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Das Ende eines Fussballmärchens

Lucien Favre soll vor einem Wechsel zu Borussia Dortmund stehen. In Nizza trauert man schon mal präventiv.

Steht Lucien Favre nach nur einer Saison bei Nizza bereits wieder vor dem Abgang?
Steht Lucien Favre nach nur einer Saison bei Nizza bereits wieder vor dem Abgang?
Keystone

Solange nur Gerüchte schwirren, darf der Illusion noch ein bisschen nachgehangen werden. Obschon sie natürlich verwegen ist. «Nice Matin», die Zeitung aus Nizza, rapportiert schon seit einiger Zeit mit wachsender Sorge alle Spekulationen, die um die berufliche Zukunft von Lucien Favre kreisen, dem beliebten Trainer von «Le Gym». So nennen sie dort den Stadtverein, der mit vollem Namen Olympique Gymnaste Club de Nice Côte d’Azur heisst. Die plausibelste These in dieser ärgerlichen Angelegenheit hat eine deutsche Zeitung mit Hang zu fetten Lettern nun mit der Entschiedenheit vermeintlicher Unabwendbarkeit befeuert. «Bild» schreibt, Favre und Borussia Dortmund seien sich «weitgehend einig». Es fehlten nur die Konditionen für die Freistellung in Nizza, doch auch daran werde gearbeitet.

Und so ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass die kurze und innige Liebschaft zwischen «Lulu» und «Le Gym», dem Publikum und der französischen Presse jäh enden wird, nach einem Jahr schon. Es war etwas mehr als ein Fussballmärchen.

Der Wandel nach dem Terror

Als der Schweizer im vergangenen Sommer nach Nizza wechselte, lag über der schönen, sonnentrunkenen Stadt an der «Bucht der Engel» ein schwarzer Schleier. Am 14. Juli, dem französischen Nationalfeiertag, hatte sie der Terror getroffen, unten an der Promenade des Anglais, der berühmten Uferstrasse. An Fussball mochte niemand denken. Doch vielleicht wohnte im Nebensächlichen, im Leichten ein Stück willkommene Ablenkung. Nizza ist keine grosse Adresse in diesem Sport. Der letzte französische Meistertitel liegt fast sechzig Jahre zurück – 1959. Im letzten Sommer aber passierten bei OGC so viele Dinge wie davor seit Dekaden nicht mehr.

Chinesische Investoren, die ihr Geld mit Hotels und Medien verdienen, hatten die Mehrheit am Verein gekauft. Da solche Investoren selten sehr geduldig sind, holten sie einen Trainer, der eigentlich eine Nummer zu gross war für den Ort. Favre sollte schnell viel Spektakel bieten, wenn möglich genug, damit es in die ganze Welt strahle. Oder wenigstens nach China. Man bot ihm ein Salär von 200'000 Euro im Monat – eine beträchtliche Summe gemessen am doch recht bescheidenen Gesamtetat von 42 Millionen Euro. Damit auch ja alle von Nizza reden würden, holten die neuen Besitzer einen Mann in die Stadt, den man bereits in der Unruhmeshalle fahrlässig verschwendeter Talente gewähnt hatte: Mario Balotelli, Stürmer mit erlahmtem Drang und unverwüstlicher Selbstachtung.

In Liverpool, wo er enttäuscht hatte, war man froh, ihn loszuwerden. Ex-Super-Mario kündigte sich gebührend an: «Ciao Nizza, Garibaldi schickt mich», schrieb er auf Instagram. Der grosse italienische «Condottiero», Giuseppe Garibaldi (1807 bis 1882), war in Nizza geboren. So viel zu den Kategorien. «Balo» schien eine verrückte Wette zu sein, ein Marketinggag. Die grelle Personalie passte auch nur leidlich zum neuen Coach, der sich in seiner Karriere einen Namen gemacht hat als Förderer junger, unbekannter Spieler, die er in ein Kollektiv ohne allzu herausragende Individualisten baute. Balotelli war nicht Favres Wahl gewesen, man hat ihn ihm aufgezwungen. Umso erstaunlicher war, wie gut das unwahrscheinliche Duett funktionieren sollte.

Nizza ist die eine, Balotelli die andere Sensation

Eine halbe Saison lang führte Nizza die Tabelle der Ligue 1 an. Eine Sensation war das, eine kleine Wundheilung. Niemand hatte erwartet, dass es neben den beiden Grossvereinen im Wettbewerb, dem katarisch finanzierten Paris Saint-Germain und der russisch unterfütterten AS Monaco, noch Platz für einen dritten Rivalen geben könnte. Schon gar nicht für «Le Gym». Doch schon bald spielte Nizza so, wie Favres Mannschaften für gewöhnlich erst nach einem Jahr obsessiver und methodischer Einwirkung spielen: schnell und offensiv, mit Aufbau ab Torhüter, viel Ballbesitz im Mittelfeld und zuweilen ein bisschen Überfall über die Flügel. Favre stellt sich das Spiel idealerweise wie ein Fluidum vor, ein rhythmisch wogendes Hin und Her.

Seine Stammelf in Nizza ist eine der jüngsten in Europa, 23,3 Jahre im Durchschnitt. Es stehen darin aber auch einige verdiente Herrschaften, die den Jungen Struktur lehrten. Dante zum Beispiel, der frühere Verteidiger von Bayern, und der marokkanische Mittelfeldspieler Younès Belhanda. Balotelli, und auch das ist eine Sensation, macht nicht nur neben dem Platz Schlagzeilen, sondern auch darauf – mit bisher 17 Toren insgesamt, mit Mätzchen und Nümmerchen für die Galerie, mit Gelben und Roten Karten. War Balotelli jeweils dabei, war immer etwas los. Manchmal reichten dafür auch schon wenige Minuten. Über Favre sagte der Italiener einmal, er zähle ihn zu den zwei besten Trainern, die er erlebt habe. Der andere sei Roberto Mancini, dann erst komme José Mourinho. Favre dankte es ihm mit Geduld.

Favres Zurückhaltung

Zur Hälfte der Meisterschaft sprach man vom «Leicester Frankreichs», als wäre in Nizza ein ähnliches Wunder möglich. Nur einer redete nicht so. Favre relativierte ständig und gab sich dabei wortreich selbstkritisch. Spannender noch als das Spiel der «Aiglons», der jungen Adler, wie man die Spieler von OGC nennt, sind die Pressekonferenzen des Trainers. Favre ist ja nie hölzern. Er verschont das Publikum auch nicht mit seinen Exkursen in die Taktik und ihrem ganzen, kryptischen Zahlensalat. Erliegt er dennoch mal einer schnellen Floskel, entschuldigt er sich dafür. Nach Stationen in Zürich, Berlin und Mönchengladbach konnte er nun endlich in seiner Muttersprache konferieren. Auf Französisch ist er spontaner, natürlicher, da ist noch mehr Esprit drin.

Die Franzosen lieben ihn dafür. Die Sportzeitung «L’Equipe» lobt Favres Umgangsformen: «Er siezt die Spieler», schrieb das Blatt unlängst, «und duzt die Perfektion.» Mehr geht wohl nicht, auch nicht mehr Kitsch. Ein Spieltag bleibt noch übrig. Nizza wird die Saison im dritten Rang beenden, hinter Monaco und PSG. So gut war man seit 41 Jahren nicht mehr gewesen. Und schon geht er wieder, «le Super-Coach». Wahrscheinlich wenigstens. Sehr wahrscheinlich sogar. Favre sagt, er kommentiere keine Gerüchte. Ein Dementi hört sich anders an.

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