des ATP-Cup muss ich nicht zwingend schon hundertprozentig bereit sein. Priorität hat ohnehin das Australian Open.

Erstellt: 16.09.2019, 19:31 Uhr

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