«Einmal, zweimal die Woche nehme ich Gesangsunterricht»

Wie schafft es der Nati-Goalie jahrelang die Nummer 1 zu sein? Yann Sommer über seine Kreativität und die verpatzte Partie gegen Dänemark.

«Ich freue mich über ein Kompliment, wenn einer sagt: He, das ist ein toller Charakter»: Yann Sommer (30). Foto: Toto Marti (Freshfocus)

«Ich freue mich über ein Kompliment, wenn einer sagt: He, das ist ein toller Charakter»: Yann Sommer (30). Foto: Toto Marti (Freshfocus)

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Wie gut ist die Schweizer Nationalmannschaft?
Ein paar erfahrene Spieler haben aufgehört, darum hat die Mannschaft eine neue Aufmachung. Man merkt: Da sind ein paar junge Spieler, die mehr Verantwortung übernehmen. Die Entwicklung der letzten Jahre ist sehr positiv, auch wenn nicht immer alles reibungslos lief. Aber diese Nationalmannschaft hat Tolles geleistet. Ich finde sie von der Qualität her gut, wirklich gut.

Einen Traum hat sie sich noch immer nicht erfüllt: die Qualifikation für einen Viertelfinal an einer WM oder EM.
Dieser Traum ist gross. Er beschäftigt den Verband und die Mannschaft. Wir überlegen uns: Okay, was fehlt denn, dass wir einen nächsten Schritt machen können? Wieso reicht es nicht? Es ist ja nicht so, dass wir in diesen Achtelfinals (2014, 16 und 18) gegen Weltmächte gespielt hätten oder dass es Spiele waren, in denen wir keinen Stich hatten. Gegen Schweden zum Beispiel war es ein Spiel auf Augenhöhe…

...trotzdem verlor die Schweiz…
...und darum stellt sich die Frage: In welchen Bereichen müssen wir besser werden, dass wir einen Schritt mehr machen können? Ist das im Mentalen?

Setzt sich die Mannschaft zu sehr unter Druck?
Der Druck ist sowieso da, der ist auch in einer Gruppenphase riesig. Wir kennen die Anforderung: Die Schweiz muss diese Phase überstehen.

«Trotzdem, es ist ein Achtelfinal, und das ist für die Schweiz
weiterhin toll.»

Sagen Sie und Ihre Mitspieler ja auch.
Zu Recht. Das sind unsere Ansprüche. Wir wollen erfolgreich sein, sonst macht es keinen Sinn. Aber es kann sein, dass vor einem Achtelfinal der Gedanke aufkommt: Oh, da haben wir noch nie gewonnen. Vielleicht ist das genau so ein Punkt, an dem wir arbeiten müssen. Wieso sind wir gegen Polen oder Schweden nicht an unsere Leistungsgrenze gekommen? Gegen Polen verloren wir das Elfmeterschiessen, das kann passieren. Aber gerade gegen Schweden merkten wir: Wir sind einfach nicht top, wir erspielten uns fast keine Chance. Das muss uns zu denken geben. Auf der anderen Seite muss ich eines trotzdem sagen.

Was denn?
Ein Achtelfinal an einer WM wird heute in der Schweiz als selbstverständlich angesehen. Aber es ist immer noch ein Achtelfinal, die Gruppenphase ist überstanden, und das ist für die Schweiz weiterhin toll.

Wenn die Öffentlichkeit einen Achtelfinal als normal erachtet, liesse sich das auch als Lob für die Mannschaft sehen.
Definitiv! Das haben wir uns auch verdient. Das haben wir uns selbst eingebrockt (lacht). Die Ansprüche steigen mit dem Erfolg. Das sehe ich auch im Club. Als ich nach Mönchengladbach gekommen bin, wurden wir Dritter und spielten in der Champions League. Die Reaktion war: Oh, Champions League! Cool, nächstes Jahr wieder! Das ist normal.

Und Sie können gut damit umgehen?
Sehr gut. Ich habe seit Jahren die Unterstützung eines Mentaltrainers, der mich, neben meiner Familie, an Aufgaben heranführt: erstes Spiel an einer EM, erstes Spiel an einer WM usw.

Schlafen Sie dann gut?
Die Spiele gegen Albanien und Brasilien stellten für mich eine ganz neue Erfahrung dar. Erstmals eine EM als Nummer 1, erstmals eine WM als Nummer 1, Brasilien, päng! Da schlief ich vorher sicher unruhiger als sonst. Man kennt das doch vor einer grossen Aufgabe: Man wälzt sich im Bett und überlegt sich ganz viel. Vor den nächsten Spielen aber war es wieder wie sonst: Augen zu und einschlafen.

Wieso sind Sie seit fünf Jahren die Nummer 1 der Schweiz? Was soll ich Ihnen dazu sagen?

