Das Attentat im Fussballer-Kopf

Was ist bloss mit Dortmund los? Nach dem Kickstart der Absturz. Die Fussball-Welt sucht Antworten – und schaut auf den schlimmsten Tag in der BVB-Geschichte zurück.

Es brennt in Dortmund: Seit sieben Spielen warten der BVB und Roman Bürki auf einen Sieg.

Es brennt in Dortmund: Seit sieben Spielen warten der BVB und Roman Bürki auf einen Sieg. Bild: Keystone

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64 Tage wartet Borussia Dortmund auf einen Bundesliga-Sieg. Von den ersten sieben Ligaspielen gewann der BVB deren sechs, die ersten fünf Partien blieb die Abwehr um Roman Bürki sogar ohne Gegentor. Mit dem 2:3 zu Hause gegen Leipzig begann eine Negativserie von sieben Matches. Medienberichten zufolge wurde dem zunächst hochgelobten und seit Wochen hart kritisierten Trainer Peter Bosz nach dem 1:1 gegen Leverkusen am Samstag ein Ultimatum gestellt: Entweder gibt es einen Sieg am kommenden Wochenende gegen Bremen, oder er wird entlassen.

Insbesondere das 4-3-3-System von Bosz wird immer wieder infrage gestellt, seit die Resultate nicht mehr stimmen. Dabei ist es die gleiche Taktik, die gleiche Mannschaft, die im Spätsommer Fussballdeutschland begeisterte. Ausserdem spielte Dortmund auch in den letzten beiden Monaten oft sehr ansehnlich, auch beim 1:3 gegen die Bayern war der BVB lange Zeit spielerisch ebenbürtig – das Problem schien oft mentaler Natur zu sein. Dennoch hacken Medien und Experten gnadenlos auf Bosz ein, wobei erstaunlicherweise ein möglicher Faktor völlig ausser Acht gelassen wird: der Anschlag.

Posttraumatische Wirkung nicht zu unterschätzen

237 Tage sind vergangen, seit die Sportwelt tief erschüttert wurde. Auf dem Weg zum Champions-League-Viertelfinal gegen Monaco detonierten drei Sprengsätze am Bus von Borussia, Metallstifte flogen durch die Luft. Ein Polizist und Innenverteidiger Marc Bartra wurden verletzt. Dortmund musste einen Tag später trotzdem gegen Monaco antreten und verlor 2:3.

Zuletzt sagte BVB-Boss Hans-Joachim Watzke an der Aktionärsversammlung, man solle nicht unterschätzen, was posttraumatisch auch mehr als ein halbes Jahr später ausgelöst werden könne: «Ich habe mich mit Psychologen ausgetauscht, die sagen, gerade das Risiko sechs, sieben Monate nach einem solchen Attentat sei extrem hoch. Wir haben da professionelle Hilfe.» Dem Fussballmagazin «11 Freunde» bestätigte Prof. Dr. med. Stefan Röpke, dass eine solche Erfahrung auch sportliche Auswirkungen haben kann. «Ja, ein Ereignis wie der Anschlag auf den Dortmunder Mannschaftsbus kann durchaus Symptome hervorrufen, die zu Leistungsschwankungen führen.»

Video: Eine Sportpsychologin spricht nach dem Anschlag

Allerdings glaubt der Leiter des Bereichs Persönlichkeitsstörungen und Posttraumatische Belastungsstörung an der Charité Berlin nicht, dass bei den Fussballern eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) vorliegt: «Bei der PTBS handelt es sich um ein sehr spezifisches Erkrankungsbild. Das betreffende Ereignis wird dabei ungewollt immer wieder durchlebt.» Er hält es aber für sehr wahrscheinlich, dass einige Spieler unter Symptomen von Trauma-Folge-Störungen leiden könnten. Jeder Mensch verarbeite ein solches Trauma unterschiedlich, die Auswirkungen können von Schlafproblemen und Albträumen bis hin zu Angstzuständen, depressiven Gedanken oder Antriebslosigkeit reichen.

Konzentration könnte gehemmt werden

Alles im höchsten Masse leistungsbeeinflussend, insbesondere bei Spitzensportlern, wie Röpke bestätigt: «Es könnte die Konzentration hemmen und somit für einen deutlichen Leistungsabfall sorgen. Das kann im Sport den Unterschied über Sieg, Unentschieden oder Niederlage ausmachen.» Dazu gebe es allerdings nur wenige Untersuchungen. Am wahrscheinlichsten sei der mentale Einbruch bei Drucksituationen. Dies würde erklären, weshalb Dortmund in einem Derby zuerst wie entfesselt Schalke überfährt und nach 25 Minuten 4:0 führt, aber spätestens nach dem zweiten Gegentor komplett auseinanderfällt. Oder weshalb ein sonst so zuverlässiger Goalie wie Roman Bürki ungewohnt viele Patzer hat.

Wieso diese Symptome erst sechs, sieben Monate nach dem Anschlag so deutlich auftreten? Laut Röpke völlig normal. Wie lange es dauert, bis diese Anzeichen wieder komplett verschwinden, sei individuell unterschiedlich.

Die BVB-Krise könnte sicher auch taktische Gründe haben – der mentale Aspekt sollte aber nicht komplett unbeachtet bleiben. Immerhin haben viele Menschen in diesem Kader vor weniger als einem Jahr einen Mordanschlag überlebt.

(fas)

Erstellt: 04.12.2017, 13:05 Uhr

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