«Das hat nichts mit Freundschaft zu tun»

Präsident Uli Hoeness will nicht ausschliessen, dass Jupp Heynckes doch eine weitere Saison Trainer des FC Bayern bleibt. Das ärgert diesen.

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Bevor Uli Hoeness am Freitagabend von seinem Platz auf dem Podium hinüber schritt ans Rednerpult, um dort den «Bericht des Präsidenten» vorzutragen, sagte er schon mal einen Satz, den man je nach Standpunkt als Verheissung oder als Drohung verstehen konnte. Der Satz ging so: «Jetzt bin ich dran.»

Dieses Hoeness'sche Jetzt bin ich dran, übersetzt hiess das wohl: Jetzt wird's wichtig! Jetzt müsst ihr zuhören, wenn ihr verstehen wollt, wie es um den FC Bayern wirklich bestellt ist. Der Satz war der programmatische Rahmen für alles, was folgen sollte – inklusive der stundenlangen Verwirrung um die Frage, ob Jupp Heynckes womöglich doch eine weitere Saison dranhängen könnte als Trainer des FC Bayern.

Tatsächlich erzählte die Rede, die Uli Hoeness dann auf der Jahreshauptversammlung seines FC Bayern hielt, eine Menge darüber, wie in diesem stolzen Club gerade über Gegenwart und Zukunft gedacht wird. Hoeness beschwor minutenlang seine wiedergewonnene Freundschaft mit Karl-Heinz Rummenigge. Er drohte, wenn auch ziemlich kryptisch, dem DFB-Präsidenten, den er für das miserable Management des Videobeweis- Projekts verantwortlich macht («Die, die mit uns Ärger kriegen, müssen wieder aufpassen. Herr Grindel lässt grüssen.»). Und er machte sich, ebenso ausführlich wie genüsslich, über all jene lustig, die den Fussball für eine akademische Veranstaltung halten: «Das wirkliche Leben ist auf dem Platz, und weiterhin sind die Tore 7,32 Meter gross - und da muss er rein.»

«Alles ist schön», sagt Hoeness, «ich bin ein zufriedener Mensch.»

Vor allem aber liess Hoeness erkennen, wie sehr er gerade die Gegenwart geniesst. Die neun Siege in den ersten neun Spielen unter dem zurückgekehrten Trainer Heynckes - das ist für Hoeness gerade die wichtigste Definitionsebene: «Der FC Bayern ist in einem wunderbaren Zustand», rief er den knapp 1500 Mitgliedern zu, «alles ist schön. Ich stehe hier als ein total zufriedener Mensch.»

Doch am meisten Wirbel verursachte dann eine Äusserung, die Hoeness mehr so nebenbei fallen liess, als sich die Versammlung längst dem inoffiziellen Tagesordnungspunkt «Freibier» widmete. Gefragt, ob er Heynckes doch noch zu einer weiteren Saison als Coach überreden wolle, wo gerade alles so wunderbar sei, sagte Hoeness: «Weder das eine noch das andere würde ich heute komplett ausschliessen.»

Dabei hatte der 72-jährige Heynckes selbst eine Verlängerung seiner Münchner Aushilfsmission über den Sommer hinaus stets für ausgeschlossen erklärt. Doch auf die Nachfrage hin, ob er, Hoeness, so einen Sinneswandel wirklich für möglich halte, entgegnete der Bayern-Präsident nun erneut: «Das halte ich für möglich, ja.» Dann war er weg. Und Heynckes musste am nächsten Tag in Mönchengladbach den Kollateralschaden dieser Jetzt-bin-ich-dran-Aussage beiseite räumen.

«Alle schweben nur noch»

«Ich weiss nicht, was Uli bewegt hat, so etwas zu sagen», erklärte also Jupp Heynckes nach der 1:2-Niederlage gegen die Borussia, die eigentlich ganz andere Themen in den Fokus gerückt hatte, aber nun ging es halt wieder um ihn. Also, Klarstellung: «Wir haben eine ganze klare Vereinbarung, und die geht bis zum 30. Juni. Ich möchte dazu nicht jede Woche Stellung nehmen. Das ist eine ganz klare Vereinbarung, dabei bleibt es auch. Da gibt es nichts dran zu rütteln.»

Thema erledigt also. Man könnte die Geschichte als missglücktes Mitternachtsinterview abhaken. Ausschliessen, nicht ausschliessen, für möglich halten, nicht für möglich halten – viel Lärm um ein bisschen Wortklauberei.

Oder aber man wertet die Geschichte als ein weiteres Indiz dafür, dass Uli Hoeness gerade versucht, beim FC Bayern die schöne Gegenwart einzufrieren.

Es war jedenfalls am Freitag mit Händen zu greifen, wie sehr Hoeness den «Glückszustand» beschwor, in dem er seinen Klub gerade verortet, wie sehr er die «Stimmungsänderung» geniesst, die "«durch Jupp gekommen ist: Alle schweben nur noch.» Könnte man da nicht einfach die Zeit anhalten? Jupp forever?

Die Zukunft kann warten

Dazu noch der reaktivierte Medizinmann Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, 75, der Nachwuchschef Hermann Gerland, 63, und an der Spitze das Duo Hoeness, 65, und Rummenigge, 62: «Vielleicht können wir nicht mehr so schnell laufen», rief Hoeness, «aber unser Hirn funktioniert noch hundertprozentig.» Nachfragen zur Trainersuche hatte Hoeness zuletzt nicht etwa mit Verweis auf die notwendige Vertraulichkeit solcher Gespräche abgebügelt - sondern weil sie «respektlos» seien gegenüber Heynckes. Die Zukunft? Kann warten.

Einer scheint das offenbar anders zu sehen: Jupp Heynckes. Der Klub habe jetzt «genug Zeit, einen adäquaten Trainer für die neue Saison zu finden», betonte er am Samstag in Mönchengladbach. Und während Hoeness und Rummenigge am Vorabend viel über Freundschaft gesprochen hatten, sagte Heynckes, angesprochen auf eine Verlängerung seines «Freundschaftsdienstes» über 2018 hinaus: «Das hat nichts mit Freundschaft zu tun!»

Freundschaft – für Heynckes hiess das, eigene Lebensplanungen hintenan zu stellen, als kürzlich nach dem Rauswurf von Carlo Ancelotti schnell einer her musste, der den FC Bayern stabilisiert. Freundschaft heisst für Heynckes aber auch, ihn jetzt nicht in Szenarien hineinzuträumen, die er definitiv nicht will. (Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 27.11.2017, 17:55 Uhr

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