«Das kommt nicht von ungefähr»

Marco Reus, der Captain von Borussia Dortmund, ist in Deutschland zum Spieler des Jahres gewählt worden.

Nach Jahren voller Pech nun voller Selbstbewusstsein: Marco Reus ist der Schlüsselspieler für Lucien Favres Borussia. Foto: Martin Meissner (Keystone)

Nach Jahren voller Pech nun voller Selbstbewusstsein: Marco Reus ist der Schlüsselspieler für Lucien Favres Borussia. Foto: Martin Meissner (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Was für einen Spieler, einen Stürmer wie ihn heute wohl zu bezahlen wäre! 70, 80 Millionen Euro, mindestens. Wenn Bayern München diesen Sommer schon für einen Verteidiger, Lucas Hernandez, 80 Millionen auslegt.

17,1 Millionen kostete Marco Reus einst, als er zu Borussia Dortmund wechselte. Das schien viel Geld zu sein damals, Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke erzählte trotzdem ungerührt, wie man einen solchen Betrag zahlt: «Indem die Bank auf den Knopf drückt und den Betrag überweist.»

Sieben Jahre ist das her, dass Reus Borussia Mönchengladbach verliess, um in seiner Heimat endlich Titel zu gewinnen. Ja, Dortmund, das ist seine Stadt, die Borussia sein Club, auch wenn die ihn einst verschmähte und nach Ahlen abschob, weil sie ihn für zu schmächtig und zu ­wenig robust befand.

Diese Eleganz

30 ist Reus im Mai geworden, ein reifes Alter für einen Fussballer. Er selbst erinnert an diesem ­wolkenverhangenen Tag in Bad Ragaz daran, als er in einer kleineren Journalistenrunde Fragen beantwortet. «Ich bin 30», sagt er, «ich habe alle Höhen und ­Tiefen erlebt. Im Prinzip lasse ich wenig an mich heran.» Es ist seine Antwort auf die Frage, wie er es denn schaffe, den Boden nicht unter den Füssen zu verlieren, obschon er seit einem Jahr mit Lob nur so überhäuft werde. ­Später fügt er bei: «Ohne überheblich zu klingen: Das kommt nicht von ungefähr.»

Er hat eine Saison hinter sich, in der er grossartig spielte. Er war so gut wie nie zuvor, zumindest dachten das alle, die ihn über die Bundesligaplätze schweben sahen. Dank seiner Eleganz und Schnelligkeit erzielte er Tore und bereitete welche vor, als gäbe es nichts Leichteres. Gereift wirkte er, gewachsen dank der Verantwortung, die ihm Lucien Favre übertragen hatte. Überhaupt dieser Favre, der manchmal so kauzig wirken kann, er hat es als Trainer geschafft, zu Reus eine spezielle Beziehung aufzubauen. Darum sagt Reus: «Wenn ich mich wohlfühle, kann ich meine Leistung bringen.»

Das begann einst in Mönchengladbach. Unter Favre wurde Reus so gut, dass er 2012 zum Spieler des Jahres in der Bundesliga gewählt wurde. Als Favre vor einem Jahr in Dortmund wieder Reus’ Chef wurde, machte er ihn gleich zum Captain. Es schien mutig zu sein, weil Reus kein Lautsprecher ist, keiner der markigen Worte, der Mitspieler öffentlich massregelt.

«Ich bin 30», sagt Reus, «ich habe alle Höhen und Tiefen erlebt. Im Prinzip lasse ich wenig an mich heran.»

Doch mit Reus begann eine neue, eine verjüngte Borussia die Bundesliga zu stürmen. Mit sechs Punkten Vorsprung ging sie in die Winterpause, Fussball-Deutschland jubelte: Endlich war jemand da, der die grossen Bayern forderte. Nur die defensive Sprachregelung von Watzke und Co. passte nicht dazu. Keiner ­getraute sich, den Meistertitel als Ziel auszurufen. Gerade Favre pflegte sein Mantra, man müsse von Spiel zu Spiel schauen.

Im Februar verspielte die ­Borussia viel, die Champions League gegen Tottenham, den Cup gegen Bremen, und in der Meisterschaft verlor sie wegen drei Unentschieden viel Boden auf Bayern. Die Rückschläge waren kein Zufall. Reus fiel in dieser Periode die meiste Zeit wegen eines Muskelfaserrisses aus. Am Ende blieb ihm wieder nur Platz 2, wie schon dreimal zuvor in der Meisterschaft, wie schon dreimal im deutschen Cup und 2013 in der Champions League.

Jetzt ist Juli, Reus sitzt auf einem Stuhl, der fast wie ein Thron aussieht, breit, dick gepolstert. Dieser Stuhl passt in die Umgebung des Grandhotel Quellenhof, in dem es an jeder Ecke nach Luxus riecht. Reus hat Zeit genug gehabt, die Enttäuschungen des Frühjahrs zu verarbeiten. Eine persönliche Genugtuung erhält er wenigstens jetzt: Die deutschen Journalisten haben ihn, wie 2012, zum Spieler des Jahres gewählt. Die Ehrung ist hochverdient.

