Das Stürmen hat sich gelohnt

Wenn die Schweiz heute gegen Kroatien spielt, tritt Ana-Maria Crnogorcevic in ihrer Heimat Thun gegen das Herkunftsland ihrer Eltern an.

Ana-Maria Crnogorcevic (9) hat so oft getroffen wie keine andere im Schweizer Nationalteam. Foto: Andy Müller (Freshfocus)

Ana-Maria Crnogorcevic (9) hat so oft getroffen wie keine andere im Schweizer Nationalteam. Foto: Andy Müller (Freshfocus)

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Es ist schwierig, um ein Wortspiel herumzukommen. Es liegt einfach zu nahe. Ana-Maria Crnogorcevic hat eine neue Leidenschaft entdeckt: «Töpfern.» Sie spricht es langsam aus, hebt leicht den Kopf. Ausdruck purer Zufriedenheit. Für ihr in den USA entdecktes Hobby findet die Fussball-Nationalspielerin erst mal auch nur ein Wort: «Überragend!» Und dann, mit einem Gesicht, das kindliche Freude ausstrahlt, erzählt sie vom Prozess, wie das Geformte nach dem Trocknen in einem Ofen gebrannt werden muss, ein Vorgang, der nach Auftragen der Glasur wiederholt wird. Alle Vasen, Kaffeetassen und Müeslischalen, die zu Hause herumstehen, hat sie handgefertigt.

Man ist nun versucht, wortspielerisch zu sagen: Irgendwie logisch, dass die Stürmerin in ihrer Freizeit gerne töpfert. «Ich muss sagen, ich bin nicht so schlecht. Da bin ich schon etwas stolz auf mich», findet sie selbst. Crnogorcevic meint das Töpfern. Aber auch mundartlich Topfen kann sie ziemlich gut. Also: Tore schiessen. Und das ist statistisch belegt: Die am Donnerstag 29-jährig gewordene US-Legionärin ist mit 55 Treffern in 115 Spielen Rekordtorschützin des Nationalteams.

Kroatisches Temperament

Crnogorcevic wirkt im Gespräch stets überlegt. Aber ist sie von etwas begeistert, macht sie sich gar nicht erst die Mühe, es zu verstecken. Dann kann sie lange darüber referieren. Wie übers Töpfern. Oder über das heutige EM-Qualifikationsspiel gegen Kroatien (19 Uhr), das Herkunftsland ihrer Eltern. Das Besondere liegt aber nicht etwa beim Gegner. Nein, zu Kroatien hat sie wenig Bezug, an Festtagen gibt es vielleicht einmal ein Telefonat mit Verwandten, die sie dort hat. Früher sind sie und ihre Familie jeden Sommer hingefahren. Crnogorcevic betont: gefahren. Gefolgt von einem tiefen Seufzer. Von Steffisburg bis Split – 13 Stunden. Mittlerweile sei sie aber vier Jahre nicht mehr in Kroatien gewesen. Sie findet es halb so schlimm, ihre letzten Ferien hat sie in Hawaii verbracht. Das Kroatischste an ihr? «Mein Temperament.»

Das Spiel der Schweizerinnen von heute Dienstag ist für sie also nicht wegen Kroatien so speziell. Vielmehr: wegen des Austragungsorts. Thun. «Endlich», so Crnogorcevic. Um die Ecke, in Steffisburg, wurde sie 1990 geboren, hier wuchs sie auf, hier spielte sie Fussball, beim FC Steffisburg erst, dann bei Rot-Schwarz Thun, ehe sie 2009 loszog nach Hamburg zum HSV. Inzwischen stürmt sie in Portland – und noch immer tut sie nichts lieber, als zurückzukehren.

Um mit der Schweiz einmal in ihrer Heimatstadt zu spielen, hat die Berner Oberländerin lange «gestürmt», wie sie selber sagt. «Ungefähr 500 SMS» habe sie Team-Managerin Sonja Testaguzza geschickt, um dafür zu weibeln. Und auch bei Trainer Nils Nielsen habe sie Überzeugungsarbeit geleistet.

Die Kroatinnen dürften sich betonter wehren

Als der Däne Anfang Jahr Nationaltrainer wurde, verschaffte er sich einen Überblick über mögliche Heimstadien. Er habe gesagt: «Die Thuner Arena sieht super aus.» So erzählt es Crnogorcevic. Ihre Antwort damals: «Nicht nur das Stadion, Thun ist auch sonst sehr schön.» Ausserdem sei der FC Thun einer der wenigen Clubs gewesen, die sich um die Austragung eines Länderspiels beworben hätten. «Das finde ich überragend», sagt sie.

Nur logisch also, dass sie sich mächtig ins Zeug legt, um die Stockhorn-Arena bestmöglichst zu füllen. Auf Instagram kurz nach dem 3:0-Sieg in Litauen und natürlich auch mittels Mund-zu-Mund-Propaganda. Neben der Familie kommen auch diverse frühere Mitspielerinnen aus ihrer Zeit bei Rot-Schwarz, aber auch Teamkollegen vom FC Steffisburg, mit denen sie als 12- oder 13-Jährige bei den Junioren zusammenspielte.

Von den Kroatinnen ist etwas mehr Gegenwehr zu erwarten als in den ersten beiden Partien gegen Litauen. Dass die Schweizerinnen favorisiert sind, streitet aber Crnogorcevic nicht ab: «Wir sind besser besetzt.» Der grosse Gegner um die direkte EM-Qualifikation heisst indessen Belgien, das erste Duell steht am 14. April 2020 an, und am 22. September könnte es in der Schweiz im letzten Gruppenspiel zur Finalissima kommen. Gut möglich, dass die Stürmerin beim Verband stürmt, um auch dieses Spiel in ihre Heimat zu holen.

Erstellt: 08.10.2019, 16:01 Uhr

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