Dass Sie die Leistung immer gebracht haben, dass Sie gut sind…
Erstens ist es wichtig, dass der Trainer auf einen setzt. Und zweitens: Leistung.

Gegen die Konkurrenz setzt sich Sommer mit Leistung durch: Der Nati-Goalie im Training. Foto: Keystone

Patrick Foletti, der Goalietrainer im Nationalteam, sieht Sie gegenüber Ihren Konkurrenten im Vorteil, wenn es um den Umgang mit Druck geht und um die Spielintelligenz. Teilen Sie diese Einschätzung?
(lacht) Es ist seine Aufgabe, das zu beurteilen. Ich kann mich freuen darüber, dass ich seit fünf Jahren die Nummer 1 der Schweiz bin. Ich bin stolz darauf.

Sie sind seit 2014 auch im Club unbestritten. Was denken Sie, wie viele der 218 möglichen Spiele haben Sie bestritten?
190?

211.
Krass.

Was sagt Ihnen diese Zahl?
Das ist für mich eine Bestätigung für das, was ich in meinen Job, in meinen Körper investiere. Diese Zahl zeigt mir, dass ich vieles richtig mache, was um den Fussball herum ist, etwa die Arbeit mit dem Mentaltrainer. Sonst könnte ich nicht über eine so lange Zeit relativ konstant spielen.

Das ist auch frustrierend für andere. Marwin Hitz sagte für die letzte WM ab, weil er nicht mehr die Nummer 3 sein wollte. Roman Bürki hat sich zurückgezogen, weil es an Ihnen kein Vorbeikommen gibt.
Das ist ein harter Konkurrenzkampf. Das braucht es auch. Was heisst Kampf? Das ist das falsche Wort. Es ist eine Konkurrenzsituation. Das gibt es im Verein, das gibt es im Nationalteam.

Haben Sie nie ein schlechtes Gewissen gegenüber den anderen Torhütern?
Ich mache mir die Gedanken nicht. Ich konzentriere mich darauf, gute Leistungen zu bringen.

Sie werden mit viel Lob eingedeckt. Sie seien als Persönlichkeit eine Sensation, sagte zum Beispiel Gladbachs Sportdirektor Max Eberl. Wie gross ist die Gefahr, dass Ihnen so etwas den Kopf verdreht?
Null. Ich habe mir immer gesagt: Ich gehe mit Lob und mit Kritik gleich um. Ich freue mich über ein Kompliment, wenn einer sagt: He, das ist ein toller Charakter. That’s it. Ich habe immer versucht, bei mir selbst zu bleiben, ehrlich zu bleiben.

«Ich möchte nicht nochmals 19 sein. Ich bin sehr happy,
wie es ist.»

Und mit Kritik gehen Sie so einfach um?
Ich nehme sie auf, ich bin offen dafür. Wenn sie konstruktiv ist, sage ich mir: Okay, das stimmt, ich versuche sie zu nutzen, um besser zu werden. Dann aber heisst es auch: Weiter geht es.

Sie machen in der Öffentlichkeit einen kontrollierten Eindruck. Es kann auch passieren, dass Sie in Interviews mit Ihnen noch Korrekturen anbringen. Ist es Ihnen so wichtig, dass jedes Wort sitzt?
Definitiv. Ich könnte mit Ihnen auch hier sitzen, Sie stellen Fragen, und ich sage; Hmmm, hmmm, hmmm.

Das wäre spannend.
Genau. Ich möchte doch etwas erzählen. Wenn ich das Interview dann gegenlese, hat es sicher zwei, drei Aussagen drin oder manchmal auch ein wenig mehr (lacht), die sich anders lesen, als es sich beim Reden vielleicht anhört. Dann ist es mir wichtig, dass ich das korrigieren kann.

Was haben Sie mit dem Torhüter gemeinsam, der mit 19 sein Debüt in der Super League gab?
Ich bin der gleiche Torhüter, geschmückt natürlich mit mehr Erfahrung. Aber ich finde, ich war schon damals, mit 19, ein sehr mutiger Goalie, der versuchte, relativ komplett zu sein.

Was heisst mutig?
Das kann das Positionsspiel sein. Es gibt Torhüter, die bei einem Freistoss tief stehen, es gibt andere, die dem Gegner zu verstehen geben: Komm, schlag den Ball, ich hole ihn runter. Das betrifft auch die Spielweise. Ich zeige: Spielt mir den Ball zu, ich will ihn haben. Das ist für mich mutig als Goalie.

Möchten Sie nochmals 19 sein?
Nein. Ich hatte eine unglaublich schöne Anfangszeit, überhaupt finde ich meine ganze Karriere wunderschön. Aber ich möchte nicht nochmals zurückgehen, ich bin sehr happy, wie es ist.

