Der beste Freund

Luca Zuffi ist in Basel auf Anhieb Leistungsträger geworden – zu seiner eigenen Verblüffung. Heute Abend kämpft er mit dem FCB in Porto um den Einzug in den Viertelfinal der Champions League.

«So etwas vergesse ich mein ganzes Leben nicht»: Luca Zuffi (24) trainiert vor seinem Auftritt im Estádio do Dragão von Porto. Foto: Georgios Kefalas (Keystone)

«So etwas vergesse ich mein ganzes Leben nicht»: Luca Zuffi (24) trainiert vor seinem Auftritt im Estádio do Dragão von Porto. Foto: Georgios Kefalas (Keystone)

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Einzelkritik ist eine komplizierte Sache. So wie Einzellob. Spannend für Aussenstehende, da erst dadurch eine Mannschaft richtig spürbar wird. Gefürchtet vom Trainer, weil er, zum Beispiel im Teamsport Fussball, ganz genau dies verhindern will. Dass Paulo Sousa, ein vorsichtiger Zeitgenosse in Sachen ­Pressearbeit, recht konsequent auf die Einschätzung eines Einzelnen verzichtet, kommt also wenig überraschend. 25 Spieler stehen im Kader des FC Basel, und er müsste ja, hat er einmal gesagt, jeden einzelnen abhandeln, um seiner Mannschaft gerecht zu werden.

Dieses Prinzip gilt allerdings nur so lange, bis man ihn auf Luca Zuffi anspricht. In diesem Fall folgt ein ausführlicher Monolog über die Stärken, Qualitäten und Fortschritte des jungen Mittelfeldspielers, verknüpft mit dem fast verträumten Epilog: «Ihn will ich für immer als Freund behalten. Ich kann ihm alles anvertrauen – er wird mich nie enttäuschen.» So hat man den Portugiesen in Basel selten schwärmen gehört.

«Kennt mich der Trainer?»

24-jährig ist der Angesprochene, seit ­vergangenem Sommer Teil des FC Basel. Vom FC Thun war Zuffi gekommen, vom ländlichen und ausgeruhten Berner Oberland in die stets köchelnde Fussballstadt, und weder die erfolgsverwöhnte Anhängerschaft noch er selbst hatte zu diesem Zeitpunkt erwartet, dass aus­gerechnet er, dieser eher unscheinbare Zuffi, eine der Konstanten im Basler Spiel dieser Saison sein würde. «Selbst wenn ich ein halbes Jahr lang nicht zum Einsatz komme, ist es gut» – solches dachte Zuffi damals. Oder: «Kennt mich der neue Trainer überhaupt?»

Neun Monate später spielt der FCB im Estádio do Dragão von Porto um den Einzug in den Champions-League-Viertelfinal, und Zuffi denkt: «So etwas vergesse ich mein ganzes Leben nicht.» Die Königsklasse war ein Thema gewesen seinerzeit, als sich der Transfer zu Basel abzeichnete, oder besser: ein Rand­thema. Denn dass er fünf von sechs Gruppenspielen bestreiten, dabei (zweimal) gegen seinen Lieblingsclub Real Madrid spielen, Liverpool eliminieren und schliesslich im Achtelfinal stehen (und spielen!) würde, war ja nicht vorhersehbar. Nach dem 1:1 im Hinspiel ist der FCB heute in Porto Aussenseiter.

In der Super League wurde kein zentraler Mittelfeldspieler häufiger eingesetzt als er. Fabian Frei nicht, Mohamed Elneny nicht und Matias Delgado nicht. Zuffi hat sich durchgesetzt in einem Mittelfeld, dem in der Hinrunde auch die WM-Teilnehmer Serey Die und Marcelo Diaz angehört hatten. «Verrückt», ist ein Wort, das Zuffi dazu einfällt.

«Luca hat einen sacksauberen Weg ­genommen», sagt Andreas Mösli. Als Geschäftsführer des FC Winterthur kennt er Zuffi seit Jahren, er kennt die ganze Familie: Vater Dario Zuffi, in den Neunzigerjahren Stürmer, unter anderem bei Basel und 19-mal im Nationalteam. Und dessen drei Söhne: Sandro (27), Nico (22) und der mittlere, Luca. Sie alle spielten beim FCW, doch Luca war von den dreien das grösste Talent, er wurde in die Junioren-Nationalmannschafen berufen, die ersten Super-League-Clubs meldeten sich, YB und St. Gallen etwa, 19 war er da. 19 war er aber auch, als sein Kreuzband riss.

