Der befürchtete Scherbenhaufen

Der FC Wil wurde von seinem ausländischen Besitzer fallen gelassen und kämpft nun ums Überleben.

Retter und Verkäufer und immer irgendwie im Mittelpunkt: Wils Roger Bigger. Foto: Melanie Duchene (EQ Images)

Retter und Verkäufer und immer irgendwie im Mittelpunkt: Wils Roger Bigger. Foto: Melanie Duchene (EQ Images)

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Als Roger (sprich: Rodscher) Bigger Ende Oktober zu Wils Auswärtsspiel nach Genf reiste, war er gut gelaunt. Er traf sich mit Mehmet Nazif Günal zum Essen: dem Milliardär, dem der FC Wil gehört. Wil verlor nachher gegen Servette 1:2. Doch das Datum ist für Bigger heute aus einem anderen Grund denkwürdig geworden: Es ist das letzte Mal gewesen, dass er Günal sah.

In den letzten Tagen haben die Wiler Funktionäre um Bigger alles versucht, um Günal zu kontaktieren. Gescheitert sind sie auf allen Kanälen. Darum sitzen sie an diesem Mittwoch im Wiler Stadion und versuchen zu erklären, weshalb Günal seine Lust auf sein Engagement in der Ostschweiz verloren und sich über Nacht als Be­sitzer und Investor verabschiedet hat.

Ist es wegen des Stadions?

Bigger und Kollegen können an diesem Termin nur mutmassen. Hat es etwas mit der veränderten politischen Landschaft in Günals türkischer Heimat zu tun? Oder ist Günal doch eher verärgert darüber, dass das neue, 45 Millionen Franken teure Stadion­projekt in Wil nicht nach seinem Gusto vorangetrieben werden konnte, weil es von der Stadt gebremst wurde?

Sie haben keine Antwort auf ihre Fragen. Ihre Erklärungsansätze ver­sanden im Ungewissen. Was sie einzig wissen: Sie stehen vor dem befürchteten Scherbenhaufen.

Vor ein paar Tagen haben sie erfahren, dass Günal seine Zahlungen umgehend einstellt und er seine Anteile von «76 oder 78 Prozent» an Wil (so genau kann das Bigger nicht beziffern) an irgendeine andere türkische Gesellschaft weitergegeben hat. Ansonsten stehen sie im Bergholz am Berg.

Das Wagnis mit den Türken begann im Sommer 2015, als Günal mit seinem milliardenschweren Bauunternehmen MNG in der Ostschweiz einfiel und grosse Träume weckte. Geplant war der Durchmarsch von der Challenge League via Super League in den internationalen Fussball. Altstars wie André Santos, Mert Nobre, Egemen Korkmaz oder Johan Vonlanthen wurden angelockt. 25 bis 30 Millionen steckte Günal in sein Wiler Projekt und finanzierte damit Löhne jenseits jeder Wiler Schmerzgrenze: 15'000 Franken im Monat waren plötzlich normal. Das Erstaunliche daran war: Günal zahlte immer pünktlich und deckte auch das Defizit von 10,5 Millionen aus der ersten Saison. Und doch wusste weiterhin keiner, wieso Günal das machte.

Diese Saison läuft es in Wil nicht besser. Der Trainer wurde viermal gewechselt. Günals politischer Statt­halter in der Schweiz, Abdullah Cila, erhielt keine Arbeits- und Aufenthaltsbewilligung. Die Ergebnisse der Mannschaft blieben mager. Seit Biggers Essen mit Günal in Genf hat sie keines von sieben Spielen mehr gewonnen. Der Aufstieg in die Super League ist schon jetzt wieder unerreichbar.

Wiler Eskapaden

Bigger und Kollegen wollen ihren Verein unter allen Umständen retten, brauchen dafür aber die Hilfe der total 70 Angestellten. Die am besten bezahlten Spieler sollen auf 70 bis 80 Prozent ihrer vertraglich zugesicherten Ge­hälter verzichten. Denn mehr als 2 bis 2,5 Millionen an Ausgaben kann sich die neue Führung nicht leisten.

