Zahlen, die selbst Trainer überraschen

YB schiesst, an seinen Chancen gemessen, überdurchschnittlich viele Tore, der FCZ hat eine Minusbilanz. Teil 1 der grossen Datenanalyse.

Die Sportanalytikfirma Opta hat für Tamedia jede Torchance jedes Spielers aus der Super League analysiert und auf deren Qualität bewertet. Illustration: Viviane Futterknecht

Die Sportanalytikfirma Opta hat für Tamedia jede Torchance jedes Spielers aus der Super League analysiert und auf deren Qualität bewertet. Illustration: Viviane Futterknecht

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Es sind Zahlen, die selbst die Trainer überrascht haben, weil sie so in der Schweiz noch nicht veröffentlicht worden sind. Die Zeit ist vorbei, in der sich Fussballstatistiken nur um gerannte Kilometer oder Ballbesitz drehten. Heute gibt es Daten, die Rückschlüsse auf die Qualität von Spielern erlauben – und zeigen, welche Taktiken die Teams bevorzugen. In der Schweiz ist es die Firma Opta, die seit letzter Saison jeden Spielzug und jeden Zweikampf vermisst. Aufgrund dieser Daten haben wir neun ­Fragen gestellt und sie Trainern und Experten vorgelegt. (Hier geht es zu Teil 2 mit GC, FC Luzern und FC St. Gallen)

Young Boys: Besser als jedes Modell

Würden sich die Young Boys an den statistischen Durchschnitt halten, besässe die Liga vielleicht noch einen Hauch Spannung. Aber YB schlägt das Modell der erwartbaren Tore um Längen, das im englischen Fachausdruck «expected Goals» oder xG heisst (Erklärung siehe nachfolgende Grafik). 16 Tore haben die Berner mehr erzielt, als zu erwarten gewesen wären. Dazu sind gleich vier ihrer Spieler in den Top Ten jener Torschützen, die mehr aus ihren Chancen machen als der Durchschnittsfussballer. Das bedeutet: YB ist derzeit viel effizienter, als es das gemäss Opta-­Berechnung sein dürfte. Was dafür spricht, dass es den Bernern bald etwas schwerer fallen könnte, Tore zu schiessen.

Folgen die Young Boys der Statistik – und treffen nun seltener?
Die Frage geht an Ted Knutson, dessen Firma Statsbomb unter anderem Paris St-Germain berät. Und der Datenexperte hat keine guten Neuigkeiten für Leute, die gerne Spannung in der Super League haben. Zwar vergleicht er selbst immer wieder die erwartbaren Tore und Gegentore mit den realen Resultaten. So kann er herausfinden, ob ein derzeit sehr erfolgreiches Team wirklich überlegen spielt – oder ob es nur einen glücklichen Lauf hat, der in der weiteren Saison wieder abflauen dürfte.

Aber er stellt auch fest: «Jedes xG-Modell hat seine Grenzen, wenn es darum geht, wirklich zu wissen, was auf dem Feld passiert.» Und Bern erfüllt die Punkte, mit denen die errechneten Modelle geschlagen werden können: «Teams, die sich häufig klare Torchancen erspielen und talentierte Stürmer besitzen, sind regelmässig um einiges besser, als die Statistik voraussagt.» Der Berner Höhenflug dürfte also einfach so lange weitergehen, bis Spielerverkäufe das Kader schwächen.


FC Basel: Nachhilfe für Ajeti

Letzte Saison war er Torschützenkönig. In der aktuellen Spielzeit aber führt Albian Ajeti die Rangliste jener Spieler an, die weniger treffen, als sie es laut Statistik tun sollten. Keiner in der Liga schoss häufiger aufs Tor als Ajeti (63 Mal), aber es hapert mit der Effizienz: 15 Grosschancen hat der 21-Jährige in der ersten Saisonhälfte vergeben. Das sind gleich viele wie alle Kaderspieler der Grasshoppers zusammen. Das alles erinnert an Mohamed Salah. Der Ägypter, heute beim FC Liverpool gefeierter Torjäger, galt in seinen Basler Anfängen auch als Chancentod, ehe ihm ein Schweizer Rekordtorschütze ein paar gute Tipps mit auf den Weg gab.

Muss Albian Ajeti bei Alex Frei ins Stürmertraining?
Marcel Koller, FCB-Trainer: «Wir haben mit Alex Frei oder auch Sportchef Marco Streller zwei ehemalige Stürmer im Club, die wissen, wie man Tore erzielt, und die durchaus manchmal Tipps geben. Für mich ist es erst einmal positiv, dass Albian so häufig zum Torschuss kommt. Im Abschluss ist es dann häufig auch eine Frage der Erfahrung. Da wäre es im Vergleich mit ­dem 34-jährigen Hoarau interessant, zu wissen, ob der mit 20, 21 auch schon so gute Werte hatte.

