«Das Tanzen gibt mir wahnsinnig viel Energie»

Fabio Celestini, Trainer des FC Lugano, hat eingesehen, dass das Leben nicht nur aus Fussball bestehen darf.

Fabio Celestini an seinem Arbeitsplatz in Lugano: «Ich kann sehr hart und fordernd sein».

Fabio Celestini an seinem Arbeitsplatz in Lugano: «Ich kann sehr hart und fordernd sein». Bild: Claudio Bader

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Das kleine Büro im Stadio di Cornaredo ist frei von jeglichem Luxus. Der Mann, der hier seinen Arbeitsplatz hat, fühlt sich trotzdem wohl: Fabio Celestini, Trainer des FC Lugano. Der 43-jährige Romand setzt sich an sein Pult, das an eine Schulbank erinnert, und macht einen sehr zufriedenen Eindruck. An der Wand hinter ihm hängen die Telefonliste seiner Spieler, eine Kinderzeichnung und eine Liste mit Verhaltensregeln für das Team.

Was brauchen Sie, um glücklich zu sein?
Als Trainer bin ich es, wenn ich nach meinen Ideen arbeiten darf und der Club mir vertraut.

Und dann spielt es auch keine Rolle, wo Sie arbeiten?
Entscheidend ist für mich nur eines: Man muss mich einfach arbeiten lassen. Was die Infrastruktur angeht, bin ich anpassungsfähig. Ich sage mir: Wenn ich mich einmal in einem luxuriösen Büro ausbreiten kann und mir fünf super Trainingsplätze zur Verfügung stehen, bin ich dank überragender Arbeit in eine neue Dimension vorgestossen. Heute verdiene ich das noch nicht. Ich muss zuerst den Beweis erbringen, ein richtig guter Trainer zu sein.

Wann sind Sie als Privatperson glücklich?
Wenn ich meine Familie in der Nähe habe. Dann ist der Wohnort weniger wichtig.

Ist das jetzt der Fall?
Leider nicht, und es ist auch nicht ganz unkompliziert. Meine zwei Kinder aus erster Ehe leben in Lausanne, meine jetzige Frau stammt aus Panama. Als ich Trainer in Lugano wurde, zog sie vorerst einmal in ihre Heimat mit unserer kleinen Tochter. Natürlich fehlen mir die beiden.

Lässt sich die Arbeit eines Trainers mit einem harmonischen Familienleben vereinbaren?
Als ich Trainer in Lausanne war, merkte ich, wie sehr ich mich von diesem Beruf vereinnahmen liess. Wenn ich nach Hause kam, hatte ich den Kopf immer noch bei der Arbeit. An jedem Abend schaute ich irgendwelche Spiele im Fernsehen, weil ich das Gefühl hatte, nichts verpassen zu dürfen. Ich nahm mir für nichts anderes mehr Zeit, auch nicht für mich.

Wie äusserte sich das?
Ich ging nicht mehr ins Fitness, ich machte kaum mehr etwas, das abseits des Fussballs ein Vergnügen darstellte, und ordnete stattdessen alles dem Beruf unter. Und alles, was passierte, ging mir nahe – ob Sieg oder Niederlage. Nach den drei Jahren war ich total leer. Als ich entlassen wurde, war das fast eine Erleichterung. Ich ging mit meiner Frau wieder ins Kino und begann wieder mit Fitnesstraining, wir gingen mit Freunden aus, das Leben funktionierte wieder ganz leicht. Ich fragte mich: Wieso hast du all das vorher nicht gemacht?

«Ich schätze Kleinigkeiten im Leben. Ich koste sie aus. So lebe ich besser als vorher»

Und Ihre Antwort?
Es gibt keinen Grund, als Fussballtrainer auf Hobbys wie das Tanzen zu verzichten. Es muss Platz und Zeit dafür sein. Meine Frau liebt es zu tanzen, ich auch. Trotzdem hörten wir damit auf, weil ich meinte, als junger Trainer besonders viel beweisen zu müssen. Erst recht, weil ich bei Lausanne war, bei meinem Club. Heute weiss ich: Es war übertrieben.

Warnte Sie niemand, Sie würden zu viel machen? Doch. Aber ich hörte nicht zu. Im Training dachte ich: Diese Übung ist wichtig, jene auch, und dann eine dritte und so weiter. Ich konnte nicht genug arbeiten, obwohl ich den Spielern ansah, was sie dachten: Jetzt reicht es! Täglich ging das so. Ich dachte immer nur an die Mannschaft, dafür immer weniger an mich und meine Familie. Ich verlor den Faden.

