Das Licht am Ende des Tunnels suchen

Der FC Winterthur ist ein besonderer Verein in der Challenge League – wenn da nur nicht seine sportlichen und wirtschaftlichen Sorgen wären.

«Wir haben genug Qualitäten»: Trainer Umberto Romano im Kabinengang der Schützenwiese. Foto: Reto Oeschger

«Wir haben genug Qualitäten»: Trainer Umberto Romano im Kabinengang der Schützenwiese. Foto: Reto Oeschger

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Im März sagte Andreas Mösli einmal: «Wir müssen doch andere Ambitionen haben, als einfach nur den Abstieg zu verhindern. Wir sind kein Dorf. Wir sind Winterthur.»

Acht Monate später legt Mösli, der Geschäftsführer des FCW, ein A4-Blatt auf den Tisch in der Libero-Bar der Schützenwiese. Es heisst «Leitpapier FC Winterthur 2017», handelt von sportlichen und wirtschaftlichen Zielen und von einem Traum: langfristig, ab 2022/23, in jeder Beziehung wieder «fit für die Super League» zu sein.

«Ich bin kein Träumer, und eigentlich getraue ich mich gar nicht, darüber zu ­reden», sagt Umberto Romano, «aber nüchtern betrachtet, müsste dieser Verein in der Super League spielen.» ­Romano ist der Trainer.

So ist das mit dem FCW: Er vermittelt immer den Eindruck, zu Höherem berufen zu sein, weil er aus der sechstgrössten Stadt der Schweiz ist, weil er finanziell seriös geführt ist, weil er in der Challenge League seine ganz eigene Identität hat. Er hat nur ein Problem: Im Moment ist er Neunter der Challenge League, punktgleich mit dem Letzten, dem FC Wil, den er heute zum Derby auf der Schützenwiese empfängt.

«Da, wo wir in der Tabelle stehen, dürfen wir nicht sein»

«Da, wo wir in der Tabelle stehen, dürfen wir nicht sein», sagt Nicolas Galladé, für die SP seit sieben Jahren im Stadtrat und dem FCW als Fan verbunden. Das eine oder andere Spiel sah er live diese Saison, und gleich zweimal war er «beim Schlechtesten dabei, was der FCW in 30 Jahren geboten hat»: Das war beim 1:3 in Rapperswil und beim 2:4 im Cup bei Delémont.

Galladé ist Fan, aber kein Fantast. Er hat bloss das Gefühl, dass der FCW mehr aus dem herausholen sollte, was ihm an Mitteln zur Verfügung steht, mehr aus dem Nachwuchs, der einige aktuelle Schweizer Nationalspieler hervorgebracht hat, Mehmedi, Zuber, Akanji, Freuler, Hitz. Er sagt: Es wäre einfach wieder einmal schön, in der Challenge League ein Spitzenspiel zu erleben.

Der Fluch und der Segen

14 Jahre, bis 2015, war Hannes W. Keller der Präsident, der den Verein mit seinem Geld sicher am Leben hielt. Ihm ging es selbst ganz gut, wenn sich andere von ihm abhängig fühlten. Der sportliche Aufschwung gefiel ihm wohl, aber er verlangte ihn nicht und förderte ihn auch nicht, so wenig wie er ein Interesse daran zeigte, einen Nachfolger aufzubauen. «Alle konnten es sich unter ihm gemütlich machen», sagt Galladé, «er zahlte, ohne einen Plan zu haben.» Und noch einer sagt: «Er war Fluch und Segen für den Verein», das ist Mike Keller, der Sohn von HWK.

Nach seinem Rücktritt deckte der alte Patron während zweier Jahre das Defizit. Ihm gehört der Verein auch heute noch zu 100 Prozent. Über seine Firma, die Keller AG für Druckmesstechnik, unterstützt er ihn als Sponsor weiterhin jährlich mit gut einer Viertelmillion Franken. Fallen lassen will er ihn keinesfalls. Mike Keller ist als Vizepräsident der Höchste in einem Verein, der seit zweieinhalb Jahren ein Problem hat: Er hat keinen Präsidenten. Selbst Mösli, den Galladé als Identifikationsfigur bezeichnet, gibt zu: «Eine gewisse Führungsschwäche ist nicht zu leugnen.»

Händeringend sucht der FCW um eine tragfähige Lösung, um seine Zukunft zu regeln, um das Licht am Ende des Tunnels zu sehen. Er hat deshalb viele Gespräche geführt, «15 bis 20 mit irgendwelchen Leuten aus Australien oder Serbien», wie Mösli sagt. Doch eine Frage hat er immer gehabt: «Was wollen die mit dem FCW?» Für ihn, den FCW, hat das keinen Sinn gemacht. Weil er viel auf seine Identität gibt, auf seine regionale Verwurzelung, auf seine Positionierung als leicht alternativer Club, der im Stadioncafé die WOZ abonniert hat und «Friede. Freiheit. Fussball» als Dreisamkeit bezeichnet, der für die Integration kämpft und gegen die Familienarmut.