Albian ist bewusst, dass er mehr Tore hätte schiessen können, wir sprechen so etwas intern auch an. Als Stürmer sieht man das leere Tor, denkt, den macht man einfach rein, plötzlich kommt aber eine leichte Fehlbewegung – und alle im Stadion fragen sich, wieso der Ball nicht hineinging. Albian braucht also in gewissen Situationen vielleicht noch etwas mehr Ruhe, etwas mehr Aggressivität und Fokus, bis der Ball wirklich drin ist. Zu meiner aktiven Zeit war Nestor Subiat so ein Stürmer: Er hielt die Spannung, bis der Ball im Tor war – und erst dann liess er die Konzentration sinken und seine ganze Freude heraus.»


FC Zürich: Der neue Favre?

Ludovic Magnin will den FC Zürich verändern. Er will aus ihm eine Spektakelmannschaft nach favrescher Prägung machen. ­Defensiv stabil, offensiv ein Segen für die Augen. Top ist der FCZ bislang bei den erwartbaren Gegentreffern, er bekommt weniger, als er gemäss Opta-Modell sollte.

Ist Ludovic Magnin auf den Spuren von Lucien Favre?
Von Ludovic Magnin ist bekannt, dass er viel von Lucien Favre hält, ihn als Mentor bezeichnet und ihn auch einmal anruft, um mit ihm über Fussball zu diskutieren. Und Favre ist bekannt dafür, dass seine Mannschaften weniger Tore bekommen, als statistisch erwartbar wäre. In Gladbach war das der Fall, in Nizza, nun auch in Dortmund. Magnin folgt mit dem FCZ diesem Muster. Also doch: Mini-Favre. Doch Favre ist mehr als nur ein Toreverhinderer. Er gilt unter den xG-Statistikern als Mysterium. Denn seine Mannschaften schiessen auch konstant und deutlich mehr Tore, als sie statistisch sollten. Bei Magnin hingegen zeigt sich gerade das Gegenteil. Der FCZ hat als einzige Mannschaft der Super League weniger Tore geschossen, als zu erwarten gewesen wäre. Minus 2 beträgt die Bilanz. Also doch kein Mini-Favre. Doch die Minusbilanz hängt wohl auch mit dem sommerlichen Aderlass im Sturm zusammen. Frey und Dwamena verliessen den Verein. Und mit ihnen auch der positive xG-Wert. Letzte Saison hatte der Club noch ein Plus von 5 aufgewiesen.


FC Thun: Tosetti Superstar

Matteo Tosetti verspricht mit seinen raffinierten Pässen Gefahr. Der Thuner ist an den meisten Angriffen beteiligt, die zu einem Abschluss führen (76), vor Luca Zuffi (FCB, 71), Vincent Sierro (St. Gallen, 62) und Benjamin ­Kololli (FCZ, 61). Und Tosetti gibt die erfolgversprechendsten Vorlagen (erwartbare Assists). Ob sie auch zu Toren führen, liegt an den Thuner Stürmern.

Ist Matteo Tosetti der am meisten unterschätzte Spieler der Liga – und bald bei YB?
Marc Schneider, Thun-Trainer: «Ich weiss nicht, ob er unterschätzt wird – von mir sicher nicht. Er ist für uns enorm wichtig. Er schlägt starke Pässe und superpräzise Flanken, er hat ein hohes Spielverständnis und kann Dinge voraussehen wie kaum ein anderer. Er ist erwachsener geworden und kein Finöggeli mehr, wie vielleicht noch vor ein paar Jahren. Er hat eine Qualität, die ich in der Schweiz auf seiner Position bei niemanden sehe. Gut, vielleicht bringt ein Sulejmani bei YB noch ähnliche Qualitäten mit. Man stelle sich Sulejmani und Tosetti auf den Flügeln vor und in der Mitte Hoarau – dann gute Nacht!

Aber ob er bald bei YB spielt? Diese Frage stellt sich zum Glück für mich als Trainer nicht, dafür sind bei uns andere Personen zuständig. Wir wissen aber, dass er uns irgendwann verlässt, wenn er so weiterspielt. Das wird für ihn gut sein, aber auch für uns, denn wir profitieren finanziell. Bis es so weit ist, muss er sich aber noch verbessern. Noch mehr Verantwortung übernehmen, noch mehr die Mitspieler führen. Er ist kein Mitläufer mehr, er gehört nun zu den Führungskräften. Daran messe ich ihn.»

Teil 2 der grossen Datenanalyse der Super League finden Sie hier.

Erstellt: 31.01.2019, 22:43 Uhr

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