Hatten Sie vor Ihrer Unterschrift bei Lugano keine Bedenken, wieder in den alten Trott zu verfallen?
Nein. Weil mir die Jahre bei Lausanne eine grosse Lehre waren. Bevor ich ins Tessin reiste, um den Vertrag zu unterzeichnen, schaute ich im Internet: Wo gibt es Fitnesscenter, wo kann ich tanzen und es mir gutgehen lassen?

Klappt das jetzt?
Hundertprozentig. Und ich schätze Kleinigkeiten im Leben, ich bin dankbar, Farben zu sehen, Gerüche wahrzunehmen, ein Stück Käse wirklich zu geniessen oder einen schönen Sonnenuntergang mitzuerleben. Ich nehme mir bewusst die Zeit, das auszukosten. So lebe ich besser als vorher.

Was gibt Ihnen das Tanzen?
Ausschliesslich positive Gefühle. Es erfüllt mich und gibt mir wahnsinnig viel Energie. Kontakt mit Menschen haben, mit ihnen reden, eine fremde Person fragen, ob sie mit einem tanzen möchte, die Musik, überall Lächeln in den Gesichtern… Man muss es erleben, um das zu verstehen. Wenn ich tanze oder im Boxtraining bin, muss ich konzentriert sein und kann so unmöglich an Fussball denken. Ich schalte ab, zwei, drei Stunden. Es tut gut, Distanz zu gewinnen.

Wann haben Sie das letzte Mal getanzt?
Gestern Abend (am Mittwoch).

Energie benötigen Sie, weil Sie mit Angelo Renzetti einen fordernden Präsidenten haben. Er gilt als Christian Constantin des Tessins.
Für mich ist die Zusammenarbeit mit ihm sehr einfach.

Celestini sagt, dass er ein besserer Trainer sei als früher. (Bild: Claudio Bader)

Aber wenn Renzetti etwas nicht passt, sagt er das öffentlich.
Alain Joseph machte das als Präsident in Lausanne auch. Wissen Sie, in Lausanne sagt man von mir, ich würde mit mir nicht reden lassen, ich sei rechthaberisch und stur. Es gibt zwölf Millionen Vorurteile über mich, aber lustigerweise nur in Lausanne. Ausserhalb heisst es genau das Gegenteil. Präsident Renzetti sagt: Mit Fabio kann man reden und eine Diskussion führen. Mein Verhältnis zu ihm ist fantastisch, auch wenn Sie vielleicht etwas anderes hören möchten. (lacht)

Sind Sie heute ein besserer Trainer als früher in Lausanne?
Ich sehe meinen Weg in Etappen, als laufenden Prozess. Heute kann ich einem Assistenten die Leitung einer Einheit überlassen und mich gleichzeitig anderen Dingen widmen, zum Beispiel Gesprächen mit Spielern. Vorher wollte ich alles unter Kontrolle haben und selber leiten. Nach den Trainings war ich jeweils müde, und wenn ein Spieler mit mir reden wollte, merkte ich manchmal, dass ich nicht mehr hundertprozentig aufnahmefähig war. Jetzt bin ich frisch, positiv und kaum einmal gereizt. Früher schaute ich oft fünf, sechs Spiele – und sah nichts. Heute kann es sein, dass ich bereits nach 45 Minuten weiss, was zu tun ist. Ich habe klare Gedanken – weil ich mit mir im Reinen bin.

Waren Sie das als Spieler nicht?
Wieso meinen Sie das?

Als Nationalspieler mangelte es Ihnen oft an Wertschätzung, gerade in der Deutschschweiz. Woran machten Sie das fest?
Zu jener Zeit war es noch Usus, dass an einer Pressekonferenz alle aufgebotenen Spieler den Journalisten zur Verfügung standen. Ich war Captain von Marseille, spielte in der Champions League, ich war auch bei Getafe in La Liga, aber ich sass alleine da und fragte mich: Was ist los? Ich hatte nie die gleichen Gefühle wie im Club. Dabei habe ich beispielsweise so viele Partien in Spanien bestritten wie kein anderer Schweizer. Aber in der Deutschschweiz ist es halt so: Man schaut eher nach Deutschland als nach Frankreich oder Spanien. Ausserdem hatte ich nie einen so engen Draht zu Journalisten, dass sie vielleicht eher etwas über mich geschrieben hätten. Ich wollte keine Abhängigkeit.

Worin besteht für Sie denn Wertschätzung? Selbst hoch bezahlte Spieler klagen manchmal, sie fehle ihnen.
Es geht nicht um Geld.

Sondern?
Wenn ich nach Troyes komme, werde ich freundlich empfangen. Wenn ich in Marseille auftauche oder bei Getafe, dann freuen sich die Leute aufrichtig. Sie haben nicht vergessen, was man für ihren Club geleistet hat. Es geht bei der Wertschätzung um die menschliche Seite. Bei den Clubs, die ich im Ausland hatte, war ich zu Hause. Es ist seltsam, dass ich dieses Gefühl bei Lausanne viel weniger habe.

