«Quatsch, ich bin derselbe Torhüter, der ich immer war»

Manuel Neuer wehrt sich gegen Vorwürfe, er sei nach seiner Verletzung leichter zu bezwingen. Der Goalie von Bayern München sagt: «Ich will in allem der Beste sein.»

Manuel Neuer – der ehemalige Weltmeister und Welttorhüter muss erstmals auch Zweifel und Kritik abwehren. Foto: Alexander Hassenstein (Getty)

Manuel Neuer – der ehemalige Weltmeister und Welttorhüter muss erstmals auch Zweifel und Kritik abwehren. Foto: Alexander Hassenstein (Getty)

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War 2018 das schwerste Jahr Ihrer Karriere?
Das würde ich nicht so sagen. Auf eine Art war es ja auch ein schönes Jahr: weil ich wieder ganz gesund bin. Ich kann wieder alles machen, nichts tut mehr weh. Das ist ein erfreuliches Ende einer Zeit, in der ja doch alles ein bisschen auf der Kippe stand.

Sie meinen: Ihre Karriere? Es heisst, bei einem weiteren Bruch des Mittelfusses hätte es vorbei sein können.
So was kann man ja nie genau sagen, aber ein erneuter Rückfall vor der WM hätte die ganze Sache womöglich beenden können. Deshalb sage ich ja: Es war sportlich sicher kein tolles Jahr, dafür weiss ich es sehr zu schätzen, dass ich noch dabei und wieder topfit bin.

Wie würden Sie denn Ihren Fitnesszustand am Ende dieses schwierigen Jahres beschreiben?
Sehr gut. Die Nation muss sich keine Sorgen machen.

Manche machen sich aber trotzdem Sorgen, wenn sie etwa sehen, dass Fortuna Düsseldorf in München dreimal aufs Tor schiesst und alle drei Schüsse drin sind.
Ja, klar, ich weiss ja, worauf Ihre Frage abzielt: auf diese ganzen Statistiken, die besagen, dass ich weniger Schüsse halte als vor der Verletzung.

Und?
Für mich ist wichtig, wie ich die Dinge sehe, niemand anderes. Und wenn ich mir ein paar dieser Situationen einzeln anschaue, komme ich zu der klaren Bewertung: Es ist alles in Ordnung. Die Kritiker haben ja immer nur einzelne Tore vor Augen, keiner spricht darüber, wie viele Bälle ich zum Beispiel schon ablaufe oder entschärfe, bevor es überhaupt gefährlich werden kann. Aber so was geht natürlich in keine Statistik ein.

Gefährlicher Abschluss der Schweden: Neuer pariert an der WM in Russland. Video: SRF

Manchmal hat man aber ­tatsächlich den Eindruck: Zumindest dieses Neuer­Alleinstellungsmerkmal ist weg, diese Aura, dieses ­Unbezwingbare.
Aber was ist denn schon passiert? Worüber reden wir eigentlich?

Vielleicht vermissen die Leute einfach, dass der Neuer wieder einmal einen Unhaltbaren hält.
Ich gehe davon aus, dass die Leute das bald wieder sehen werden. Es gab in dieser Vorrunde einfach nicht die klassischen Torhütermomente für mich. Ich bin keiner, der sich quer in die Luft legt, die Beine anzieht und den Ball über die Latte lenkt. Ich sags mal ganz selbstbewusst: Ich halte solche Bälle lieber fest.

Es gibt Experten, die sagen, Sie hätten nach der Verletzung Ihren Stil verändert und ­würden defensiver spielen.
Das ist Quatsch, ich bin derselbe mitspielende Torhüter, der ich immer war. Es ist eher andersrum: Die anderen Teams wissen, da ist wieder der Neuer im Tor, also spielen sie die Bälle nicht mehr lang ins Zentrum, weil der Neuer dann rauskommt und die abfängt. Deshalb gibt es im Moment einfach nicht mehr so oft die Situation, dass ich rausmuss.

Vertrauen Sie in Verletzungsphasen Ihrem Gefühl, oder sind Ihnen auch objektive Werte wichtig?
Gerade in der Zeit nach der Verletzung haben mich die Ergebnisse der Sprungtests natürlich besonders interessiert, aber ich achte auch grundsätzlich auf solche Werte. Das ist ja mein Anspruch: Ich will in allem der ­Beste sein.

Das heisst, Sie bewerben sich dieses Jahr wieder um den Titel des Welttorhüters.
Im Moment gibt es viele gute Jungs da draussen, Thibaut Courtois, David de Gea, auch Hugo Lloris, der französische Weltmeister, in dieser Riege werde ich im neuen Jahr einer der ­Ältesten sein. Aber ich will denen schon zeigen, dass ich es auch noch kann.

Schauen wir zurück auf 2018: Was dachte der vier­malige Welttorhüter Manuel Neuer, als im ersten WM-Gruppenspiel plötzlich der Mexikaner Lozano frei vor ihm auftauchte und das Siegtor schoss?
So ein Auftaktspiel konnte ich mir zuvor eigentlich nicht vorstellen: So ohne Herz und ohne Willenskraft habe ich eine deutsche Nationalmannschaft bei einem Turnier noch nie erlebt. Und dafür stand dieses Tor von Lozano ein bisschen sinnbildlich: Überall hat ein bisschen gefehlt, in den Zweikämpfen, in den Laufwegen, in der Abstimmung.

