Das folgenreiche Gespräch der Bayern-Bosse mit Kovac

Beim Treffen am Sonntag bringt Niko Kovac selbst seinen Rücktritt ins Spiel – und erspart damit vermutlich allen Beteiligten eine aufreibende Woche.

Bot seinen Rücktritt an: Niko Kovac.

Bot seinen Rücktritt an: Niko Kovac. Bild: Martin Meissner/Keystone

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Das, was dem Fussballtrainer Niko Kovac bis zuletzt keiner abgesprochen hat, war seine von Akribie geprägte Arbeitshaltung. Er kam früh zum Trainingsgelände, er ging spät nach Hause, er dachte über vieles nach, über Handyverbote in der Kabine, darüber, ob die Spieler eine Stunde vor dem Trainingsbeginn am Vereinsgelände sein sollten oder doch besser eineinhalb Stunden. Natürlich hat sich Niko Kovac auch akribisch vorbereitet auf das Gespräch, das sein letztes als Trainer des FC Bayern werden sollte.

Am Sonntagnachmittag hat sich Kovac noch einmal mit seinen Vorgesetzten getroffen, mit Klubboss Karl-Heinz Rummenigge, mit Präsident Uli Hoeness, mit Sportdirektor Hasan Salihamidzic. Dass es das Gespräch im Laufe dieses Tages geben würde, soll Kovac klar gewesen sein nach dem 1:5 am Samstag in Frankfurt, dem Tiefpunkt einer seit Wochen anhaltenden Krise. Doch so, wie sich das Gespräch nach Informationen der «Süddeutschen Zeitung» rekonstruieren lässt, war keinem Anwesenden zu Beginn klar, dass es enden würde, wie es dann endete: mit einer Trennung, über die es in der offiziellen Mitteilung hiess, dass sie «im gegenseitigen Einvernehmen» getroffen worden sei.

«Bis Dienstag!»

Am Sonntagmorgen war Kovac gewohnt früh zur Arbeit an der Säbener Strasse erschienen. Er hatte am Vormittag das Training mit den Reservisten abgehalten, er hatte zur Mannschaft gesprochen, sogar verabschiedet haben soll er sich: «Bis Dienstag!» Den Montag hatte er freigegeben. Bis zum Sonntagmittag hatte Kovac so gearbeitet, wie es seinem Arbeitsethos entsprochen hatte. Als am Mittag mehrere Medien berichteten, dass Kovac die Spiele am Mittwoch gegen Piräus und am Samstag gegen Dortmund betreuen dürfe, soll der Trainer das mitbekommen haben, allerdings nur auf seinem Handy.

Der Schlusspunkt: Frankfurt erzielt das 5:1 gegen die Bayern. Video: ZDF

Viel Bedeutung schenkte er der Meldung angeblich nicht. Denn eine entsprechende Regelung hatten ihm die Bosse nicht mitgeteilt, was auch dadurch zu erklären war, dass er mit den Bossen noch gar nicht gesprochen hatte. Um kurz vor 15 Uhr wurde Kovac dabei fotografiert, wie er das Vereinsgelände verliess. Hoeness, Rummenigge und Salihamidzic waren bis dahin an der unter Dauerbeobachtung stehenden Säbener Strasse nicht gesichtet worden, was sehr dafür spricht, dass es bis dahin kein Gespräch gegeben haben kann.

Wäre es schwer gewesen, ihn doch noch umzustimmen?

Erst später am Sonntag fand dann das Treffen statt, bei dem laut Rummenigge «ein offenes und seriöses Gespräch geführt» wurde. Dem Vernehmen nach war das Gesprächsklima sogar so offen, dass die Bosse zumindest nicht sofort Kovac mitteilten, dass seine Zeit vorbei sei. Vielmehr soll Kovac gesagt haben, dass er seinen Rücktritt anbiete, wenn die Erklärung für die unbefriedigenden Ergebnisse und spielerischen Auftritte bei ihm liegen sollte. Für seine Chefs war das ein Angebot, das sie so offensichtlich nicht ablehnen wollten.

Aber wie wäre das Gespräch wohl ausgegangen, wenn Kovac nicht seinen Rücktritt ins Gespräch gebracht hätte? Und wäre es schwer gewesen, ihn doch noch umzustimmen? Vermutlich hat Kovac mit seinem Angebot allen Beteiligten eine aufreibende Woche erspart, und menschliche Grösse hat er auch noch mal bewiesen.

War der grosse Fürsprecher: Uli Hoeness stellte sich immer vor Niko Kovac. Bild: Keystone

Am Abend verschickte der Klub dann eine Pressemitteilung, in der die einvernehmliche Lösung sehr betont wurde, in einer zweiten Version auch in der Überschrift noch mehr. Zitiert wird dabei auch Kovac, der «denkt, dass dies zum jetzigen Zeitpunkt die richtige Entscheidung für den Klub ist». Ausserdem zitiert wird Salihamidzic, der sagt: «Ich erwarte jetzt von unseren Spielern eine positive Entwicklung und absoluten Leistungswillen, damit wir unsere Ziele für diese Saison erreichen.» Ein Satz, der offenbar aus dem Standardbaukasten für einvernehmliche Trennungen stammen muss; exakt wortgleich hatte sich Rummenigge im Herbst 2017 zitieren lassen, nachdem der Klub sich von Carlo Ancelotti getrennt hatte.

Kovac also war vor diesem Gespräch gut vorbereitet, er hatte eine Option angeboten, bei der zumindest für ihn klar war, wie es weitergeht. Salihamidzic, Hoeness und Rummenigge wissen nun zumindest, dass es ohne Kovac weitergeht, aber mit wem, das müssen sie erst noch klären. Dass Hansi Flick «bis auf Weiteres» übernimmt, war naheliegend; am Montagnachmittag verkündete der Klub, dass ihm Hermann Gerland assistieren wird. Doch bleibt Flick nur bis Samstagabend verantwortlich, bis Weihnachten oder bis zum Sommer 2020?

Warten, eine radikale Lösung – oder doch kreativ werden?

Trainer, deren offensiver Ansatz zur Mannschaft passen würde, gibt es schon, allen voran Erik ten Hag (Amsterdam) und Thomas Tuchel (Paris). Sie sind aber entweder nicht unmittelbar verfügbar oder allenfalls für eine hohe Ablösesumme. Zutrauen würden sich beide den Job, aber würden sie dafür sofort ihr aktuelles Team abgeben? Ten Hag bestätigte am Montagabend bei einer Pressekonferenz in London jedenfalls, dass er «diese Saison bei Ajax bleiben werde». Ralf Rangnick oder José Mourinho trainieren zurzeit zwar keine Mannschaft, ihr Ansatz ist aber radikal anders (Rangnick) oder zuletzt vor allem radikal destruktiv gewesen (Mourinho).

Viele Gesichter: Die Liste der möglichen Kovac-Nachfolger ist lang. Bild: Keystone

Recht unkompliziert wäre es wohl, einen Trainer zu holen, von dem Rummenigge erst im April geschwärmt hat. Der Klubboss adelte damals Xabi Alonso als «klügsten und besten Strategen, den ich je bei uns im Mittelfeld gesehen habe», er sagte: «Meiner Meinung nach müssen wir uns bemühen, dass er irgendwann nach München zurückkehrt.» Alonso, 37, trainiert zurzeit Real Sociedad B, in der zweiten spanischen Liga steht er auf dem vierten Platz. Alonso wäre eine sehr kreative Lösung – aber genau diese Kreativität ist nun gefragt.

Erstellt: 05.11.2019, 10:26 Uhr

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