Der Anti-Aufschneider aus dem Berner Oberland

Trainer Marc Schneider beeindruckt mit dem FC Thun und möchte am Sonntag YB vor Probleme stellen. Generell wünscht er sich von jungen Spielern mehr Selbstständigkeit

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Der Tagesplan am Mittwoch sah so aus: Abfahrt um 12.45 Uhr in Thun, Essen um 16.30 Uhr in Giubiasco, Spiel in Lugano um 20 Uhr, 3:1-Sieg, danach Heimfahrt. Kein Tageshotel, schon gar keine Anreise am Vorabend, «alles ganz normal». Sagt Marc Schneider. Wer sich mit ihm unterhält, spürt, wie wichtig ihm genau das ist: normal sein, normal bleiben. Er sei so erzogen worden: «Nicht künstlich mehr sein wollen, als man tatsächlich ist.»

Er mag keine Maulhelden und Blender. Wer so auftritt, ist für ihn ein «Plagööri». Er ist das pure Gegenstück, ein Anti-Aufschneider, er, der Trainer des FC Thun. Des Tabellendritten.

Schneider ist 38 und Angestellter eines Vereins, mit dem ihn viel mehr als ein Arbeitsvertrag verbindet. Er hat hier gespielt, er hat hier seine Karriere beendet, er ist einer von hier, aufgewachsen in Uetendorf, einem Dorf neben Thun. Hier hat er auch einen Sportchef und einen Präsidenten, die nicht wie kühle Vorgesetzte funktionieren – der Austausch mit Andres Gerber und Markus Lüthi geht über das Berufliche hinaus.

Bloss: Was passiert mit den Freundschaften, wenn die Resultate nicht mehr stimmen? Wenn Gerber seinem Kumpel eröffnen muss, dass es nicht gemeinsam weitergeht? «Dann sind wir in der Lage, das Geschäftliche vom Privaten zu trennen», antwortet der Coach, «wir klopfen uns jetzt schon nicht ständig gegenseitig auf die Schultern, sondern diskutieren auch sehr kontrovers.»

«Eine Berufslehre schade tkeinem jungen Fussballer»

Sein Schaffen als Trainer passt gut zur Geschichte des Spielers Marc Schneider, der nicht mit Zauberei auffällt,dafür mit Beharrlichkeit und sich so durchsetzt. Mit 16 wechselt er von Lerchenfeld zum damaligen Erstligisten Thun, darf unter Andy Egli trainieren und muss noch bei den A-Junioren spielen, er debütiert aber bald in der ersten Mannschaft und steigt mit ihr in die Nationalliga B auf. Priorität hat aber noch die Ausbildung. In Steffisburg absolviert er eine vierjährige Lehre als Maschinenzeichner. Ihm käme es nie in den Sinn, diese abzubrechen: «Es hat mir nicht geschadet. Und eine Berufslehre schadet auch heute keinem jungen Fussballer.»

In ganz jungen Jahren ist Schneider Fan von YB, Martin Weber ist sein Vorbild. Er mag auch die AC Milan und besonders die Holländer-Fraktion mit Marco van Basten, Frank Rijkaard und Ruud Gullit. Mit 22 fühlt er sich bereit für einen grossen Schritt: Er wechselt zum FC Zürich und zu Trainer Georges Bregy, der ihn aus Thuner Zeiten kennt. Aber ein halbes Jahr später wird Schneider leihweise wieder an die Berner Oberländer abgegeben. Und Ende 2003 sieht es aus, als würde das gar nichts mehr mit ihm und dem FCZ. Axel Thoma, der damalige Sportchef der Zürcher, teilt ihm mit, dass für ihn keine Verwendung sei.

Kurz darauf wird Thoma entlassen, Fredy Bickel der Nachfolger – und für Schneider alles anders. Bickel sagt: «Du bleibst.» Schneider sagt: «Ja, wenn ich eine faire Chance erhalte.» Eigentlich steht er bei den Thunern im Wort, aber jetzt muss er seinem Trainer Hans­peter Latour beibringen, dass er eben doch den FC Zürich vorzieht. Er erinnert sich, wie er allen Mut zusammennehmen musste: «Es war das schwierigste Telefonat meines Lebens.»