Jetzt werden Sie Vater.
Ja. Sehr schön.

Wie verändert diese Nachricht einen Menschen?
Am Anfang ist die Reaktion: Wow, krass. Dann beginnt der Bauch der Frau zu wachsen, und je grösser er wird, desto mehr realisiert man: Jetzt gilt es ernst. Es ist ein nächster Schritt, wir haben geheiratet, wir werden Eltern. Schöne Zukunft.

Wieso sind Sie noch immer in Mönchengladbach?
Weil es mir sehr gut gefällt, da, wo wir wohnen, hier im Club. Ich wäre nicht schon im sechsten Jahr hier, wenn ich nicht glücklich wäre, wenn ich nicht spüren würde, dass Ambitionen da sind, dass wir jedes Jahr eine Mannschaft haben, mit der wir etwas erreichen können.

Hat es nie ein Angebot gegeben, das Sie gereizt hätte, um es anzunehmen?
Natürlich hat es Momente gegeben, in denen ich mich damit beschäftigt habe, klar. Aber ich bin hier happy. Und immer noch hier. Was soll ich Ihnen sonst sagen?

Wie lange wollen Sie in Gladbach bleiben?
Keine Ahnung. Es bringt eh nichts, langfristig zu denken. Ich bin jetzt 30. Und mit 30 fühle ich mich am besten in meiner Karriere. Jetzt bin ich an einem Punkt, an dem ich mir sage: Ich bin nahe an meinem Gesamtpaket, ich habe viel Erfahrung gesammelt, ich bin im Tor ruhiger geworden. Ich fühle mich sehr gut. Ich werde noch ein paar Jahre im Tor stehen.

Welche Ziele haben Sie denn noch?
Ein Traum ist immer ein Titel. Mit Gladbach zum Beispiel gibt es den Cup, in dem wir eine Chance haben. Es gibt eine Meisterschaft, die zwar schwierig zu gewinnen ist.

Und mit der Schweiz?
Es wäre toll, zuerst einmal an die EM zu kommen. Und dann da erfolgreich zu sein.

Da würde ein Sieg in Irland helfen.
Zum Beispiel, ja. Es ist eine spannende Gruppe.

Das 3:3 gegen Dänemark nach einer 3:0-Führung war ein ziemlicher Lehrblätz.
Natürlich. Wir haben das Spiel komplett im Griff, 3:0, es kann fast nichts mehr passieren. Aber dann ist es halt so, wie es oft läuft und wie es jede Woche in der Bundesliga zu sehen ist: Eine Mannschaft führt in der 84. Minute 2:0, bekommt ein Tor, und als Zuschauer sieht man, wie sie zu zittern beginnt. Gegen Dänemark hat es einfach uns erwischt.

Gegen die Dänen verspielte die Schweiz eine 3:0-Führung: Yann Sommer versucht das 3:3 zu verhindern. Foto: Keystone

Wie war das da? Begannen die Spieler mit dem 3:1 in der 84. Minute zu zittern?
Da noch nicht. Aber du siehst, wie der Gegner sich den Ball aus unserem Tor holt und zur Mittellinie zurückrennt. Er glaubt daran, noch etwas zu erreichen. Dann fällt das zweite Gegentor. Die Zuschauer werden unruhig. Auf dem Platz schauen wir uns an: Wow, jetzt aber…

Der Mannschaft war anzumerken, dass viele Routiniers nicht oder nicht mehr im Einsatz standen, kein Lichtsteiner, Seferovic, Schär, Shaqiri oder Xhaka und Rodriguez.
Wir hatten mehr als genug Qualität auf dem Platz, um ein 3:0 über die Zeit zu bringen.

Eine Frage bleibt. Beschreiben Sie sich in drei Adjektiven?
Ausgeglichen, kreativ, sehr loyal.

Vor zwei Jahren wurde Ihnen diese Frage schon einmal gestellt. Und Ihre Antwort war: ruhig, überlegt, offen.
Sehen Sie, ich habe mich weiterentwickelt.

Was meinen Sie mit kreativ?
Im Job habe ich viel Platz, um das zu sein.

Und daneben?
Nehme ich weiter Gesangsunterricht. Einmal, zweimal die Woche. Das ist für mich Ablenkung. Ich komme in eine andere Welt.

Machen Sie Fortschritte?
Ich denke schon. Stimmbänder sind wie ein Muskel. Je besser sie trainiert sind, desto schöner singt man. Wenn man die Töne trifft (lacht).


Dritte Halbzeit – der Tamedia Fussball-Podcast

Die Sendung ist zu hören auf Spotify, bei Apple Podcasts oder direkt hier:

Erstellt: 05.09.2019, 06:16 Uhr

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