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Das deutsche Feindbild ist angekommen

Kevin-Prince Boatengs Laufbahn war geprägt von Rassismus, Turbulenzen und Streitereien in der Familie. Nun ist er der Star bei Frankfurt und steht im deutschen Cupfinal.

Der Prinz ist angekommen. In Frankfurt läuft es für Kevin-Prince Boateng endlich. Das war in einer von Turbulenzen geprägten Karriere nicht immer so.
Der Prinz ist angekommen. In Frankfurt läuft es für Kevin-Prince Boateng endlich. Das war in einer von Turbulenzen geprägten Karriere nicht immer so.
Thomas Frey, Keystone
Der Tiefpunkt von Boatengs Karriere war ein hartes Foulspiel gegen den deutschen Nationalspieler Michael Ballack. Als Chelsea und Boatengs Portsmouth im Final des FA-Cups aufeinandertreffen, fällt der gebürtige Berliner Ballack so hart, dass dieser die WM 2010 verpasst. In einer Kolumne der deutschen Bild wird er später als Arschloch betitelt, Boateng läuft fortan für die Nationalmannschaft Ghanas auf.
Der Tiefpunkt von Boatengs Karriere war ein hartes Foulspiel gegen den deutschen Nationalspieler Michael Ballack. Als Chelsea und Boatengs Portsmouth im Final des FA-Cups aufeinandertreffen, fällt der gebürtige Berliner Ballack so hart, dass dieser die WM 2010 verpasst. In einer Kolumne der deutschen Bild wird er später als Arschloch betitelt, Boateng läuft fortan für die Nationalmannschaft Ghanas auf.
Penny File, Keystone
Und damit nach Frankfurt, wo er am Samstag um den Titel im DFB-Pokal kämpft.
Und damit nach Frankfurt, wo er am Samstag um den Titel im DFB-Pokal kämpft.
Simon Hofmann, Keystone
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Kevin-Prince Boateng polarisierte stets. Er eckte an, wo es nur ging, ein Haudegen auf dem Platz, ein Poser daneben. Einer seiner besten Freunde ist das italienische Enfant terrible Mario Balotelli. Boateng liebte den Luxus, leistete sich früher Wettkämpfe mit ebendiesem Balotelli, wer der Berühmteste, Schönste, Reichste sei. So schrieb es der Italiener im Vorwort zu Boatengs Biographie. So kannte die Fussballwelt Boateng. So profilierte er sich auch täglich auf Instagram.

Kevin-Prince Boateng ist aber auch der Star von Eintracht Frankfurt, das vor nur zwei Jahren noch in den Tiefen des Abstiegskampfs der Bundesliga spielte und am Samstag zum zweiten Mal in Folge im Cupfinal steht. Ein Erfolg, der zu 90 Prozent auf das Konto von Trainer Niko Kovac geht, so sagt es Boateng in einem kürzlich vom «Spiegel» veröffentlichten Interview. Boateng ist demütiger geworden, 31 ist er mittlerweile, er sagt auch: «Es ist mir nicht mehr wichtig, einen Ferrari zu haben. Heutzutage ist Autofahren für mich, von A nach B zu kommen.»

Vater, Ehemann, Botschafter

Boateng ist heute mit einer Italienerin verheiratet, Vater zweier Söhne und UNO-Botschafter im Kampf gegen Rassismus. Dementsprechend verändert hat sich sein Instagram-Auftritt. Dort, wo der Deutsch-Ghanaer früher mit teuren Schlitten (einmal kaufte er drei an einem Tag) und viel Schmuck zu sehen war, gibt er heute den Familienvater, gratuliert Kollegen zu Toren, zollt älteren Spielern wie Alex Meier oder Andrés Iniesta Respekt. Er sei ein erwachsener Mann, dem es wichtig sei, dass sein Sohn kein Bad Boy werde, sagt er im «Spiegel».

Bad Boy. Es ist ein Begriff, der Boatengs Karriere stets begleitete. Aufgewachsen im Berliner Problemviertel Wedding, konfrontiert mit Rassismus, die Mutter Alkoholikerin, der Vater weg, der ältere Bruder George im Knast, der jüngere Halbbruder Jérôme ein Musterprofi. Kevin-Prince, muskelbepackt, tätowiert von Kopf bis Fuss, angsteinflössender Blick, war stets der Böse der fussballspielenden Boatengs.

Diesen Eindruck bestätigte er dem deutschen Boulevard spätestens vor der WM 2010 in Südafrika. Im Final des englischen FA-Cups legte sich Boateng, damals bei Portsmouth unter Vertrag, mit Chelseas Michael Ballack an. Das Rencontre der beiden Streithähne endete damit, dass Boateng den damaligen deutschen Nationalspieler derart heftig foulte, dass der Captain die Weltmeisterschaft verpasste.

