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Das wichtigste Fussballspiel der Welt noch vor dem Mittagessen

Jetzt also doch: Auch das Duell Real Madrid gegen Barcelona findet zur chinesischen Primetime statt. Die Reaktionen überraschen.

Gemeinsam für noch mehr Geld: Lionel Messi und Cristiano Ronaldo kicken zur chinesischen Primetime gegeneinander.
Gemeinsam für noch mehr Geld: Lionel Messi und Cristiano Ronaldo kicken zur chinesischen Primetime gegeneinander.
Keystone

Was machen Sie an einem Samstag, eine Stunde vor dem Mittagessen? Kochen? Arbeiten? Gemütlich zu Hause diese Zeitung lesen? Einen morgendlichen Spaziergang? Faul im Bett liegen bleiben, einfach mal ausspannen? Die Spanier haben da eine andere Idee. Und sie ist für Millionen von Fussballfans alles ­andere als entspannend: Real Madrid gegen Barcelona – «El Clásico». Oder wie es Real-Captain Sergio Ramos ausdrückt: «Das wichtigste Fussballspiel der Welt.»

650 Millionen Menschen verfolgten das letzte Ligaspiel der beiden Teams vergangenen April im TV – das sind fast zehn Prozent der Weltbevölkerung. Doch der spanischen Liga ist das nicht mehr genug. Deshalb setzte sie den Clásico heute um 13 Uhr an. Zur chinesischen Primetime – in Shanghai ist es dann 20 Uhr, in Jakarta, der indonesischen Hauptstadt, 19 Uhr. Und als positiver Nebeneffekt: Auch in Süd- und Nordamerika kann das Spiel gesehen werden. In Buenos Aires ist es dann 9 Uhr, in Miami 7 Uhr.

TV-Markt wichtiger als Stadionbesucher

Dass in Spanien normalerweise erst eine Stunde nach dieser Anpfiffzeit zu Mittag gegessen wird? Geschenkt. Dass viele Spanier zu diesem Zeitpunkt noch arbeiten und so das Spiel nur mit viel Goodwill des Vorgesetzten am TV, aber auf keinen Fall im Stadion schauen können? Nicht so wichtig. Denn Ligapräsident Javier Tebas sagte einst, dass der TV-Markt wichtiger sei als die Zuschauer im Stadion: «Die Einnahmen der begrenzten Anzahl Tickets können mit den Geldern für Übertragungsrechte nicht mithalten.» Ausserdem befürchtet niemand, dass das Estadio Santiago Bernabéu heute nicht ausverkauft sein wird.

Dennoch blieb der grosse Aufschrei überraschenderweise aus. Ganz anders war es, als die Liga vor sieben Jahren entschied, 12 Uhr am Sonntag als Anspielzeit einzuführen – um Ende 2015 noch 13 Uhr am Samstag nachzulegen. «Alle wollten mich damals umbringen», erklärte Tebas vergangenen Sommer bei einer Medienkonferenz in Cannes: «Fans von den Kanarischen Inseln bis nach Bilbao, Real Madrids Chefetage, einfach alle.» Und jetzt? Erklärt Barça-Präsident Josep Maria Bartomeu, wie wichtig der asiatische Markt für die Clubs ist. Wichtige Aktionäre von Valencia, Espanyol Barcelona und Atlético Madrid stammen aus dem asiatischen Raum, seit der ­aktuellen Saison heisst Barças Hauptsponsor Rakuten – das ist der grösste ­Onlineshop Japans mit mehr als 50 Millionen registrierten Nutzern.

Ausserdem gilt es eine grosse Lücke zu schliessen: Die Premier League erhält für ihren neuen TV-Vertrag rund 7 Milliarden Euro. La Ligas Fernsehdeal bis 2019 ist «nur» 2,65 Milliarden Wert. Ein Umstand, den Tebas unbedingt ändern will. Und wie vermarktet man diese TV-Rechte besser als mit dem Spiel Barça gegen Real, Messi gegen Ronaldo? Das ist auch im Interesse der Clubs, denn sollten die Spanier den finanziellen Anschluss an England verlieren, ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Topstars den (Geld-)Regen auf der Insel vorziehen – und La Liga auch sportlich hinterherzuhinken beginnt.

Real braucht zwingend den Sieg

Wohl auch deshalb tolerieren die Fans mittlerweile die ungewohnten Anspielzeiten. In der Woche vor dem heutigen Klassiker war der Kick-off am Mittag kein Thema. Vielmehr sorgte sich Reals Fangemeinde darum, dass Cristiano ­Ronaldo 48 Stunden vor Spielbeginn wegen einer Prellung noch nicht mit dem Team trainieren konnte – am Freitag stieg er dann ins Mannschaftstraining ein. Oder dass Real Madrid zwingend einen Sieg braucht, wollen die Königlichen bei derzeit elf Punkten und einem Spiel weniger als Leader Barça sich nicht schon vor dem Jahreswechsel aus dem Rennen um die spanische Meisterschaft verabschieden.

Dass der Ball im legendären Clásico noch vor dem ersten Glas Rioja oder ­Estrella-Damm-Bier rollt, ist für viele nur noch ein Kollateralschaden vom ­modernen Fussballbusiness.

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