In Wil sind solche Eskapaden nichts Neues. Im November 2002 flog der Betrug des damaligen Präsidenten Andreas Hafen auf, der bei der UBS 48 Millionen veruntreut und davon 10 Millionen in den Club gesteckt hatte.

Ein gutes halbes Jahr später stieg eine ukrainische Gruppe um den früheren Spitzenfussballer Igor Belanow ein und kaufte für 1,15 Millionen Franken 51 Prozent der Aktien. Das Chaos griff vom ersten Tag um sich und führte zur Nachlassstundung im Frühjahr 2004. Nachdem er einst den Verein den Ukrainern verkauft hatte, kehrte Bigger als Präsident zurück und inszenierte sich als Retter. Jetzt stand er erneut im Mittelpunkt, als Wil an Günal verkauft wurde.

«Der 1570. reichste Mensch der Welt»

An diesem Mittwoch beruft sich Bigger auf die Expertise der Anwaltskanzlei Homburger und der Wirtschaftsprüfer von Deloitte, er verweist darauf, dass Günal laut «Forbes» «der 1570. reichste Mensch der Welt» sei. Am Ende nützen die schönen Worte von damals nichts: Bigger und Co. sind einem Investor aufgesessen, der ohne jeden Bezug zur Region gewütet hat.

Das grandiose Scheitern des Wiler Projekts tut dem Schweizer Fussball nicht gut, nachdem schon viele andere Projekte gescheitert sind. Für den FC Wil heisst es nur eines: Er ist wieder das, was er immer gewesen ist – ein kleiner Verein aus der Provinz. Die Verantwortlichen tun gut daran, das nie mehr zu vergessen.

Erstellt: 09.02.2017, 00:23 Uhr

Auslaändische Investoren

Die schwarze Serie

Der Kameruner Gilbert Kadji übernahm Sion 1998 im Chaos der Nach-Constantin-Zeit und übergab Sion drei Jahre später im Chaos. 2003 kehrte Constantin zurück und verhinderte auf dem Rechtsweg die Zwangsrelegation in die 1. Liga.

Der Pole Waldemar Kita kam 1998 nach Lausanne und ging drei Jahre später wieder, 4 Millionen Franken Schulden hinterlassend. 2002 zahlte Lausanne dafür mit dem Zwangsabstieg in die NLB.


Der Ukrainer Igor Belanow stieg 2003 beim schwer verschuldeten Wil ein und richtete ein heilloses Chaos an. Nach acht Monaten war er wieder weg. Und im Frühjahr 2004 stieg Wil als Cupsieger in die Challenge League ab.

Der Franzose Marc Roger erhielt im Februar 2004 für 1 Franken die Aktienmehrheit an Servette und übernahm im Gegenzug Schulden von 4,4 Mio.Franken. Er träumte richtig gross, holte den französischen Weltmeister Christian Karembeu und
wurde am 16. März 2005 wegen ungetreuer Geschäftsführung und Urkundenfälschung verhaftet. Servette hatte 11 Mio. Schulden, Roger verbrachte 23 Monate im Gefängnis und entdeckte dabei den Glauben an Gott.

Der Iraner Majid Pishyar begann ab 2008 seine Luftschlösser in Genf zu bauen. Unter ihm stieg Servette 2011 zwar wieder in die Super League auf, musste jedoch am 1. März 2012 seine Bilanz deponieren. Pishyar tauchte ab.

Der Tschetschene Bulat Tschagajew brauchte acht Monate, um Xamax im Januar 2012 in den Ruin zu stürzen. Er liess 20 Millionen Schulden zurück und wurde vom Neuenburger Strafgericht zu einer teilbedingten Freiheitsstrafe von drei Jahren verurteilt. Er wurde der ungetreuen Geschäftsführung und Misswirtschaft schuldig gesprochen. Xamax musste 2012 in der 2. Liga inter­regional neu anfangen.

Der Kanadier Hugh Quennec spielte sich nach Pishyar als Retter von Servette auf und glaubte, im Fussball sein Modell vom Eishockey-Club Servette kopieren zu können. Am 1. Juni 2015 hatte Servette aber 5 Millionen Schulden und wurde deshalb in die Promotion League zwangsrelegiert. (ths.)

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