Reus lässt keine Zweifel zu: Für Dortmund kann nächste Saison nur der Meistertitel das Ziel sein.

Diese Wahl sei die Entschädigung für seine «Tortur nach dem Kreuzbandriss», sagt Reus. Dieses kaputte Band im Knie aus dem Cupfinal 2017 ist so typisch für seine Karriere, für seine Entbehrungen. Im letzten Testspiel vor der WM 2014 wurde er von einem Armenier so schwer am Knöchel verletzt, dass er den ­Titelgewinn Deutschlands in Brasilien verpasste. In der folgenden Saison fiel er öfters aus, und in der übernächsten, 2016/17, erging es ihm lange nicht besser, zuerst war das Schambein entzündet, dann ein Muskel gerissen. Wenigstens stand er im Cupfinal gegen Frankfurt doch noch auf dem Platz, zumindest eine Halbzeit lang, bis das Kreuzband gerissen war. Reus störte das nicht weiter, er feierte den Sieg ausgelassen. Endlich hatte er seinen ersten wichtigen Pokal.

Reus ist weder ein Riese noch ein Brocken, er ist 1,80 m gross und 71 Kilo schwer. Sein Palmarès ist bescheiden. Eine Grösse ist er trotzdem. Offerten lagen ihm ­immer wieder vor, um anderswo vielleicht mehr Titel zu gewinnen und noch mehr Geld zu verdienen, von den «besten Clubs der Welt», wie Watzke einmal sagte. Reus hat allen Verlockungen widerstanden, anders als ­Sahin, Kagawa, Götze, Lewandowski, Hummels, Gündogan, Dembélé oder Aubameyang, die von Dortmund zu den Reichen und Grossen wechselten, nach Spanien, England oder München. Der Dortmunder Junge ist immer geblieben, und sein stärkstes Zeichen für seine Treue sandte er im März 2018 aus, als er seinen Vertrag gleich um vier Jahre bis 2023 verlängerte. Später schrieb «schwatzgelb.de», als Fanmagazin die führende Stimme der Dortmunder Anhänger: «Es gibt kaum einen anderen Spieler, der sich seinen Respekt vom Publikum in Dortmund derart verdienen musste wie Marco Reus.»

Die Busse von 540'000 Euro

Reus muss nun auch in der Heimat nicht darben. Auf 12 Millionen Euro wird sein Jahresgehalt inzwischen geschätzt. Das Gefühl, die Mannschaft als Captain auf den Platz zu führen, ist für ihn «überwältigend». Es sei eine Ehre, diesen Club mitzutragen, sagt er, «man muss nur ein paar Sachen beachten».

Was? Das Private. Dass man den Club weltweit repräsentiert. Sagt er. 25 war er, als er mit seinem 250'000 Euro teuren Aston Martin in einer Routinekontrolle der Polizei hängen blieb und dabei herauskam, dass er noch immer keinen Führerschein besass. Er wurde mit 540'000 Euro gebüsst. Als Captain käme eine solche Episode noch weniger gut an.

In zweieinhalb Wochen ­beginnt die Bundesligasaison. Dortmund hat sich auf dem Transfermarkt fleissig bewegt und Nico Schulz, Thorgan Hazard, Julian Brandt und, vor allem, Mats Hummels geholt. Die Ausgaben von 106 Millionen sind ein deutliches Statement, hinter dem sich auch Favre nicht mehr verstecken kann. «Wir können jetzt doch nicht sagen, wir wollen uns für einen internationalen Wettbewerb qualifizieren», hält Reus fest, «unser Ziel ist es, Meister zu werden.»

Erstellt: 31.07.2019, 12:39 Uhr

Artikel zum Thema

Verdienen die US-Fussballerinnen wirklich mehr als die Männer?

Ein offener Brief des Fussballverbands zeigt, wie viel er den Weltmeisterinnen bezahlt. Nur: die Rechnung hat einen Haken. Mehr...

Van Wolfswinkel schiesst den FCB ins Glück

Video Dank dem Niederländer darf der FC Basel weiterhin von der Königsklasse träumen. Der Sieg gegen Eindhoven ist Millionen wert. Mehr...

Fussballer, tut nicht so – andere haben den Videobeweis schon lange

Video Für die Fussballer sind technische Hilfsmittel noch immer ein Novum – andere Sportarten nutzen sie schon lange. Diskussionsstoff liefern sie aber weiterhin. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Mamablog Papas Alleswisserei nervt

Geldblog Warum auch Arbeitslose AHV-pflichtig sind

Die Welt in Bildern

Schwingt das Tanzbein: U2-Sänger Bono Vox während eines Konzerts im australischen Brisbane. (12. November 2019)
(Bild: Chris Hyde/Getty Images) Mehr...