Dieser Rückschlag war bestimmt kein Glücksfall, trotzdem sagt Zuffi jetzt: «Ich bin sehr froh, wie es letztlich verlaufen ist – auch mit der Verletzung.» Sie zwang ihm auf, den Angeboten fürs Erste zu ­widerstehen. Er blieb stattdessen in Winterthur und konnte sich «mit aushaltbarem Druck», wie Mösli sagt, «unaufgeregt entwickeln». Mösli lobt die Familie Zuffi, Spieler Luca und Berater Dario, für ihre Gelassenheit und Geduld. Und ihren Realismus: Als vor drei Jahren die nächsten Angebote kamen, bevorzugte es der gelernte Kaufmann Luca Zuffi, sich zu Thun ausleihen zu lassen.

Den Bubentraum erfüllt

Dort schwang er sich schnell zum unverzichtbaren Spieler auf, von dem Sportchef Andres Gerber heute sagt: «Er überzeugt mit seiner Ruhe am Ball und seiner Übersicht.» Dass es schwierig werden könnte, ihn nur schon bis zum Ende seines Vertrags zu behalten, musste Gerber klar gewesen sein. Unter den ersten Interessenten war der FCZ, doch aus ­Basel hatte Zuffi da schon das Signal ­erhalten: «Bevor du irgendwo unterschreibst, informiere uns. Wir wollen dich», erzählt er. Und da der FCB jener Club ist, dem Klein Luca immer wieder im alten St.-Jakob-Stadion zugesehen hatte, war die Zuneigung gegenseitig. DerTransfer war in wenigen Tagen vollzogen.

«Wir waren von ihm überzeugt», sagt Georg Heitz, Sportchef des FCB. Nur: Waren sie auch überzeugt davon, dass er schnell zum Leistungsträger werden würde? «Wie schnell er sich etabliert hat, das überrascht mich doch.» Die Bereitschaft, in jedem Training zu lernen, sei beeindruckend, sagt Heitz. Zudem «ist er mit seiner Bodenständigkeit und ruhigen Art ein Gewinn für die Kabine». Ein stiller Schaffer also? «Ein stiller Schaffer mit tollem linkem Fuss. Einem richtig tollen linken Fuss.»

Sie haben ihn gern in Basel, ihren neuen, besten Freund. Wirklich geholfen, sagt Trainer Sousa in seinem überschwänglichen Loblied, hätte Zuffi die Champions League. Weil einfach nichts, doziert er, einen Spieler schneller vorwärtsbringe als internationale Einsätze. Und so sagt er: «Seine Fortschritte sind offensichtlich. Luca hat eine grossartige Technik im Pass und im Schuss. Er ist gedanklich wach sowie defensiv und offensiv verlässlich.» Viel mehr Lob geht wohl selbst in einer Kabinenansprache nicht.

Erstellt: 09.03.2015, 22:55 Uhr

Streller «Langer Weg zum Wunder»

Im Prinzip spreche kaum mehr etwas für sie, sagte Marco Streller am Vorabend des Duells mit Porto. Doch der Basler Captain schöpft Zuversicht aus der (kleinen) Heimschwäche des Gegners: «Zwei ihrer erst drei Saisonniederlagen haben sie zu Hause bezogen.» Und er gibt sich kämpferisch: «Der Weg zum Wunder ist lang, aber zu verlieren haben wir nichts mehr. Und aufgeben werden wir ganz bestimmt nicht.» Für Trainer Paulo Sousa steht nicht die Rückkehr in die Heimat im Zentrum, sondern die Herausforderung, «auf diesem Niveau mitspielen zu dürfen». Er sei «voll von Emotionen, voll von Glück und voll von Vertrauen». Mit seinem Team will er sich dem gegnerischen Pressing besser entziehen: «Dann werden auch wir Porto mehr Schwierigkeiten bereiten.»

Die Portugiesen haben einen gewichtigen Ausfall zu beklagen: Jackson Martinez, der in dieser Champions-League-Saison in acht Partien sechsmal traf, ist verletzt. (Si)

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