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Der beste Xhaka

Granit Xhaka führt die Schweiz gegen Belgien ins letzte Gruppenspiel der Nations League – er tut das als Schlüsselfigur, die bei Arsenal immer mehr Anerkennung erhält.

Weitschusshammer: Er ist erst 26, aber bereits ein Chef mit 71 Länderspielen: Granit Xhaka.

Es sind Bilder von heute Abend in Luzern. Er geht vorneweg, am linken Arm die gelbe Captainbinde. Er steht stramm da, die Hymne leicht summend. Er spürt den Stolz als Nationalspieler der Schweiz, der aber seine kosovarische Seite nicht verheimlichen will. Er ist Granit Xhaka, der Chef.

Zum 72. