«De Karli hät si scho»

Torhüter Karl Grob, 20 Jahre beim FC Zürich, starb 72-jährig. Ein Nachruf.

Karl Grob hält im Cupfinal 1973 den Ball – beobachtet von seinem Verteidiger Max Heer (links) und dem Basler Ottmar Hitzfeld. Der FCZ siegte im Berner Wankdorfstadion gegen Basel mit 2:0 nach Verlängerung.

Karl Grob hält im Cupfinal 1973 den Ball – beobachtet von seinem Verteidiger Max Heer (links) und dem Basler Ottmar Hitzfeld. Der FCZ siegte im Berner Wankdorfstadion gegen Basel mit 2:0 nach Verlängerung. Bild: Keystone

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Wir standen hinter dem Tor auf dem alten Heslibach, dem Sportplatz mitten im Dorf von Küsnacht am Zürichsee, wir staunten über seine Paraden und zitterten, wenn er, der Torhüter, zwischendurch auch dribbelte. Und nicht weit von uns zitterte eine Frau, doch neben ihr sagte einer nur: «Kei Angscht, Mamme, de Karli hät si scho.» Guschti Grob war es, der seine Frau Emma trösten musste.

Karli, ihr Sohn, stand im Tor, 19 erst, der FCK war aufgestiegen und spielte in der 1. Liga. Karli war eigentlich Stürmer gewesen, schnell, linksfüssig und mit einem harten Schuss. Doch weil in einem Spiel alle verfügbaren Torhüter ausgefallen waren, musste er einspringen, der kleine Grob, nur 1.73 gross. Seine ersten Handschuhe waren jene eines Dorfpolizisten, weiss und wollig.

«Mir händ en Goalie, mir händ en Goalie, mir händ de Karli Grob im Goal.»

Mehr als 20 Jahre später sass Emma Grob, über 70 jetzt, manchmal im grossen Letzigrund auf der Tribüne, sie zitterte jetzt nicht mehr, denn sie wusste, «De Karli hät si scho», meistens wenigstens, sie hörte es auch, die Zuschauer im Stadion sangen bei jedem Spiel laut: «Mir händ en Goalie, mir händ en Goalie, mir händ de Karli Grob im Goal.» Er war immer noch der Karli, aber er war längst eine Legende, eine Ikone, der alte Mann und das Tor, über 40 und inzwischen 20 Jahre beim FC Zürich, weiterhin unverzichtbar.

«Ich bi halt doch langsam en alte Cheib», sagte er zwar selber, doch aufhören wollte auch er nicht, zu viel Spass hatte er und zu gut war er immer noch. Sein Gang war zwar schleppend, vieles tat weh, die Knochen, das linke Knie, «in dem sie», wie er sagte, «alles herausgeschnitten haben, was drin war».

Schon wenige Monate nach seinen ersten Spielen mit Küsnacht war damals Edi Naegeli, der stumpenrauchende Präsident des FC Zürich mit dem Hut, nach Hause zur Familie Grob gekommen, er wollte diesen Karli, dieses riesige Talent, unbedingt und überwies dem FC Küsnacht 20 000 Franken. Und dann, im Herbst 1967, ging alles sehr schnell: in einem Europacupspiel gegen den FC Barcelona wurde er zur Halbzeit eingewechselt - und fortan hiess der Torhüter beim FC Zürich Karl Grob.

Sieben Mal für die Schweiz – nur sieben Mal

Er wurde fünfmal Meister, viermal Cupsieger, stand einmal, gegen Liverpool, im Halbfinal des Europacups der Meisterclubs, es waren die grossen Zeiten des Clubs, mit Kuhn, Martinelli, Konietzka, Künzli, Botteron oder Jeandupeux, 20 Trainer hatte er in all den Jahren gehabt. «Einige Torhüter waren verseucht wegen mir», sagte er, weil sie beim FC Zürich hinter ihm stets die Nummer 2 blieben. Sieben Mal spielte Grob in der Nationalmannschaft, nur sieben Mal sagten viele, er hätte weit mehr spielen sollen, aber die Schweiz hatte schon zu seiner Zeit viele starke Torhüter, Prosperi, Kunz, Burgener, Berbig oder Engel.

Ein Torhüter, der nur 1.73 gross ist, wäre heute undenkbar auf diesem Niveau. Aber er war im Tor wie eine Katze, mit enormer Sprungkraft, grossartigen Reflexen mit Händen und Füssen, und manchmal, vor allem zu Beginn seiner Karriere, später wurde er vorsichtiger, bot er auch gewagte Einlagen, narrte als letzter Mann einen gegnerischen Stürmer mit einem frechen Dribbling. Er stand oft weit vor seinem Tor, spielte einmal, in einem Cup-Halbfinal in St. Gallen, gar als Verteidiger. Er war damals schon ein moderner Torhüter, man hat es nur nicht so bezeichnet.

Und er, sonst ein eher ruhiger und besonnener und vor allem gemütlicher Typ, war als Torhüter sehr laut, schrie seine Mitspieler an, konnte auch zornig werden, er spielte nicht nur, sondern lebte mit.

Bekam er ein Tor, dann machte er meist fluchend eine abschätzige Handbewegung, er empfand es als Beleidigung, dass man ihn bezwungen hatte, seine Verteidiger, die vielleicht falsch gestanden und ihn im Stich gelassen hatten, mussten vieles anhören, und dann holte er den Ball wütend aus dem Netz und schlug ihn weit fort, irgendwohin.

Am 12. Juni 1987 stand er zum letzten Mal für den FCZ im Tor, mit 41, zum 515. Mal in einem Meisterschaftsspiel, mit Mitspielern, die noch nicht geboren waren, als er zum ersten Mal für Zürich gespielt hatte. Es war ein Derby, der FCZ verlor auf dem alten Hardturm gegen GC 1:5. Das erste Tor hatte Ciriaco Sforza geschossen, Jahrgang 1970, gegen den Grosspapi, wie die Zuschauer manchmal riefen, im Tor, Grob, Jahrgang 1946. Es war ein Freitag, am nächsten Tag spielte er bereits wieder, beim Küsnachter Grümpelturnier, als Stürmer natürlich, «20 Jahre im Kasten genügen», sagte er, ins Tor bringe man ihn nicht mehr.

Mit 42 noch in die NLB

Grob wurde schon wenige Monate später rückfällig. Mit 42 stand er nachher nochmals im Tor, beim FC Biel in der Nationalliga B, er spielte noch Firmenfussball für seinen neuen Arbeitgeber, den FC Coop, und wurde beim Ballspielclub für ein Jahr Trainer in der 3. Liga. Bei besonders wichtigen Spielen liess sich der Trainer Grob überreden, den Goalie Grob nochmals ins Tor zu stellen.

Dem Fussball verdanke er alles, sagte er, durch ihn sei er ein anderer Mensch geworden. Er war gelernter Maurer, übte diesen Beruf auch noch aus, als ihn der FC Zürich verpflichtete, für 600 Franken plus 150 Franken Prämie pro Punkt im Monat.

Leute in Küsnacht staunten, wenn sie einen Tag nach einem Länderspiel Karl Grob auf einem Bau sahen, wie er Kies von einem Lastwagen schaufelte. Es war eine andere Zeit.

Karl Grob starb am Samstag nach einem Herzversagen auf der Intensivstation des Triemlispitals, seine beiden Söhne waren bei ihm. Er wurde 72 Jahre alt.

Erstellt: 21.04.2019, 20:50 Uhr

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