Das Feindbild Deutschlands

Die Schlagzeilen waren schnell gemacht: «Ballacks WM-Träume zerstört!», titelte Focus.de und legte nach: «Boateng-Bruder Jérôme schämt sich für brutales Foul!» In einer Kolumne der «Bild» wurde der damals 24-Jährige sogar als «Arschloch» betitelt. Das Land, in dem Boateng aufwuchs, fühlte sich gekränkt durch ein Foul, Boateng wurde zum Feindbild Fussball-Deutschlands, fühlte sich verstossen und debütierte knapp 20 Tage nach dem Vorfall in der Nationalmannschaft Ghanas, dem Land seines Vaters.

Tatsächlich war Jérôme Boateng nicht erfreut über das rüde Einsteigen seines Bruders und riet ihm öffentlich, sich bei Ballack zu entschuldigen. Kevin-Prince meldete sich darauf per SMS bei Jerôme: «Je­der hat sei­ne ei­ge­ne Fa­mi­lie – du dei­ne, ich mei­ne.» Heute sagt er: «Wir waren jung, und ich war enttäuscht.» Auch mit seinem Vater stand der damals frischgebackene ghanaische Nationalspieler schnell auf Kriegsfuss. Dieser war im abschliessenden Gruppenspiel zwischen Deutschland und Ghana als Deutschland-Fan im Stadion erschienen. Passte dem Prinzen nicht, «eine verlogene Aktion meines Erzeugers - ein Vollblut-Ghanaer mit einer Deutschland-Jacke», sagte er damals. Alleine gegen ganz Deutschland also, so fühlte sich Boateng. «Das hat mich verletzt, aber auch angespornt.»

Die Nummer 10 und Rassismus in Italien

Seine bisher beste Zeit als Spieler erlebte Boateng nach der WM 2010 in Italien, bei der AC Milan. Er wurde Publikumsliebling, italienischer Meister und spielte mit den ganz Grossen des Weltfussballs: Zlatan Ibrahimovic, Clarence Seedorf, Alessandro Nesta und Andrea Pirlo. In Italien lernte er auch seine heutige Frau Melissa Satta kennen, nach Seedorfs Rücktritt bekam er die prestigeträchtige Nummer 10.

Doch auch da, wo er endlich angekommen schien, holte ihn die Vergangenheit ein. Der Rassismus, der ihm schon als Jugendlicher in Berlin entgegenschwappte, war auch in Italien allgegenwärtig. Immer wieder waren Affenlaute zu hören, wenn Boateng in den Stadien auf dem Stiefel spielte. Bis ihm die Beleidigungen im Januar 2013 zu viel wurden. In einem Testspiel gegen einen Viertligisten drosch er den Ball nach einer halben Stunde ins Publikum, zog sein T-Shirt aus und verliess den Platz. Seine Mannschaft tat es ihm gleich, Captain Ambrosini sagte hinterher:«Wir haben ein starkes Signal abgegeben.» Boateng twitterte, was passiert sei, sei eine Schande.

«Nach Krieg kommt Frieden»

Die Aktion war der Anfang vom Ende von Boatengs erfolgreicher Zeit bei Milan. Er flüchtete im Sommer darauf zurück nach Deutschland, zu Schalke 04. Als Heilsbringer empfangen, wurde er nach eineinhalb Saisons suspendiert, aus der Nationalmannschaft Ghanas flog er noch während der WM 2014, weil er sich mit dem Trainer gestritten hatte. Es folgten ein weiteres, diesmal erfolgloses Gastspiel in Mailand und ein Abstecher nach Las Palmas, bevor er bei Frankfurt unterkam.

Acht Vereine und vier Ligen hat Boateng in nur 13 Jahren erlebt. Das Provozieren, das Polarisieren und Anecken zog sich wie ein roter Faden durch seine Karriere. Damit will Boateng nichts mehr zu tun haben. Über die Geschichte mit seinem Vater sei er hinweg, mit Bruder Jérôme hat er sich längst versöhnt. Er sagt: «Wir sind eine ganz normale, intelligente Familie, und deswegen wissen wir: Nach Krieg kommt Frieden.» Am Samstag spielt er mit den Frankfurtern gegen Bayern München. Jérôme fehlt den Münchnern verletzt, dafür werden der Vater und die Mütter der Brüder von der Tribüne aus zugegen sein. Ein ganz normales Familienfest im Hause Boateng.

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