Bereuen Sie etwas, wenn Sie auf Ihre Zeit als Nationalspieler zurückschauen?
Ja. Zum einen bin ich selber schuld, denn wenn ich einmal in der Startformation stand, gelang mir keine aussergewöhnliche Leistung. Zum anderen hatte ich auch Pech, weil es keinen Trainer gab, der kompromisslos auf mich setzte. Ich spielte in wichtigen Spielen nie zweimal nacheinander von Anfang an.

«Es würde mich reizen, einmal ein Team aus der Deutschschweiz zu trainieren»

Bei Ihren Clubs war das ganz anders. Was haben Sie da von Ihren Trainern gelernt?
Von Bernd Schuster lernte ich vieles in Sachen Umgang mit den Spielern, vor allem den Leistungsträgern. Michael Laudrup war einer, bei dem die Barcelona-Schule durchdrang: Ballbesitz, Kreativität, Abwechslung im Training. Zu Michel (wie Schuster und Laudrup bei Getafe) hatte ich eine besondere Beziehung. Mit ihm erlebte ich extreme Emotionen wie etwa nach einem Match, wenn er vor der Garderobe wartete, um uns innig zu umarmen. Sehen Sie das! Ich bekomme jetzt noch Gänsehaut, wenn ich daran denke! Michel konnte in den Emotionen sein Hemd zerreissen, war aber auch in der Lage, einem Spieler zu sagen, er verdiene es nicht, das Trikot des Vereins zu tragen.

Haben Sie das auch schon einem Spieler gesagt?
Nein. Aber notfalls könnte ich das schon machen. Ich kann sehr hart und fordernd sein.

Wo sind Sie strenger: bei der Erziehung Ihrer Kinder oder bei der Arbeit mit den Spielern?
Ein Fehlpass – das gibts, und darum rege ich mich darüber nicht auf. Aber wenn es um Werte geht, bin ich mit den Kindern und den Spielern gleichermassen streng.

Welche Werte meinen Sie? Respekt?
Nicht Respekt, das Wort ist mir zu allgemein. Wichtig ist mir Ehrlichkeit. Ich versuche das vorzuleben.

Wir nehmen nicht an, dass Lugano Endstation für Sie als Trainer sein wird, oder?
Ich bin erst 43, ich bin als Trainer noch jung, ja, aber jetzt bin ich hier und dankbar, dass ich diese Chance erhalten habe. Wenn ich bei Lugano nicht verlängert hätte, wäre die Deutschschweiz eine Option geworden. Es würde mich schon reizen, einmal ein Team mit Deutschschweizer Mentalität zu übernehmen.

Wie ist diese Mentalität aus Ihrer Optik?
Wer aus diesem Landesteil kommt oder einmal dort gespielt hat, ist sehr arbeitsam und diszipliniert. Deutschschweizer Mannschaften lassen den Gegner kaum einmal durchatmen.

Sind die Westschweizer wirklich anders?
Tendenziell schon. Sie können zwar sehr guten Fussball spielen, aber eben auch schneller die Lust verlieren als die Deutschschweizer. Sie finden eher eine Ausrede, wenn es nicht läuft.

Sie können sich schon einmal an die Deutschschweiz gewöhnen, wenn Sie mit Lugano die Heimspiele in der Europa League in St. Gallen bestreiten müssen.
Es ist nun einmal so, dass wir nicht im Cornaredo spielen dürfen. Natürlich ist das nicht optimal. Aber eines habe ich auch gelernt: Ich ärgere mich nicht mehr über Dinge, die ich nicht ändern oder beeinflussen kann.



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Erstellt: 28.07.2019, 13:12 Uhr

Karriere im Ausland

Fabio Celestini, 43, wuchs in Lausanne auf, wurde 1995 Profi, gewann mit Lausanne 1999 den Cupfinal und wechselte ein Jahr später ins Ausland: Von 2000 bis 2010 war er in Troyes, Marseille, Levante und Getafe. Danach kehrte der 35-fache Nationalspieler für ein halbes Jahr nach Lausanne zurück, wo er seine Karriere beendete. 2013 wurde er in Málaga für eine Saison Assistent von Bernd Schuster, bevor er 2014 nach Italien zog. Beim viertklassigen Terracina wurde er schnell entlassen. Im März 2015 unterschrieb er bei Lausanne, stieg mit ihm 2016 in die Super League auf und wurde zum Trainer des Jahres gewählt. Im April 2018 kam es zur Trennung. Im letzten Oktober übernahm er den FC Lugano und führte ihn gleich auf Platz 3. Sein Vertrag läuft bis 2021.

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