Gespräche im Ausland

Am Ende geht es aber auch beim FCW immer um Sport, ums Weiterbestehen als Verein. Und darum setzt er so viel Hoffnung in die Gespräche, die er seit einiger Zeit mit einem ausländischen Club führt, der den Einstieg in den Schweizer Markt sucht – «einem Club mit ähnlicher Geschichte, ähnlicher Kultur, ähnlichen Interessen», erklärt Mösli.

Einen Namen nennt Mösli nicht, um den Interessenten nicht zu vergraulen. Galladé sagt so oder so: «Eine solche ­Lösung ist mir viel sympathischer, als sich auf eine Blackbox einzulassen.» Er muss gar nicht erst erwähnen, dass er Wil und dessen türkischen Investor meint. In einer idealen Welt würden die Ausländer die Aktienmehrheit am FCW übernehmen und sich bis Ende Jahr zu ihrem Engagement bekennen. Denn für den FCW drängt die Zeit. Bald geht es um die Eingabe für die neue Lizenz von der Swiss Football League.

«Den Ball fressen»

«Wir dürfen nicht absteigen», sagt Mösli. Er meint die U-21, die in der 1. Liga als Drittletzter dasteht, vor allem meint er die Profis der ersten Mannschaft. Wenn er von ihnen redet, tönt das wie ein Flehen. Die Promotion League kann nicht die Zukunft sein für den FCW.

Umberto Romano ist dick eingepackt, als er mit seinen Spielern auf einem Nebenplatz der Schützenwiese trainiert. «Den Ball riechen, den Ball fressen», das fordert er von ihnen, «ihr müsst böse sein, aggressiv.» Die Fussballersprache ist zu hören.

44 ist Romano inzwischen, er arbeitet an seiner Uefa-Pro-Lizenz, dem höchsten Trainerausweis. Seit Mitte ­Februar betreut er, zusammen mit seinem Assistenten Dario Zuffi, die erste Mannschaft. Damals übernahm er sie in höchster Abstiegsgefahr, führte sie zum Sieg im Cup-Viertelfinal bei YB und zum Ligaerhalt.

Heute steht er mit ihr nicht besser da. Er verkennt die Situation nicht, er selbst glaubt, dass es innerhalb des Vereins Leute gibt, die ihn anzweifeln. Verstört ist er deshalb nicht, weil er weiss, dass er in keiner heilen Welt lebt, sondern in einem Geschäft, in dem die Resultate zählen. Zusammen mit Zuffi hinterfragt er sich täglich.

«Die Frage ist nicht: Was macht der Trainer falsch? Die Frage ist: Wie können wir das Glück wieder  erzwingen?»Andreas Mösli

Die Analyse ergibt viele unglückliche Momente und Fügungen. Zum Beispiel die Unruhe wegen des Werbens von Wil um Silvio, den unbestritten besten Stürmer des FCW, im Sommer. Oder die zwei 1:3-Niederlagen gegen Wohlen und in Rapperswil zum Saisonstart, wo eigentlich Siege eingeplant waren. Oder, oder . . . «Das tönt alles nach Ausreden», sagt Romano, «aber das will ich nicht.»

Romano ist unbestritten im Verein. Mösli betont das: «Die Frage ist nicht: Was macht der Trainer falsch? Die Frage ist: Wie können wir das Glück wieder erzwingen?»

Es gab zuletzt viele Spiele, die der FCW nicht verlieren durfte, sondern gewinnen konnte oder gar musste. Aber er brachte es fertig, viele Punkte leichtfertig abzugeben. Er vergab viele Chancen, wurde für Fehler in der Abwehr schnell bestraft. Und darum hat er in 14 Runden erst einmal gewonnen und daheim in 7 Spielen noch gar nie.

Romano lobt seine Spieler für ihre Einstellung, «wir haben Qualitäten», sagt er auch. Er versucht hervorzu­heben, welch schöne Arbeit sie als Fussballer haben. Er sagt: «Ich habe nie ­gespürt, dass sie ängstlich sind.» Gegen Wil sei es ein Spiel wie jedes andere.

Galladé hat sich in dieser Saison schon mehrmals gefragt: «Wenn wir die nicht schlagen, wen dann noch . . . ?» Er macht es auch heute, bevor er seinen Platz in der Bierkurve einnimmt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.11.2017, 21:04 Uhr

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