Wie kann man da als Captain eingreifen?
Wir haben viele Gespräche geführt, und was Willen und Einstellung anbelangt, wurde es danach ja auch besser. Aber für mich selbst war es tatsächlich nicht so leicht, die Prozesse zu steuern, weil ich zuvor so lange weg war. Man bekommt Strömungen und Entwicklungen aus der Distanz nicht so gut mit und muss sich immer erst selbst ein Bild machen. Und einige der neuen Spieler kannte ich vor dem Trainingslager auch gar nicht so gut.

Hatte die Mannschaft ein Problem in der Kabine?
Es war mit Sicherheit nicht so, dass es im Team Fraktionen gab oder dass der eine mit dem anderen nicht konnte. Wir haben uns gut verstanden, aber dieses hundertprozentige Brennen für die grosse gemeinsame Sache war irgendwie nicht so ausgeprägt wie vier Jahre zuvor.

Bundestrainer Joachim Löw hat gesagt, er sei sehr enttäuscht von Mesut Özil. Sie haben mit ihm schon in der Schalker Jugend zusammengespielt. Sind Sie auch enttäuscht von ihm?
Ich kenne Mesut lange, er ist eigentlich ein hilfsbereiter, guter Mensch und war auch immer gut Freund mit allen. Deshalb finde ich es vor allem schade, wie das jetzt so auseinandergegangen ist.

Aber richtig ist doch, dass der Fall Özil/Gündogan/Erdogan in der Mannschaft kontrovers diskutiert wurde und das Klima auch belastet hat?
Es hat im Team Gespräche zu dem Thema gegeben, auch ich selber habe nach dem Erdogan-Foto mit Mesut gesprochen.

Was hatten Sie da für einen ­Eindruck?
Ich hatte nach meinen Gesprächen mit ihm den Eindruck, dass er alles für die Mannschaft ­geben will, allerdings musste man das ein bisschen raushören. Wenn er es klarer gesagt hätte, wäre es natürlich schöner gewesen.

Inzwischen hat Joachim Löw mit einem Umbruch begonnen, Sie selbst aber demonstrativ davon ausgenommen, obwohl mit Marc-André ter Stegen ein weiterer Spitzentorhüter ­bereitsteht. Löw hat Ihnen eine Art Stammplatzgarantie bis zum nächsten Turnier, der EM 2020, ausgestellt. Braucht ein Torhüter diese Sicherheit?
Ich bin sicherlich wichtig für die Mannschaft, aber ich bin Sportler und weiss, dass immer alles bei null losgeht. Ich möchte nichts geschenkt haben.

Wie ist denn Ihr Verhältnis zu Marc-André ter Stegen?
Unser Verhältnis ist normal gut. Ich habe ihm im Trainingslager im Südtirol auch versichert, dass da nichts hinter seinem Rücken mit den Trainern abgesprochen ist, dass mein Einsatz bei der WM also keineswegs von vornherein feststeht. Und nach unserem Ausscheiden gegen Südkorea habe ich mich auf dem Weg zum Bus bei ihm für seine Fairness bedankt.

«Ich bin überhaupt nicht satt, ich fühle mich immer noch sehr hungrig.»

Auch bei Bayern wird viel von «Umbruch» gesprochen. Beim Verband hat die ­verkorksteWM diese ­Bemühungen nun beschleunigt. Haben Sie nach dem Turnier einmal kurz ­darüber nachgedacht, ob Sie den Weg für andere frei­ ­machen sollten?
Nein, nie. Das, was unserer Generation nach dem Turnier alles so nachgesagt wurde, das stelle ich an mir überhaupt nicht fest. Ich bin überhaupt nicht satt, ich fühle mich immer noch sehr hungrig und habe immer noch das grosse Bedürfnis, in der Nationalmannschaft zu spielen und mit ihr Titel zu gewinnen.

Was muss die deutsche ­Mannschaft aus Ihrer Sicht tun, um nach dem letzten Jahr wieder mehr Akzeptanz bei den Leuten zu finden?
Wir haben schon einige Wege eingeschlagen, die ich komplett richtig finde. Wir rücken den Fans wieder näher, wir gehen in Schulklassen und Krankenhäuser. Für so etwas muss die Mannschaft wieder stehen.

Und sportlich?
Wir haben keinen Messi und keinen Ronaldo, aber die hatten wir 2014 auch nicht. Wir müssen wieder «die Mannschaft» sein – und wir wissen genau, dass so ein Jahr wie 2018 nicht mehr vorkommen darf. Wir haben den Anspruch, uns vor Holland als Gruppenerster für die EM zu qualifizieren. Die Leute sollen wieder eine Nationalmannschaft sehen, die richtig Spass macht – und wieder gern ins Stadion kommen.

Erstellt: 03.01.2019, 22:11 Uhr

Manuel Neuer

Der 32-Jährige spricht erstmals über die schwierige Zeit seit seiner Verletzungsmisere: Im März 2017 warf ihn zunächst ein Haarriss im linken Mittelfuss zurück, dem zwei Brüche desselben Mittelfusses folgten. Fast ein Jahr war Neuer verletzt, bevor er an der WM 2018 mit der Nationalmannschaft überraschend schon in der Vorrunde scheiterte. Neuer ist vierfacher Welttorhüter, Weltmeister 2014, sechsfacher deutscher Meister und Champions-League-Sieger 2013 mit dem FC Bayern. Für die Münchner spielt er seit 2011, zuvor war er fünf Jahre bei Schalke. (erh)

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