Seine Ehefrau ist die «Anwältin der Spieler»

Aber sein Entscheid erweist sich als richtig. Schneider setzt sich durch, er gehört als Verteidiger zur Mannschaft, die 2005 unter Lucien Favre Cupsieger und 2006 sowie 2007 Meister wird. Er steigt gar zum Captain auf. Iulian Filipescu, der rumänische Hüne in der Defensive, beschreibt Schneider mit drei Adjek­tiven: «Zuverlässig, gut, ruhig.» Bickel sagt: «Der FCZ hat so einen Typ gebraucht, einen mit dieser Klarheit, Ehrlichkeit, Bodenständigkeit.»

Via St. Gallen und YB führt die Reise zurück nach Thun, im Oktober 2012 ist Schluss mit der Laufbahn. Der Trainerjob reizt ihn, und er erhält die Chance, im Verein zu lernen. Er gehört zum Mitarbeiterstab von Urs Fischer, wird dann Assistent, behält diese Funktion unter Ciriaco Sforza und Jeff Saibene. Und wird schliesslich selber Chef. Er pflegt den Dialog mit seinen Spielern, er versucht, den Menschen zu verstehen, der dahintersteckt: «Jeder hat seine Sorgen, vielleicht auch gewisse Ängste. Ich muss spüren, was im Einzelnen vorgeht.»

Manchmal diskutiert er daheim mit seiner Frau Sandra, mit der er seit über 20 Jahren zusammen ist. Er nennt sie «die Anwältin der Spieler» und meint das natürlich nicht abschätzig: «Sie öffnet mir mit ihren Inputs die Augen.» Laut wird er selten, aber wenn er es einmal wird, «dann weiss wenigstens jeder: Jetzt ist etwas definitiv nicht gut». Dabei wünscht er sich von den Jungen vor allem eines: dass sie selbstständig denken und handeln. Er stört sich daran, wenn sich ein 16-Jähriger vieles abnehmen lässt, etwa von einem Berater: «Man muss sich nicht wundern, wenn einer nach der Karriere im normalen Leben manchmal überfordert ist.»

Klopp und Guardiola imponieren Schneider besonders

Schneider kommt ohne Manager aus, auch ohne soziale Medien, er will einfach «nicht jeden Hype mitmachen». Er liest viel, er beobachtet, was in der Welt passiert, er beschäftigt sich mit den Grossen seines Berufs, Jürgen Klopp und Pep Guardiola beeindrucken ihn. Gleichzeitig weiss er genau, wo sein Platz ist – er fühlt sich da, wo er ist,bestens aufgehoben. Die Mittel sind bescheiden, ja, «aber jeder bei unser hält seinen Lohn sehr pünktlich.Wir nagen nicht am Hungertuch.» Und überhaupt: «Mehr Geld bedeutet oft auch mehr Probleme.»

Für Sportchef Gerber besitzt Schneider «eine hohe Glaubwürdigkeit», Präsident Lüthi findet die Beschreibung «authentisch» am passendsten. Und Fredy Bickel? «Ich nehme ihn als sehr positive Erscheinung in der manchmal nicht so schönen Fussballwelt wahr.»

Heute kommt der unangefochtene Leader YB nach Thun, es ist Derby-Zeit, ein bisschen mehr Zuschauer als sonst werden in der Stockhorn-Arena erwartet. Schneider wüsste nicht, wie der Gegner vom neuerlichen Titelgewinn abzuhalten wäre. Aber einen Punkt­gewinn seiner Mannschaft hält er doch für möglich – «ich muss mir einfach etwas einfallen lassen».

Eines bleibt aber auch an diesem Spieltag wie immer: die unkomplizierte, kurze Vorbereitung. «Alles möglichst einfach halten», sagt Schneider. Thunerisch normal halt.

Erstellt: 10.02.2019, 13:13 Uhr

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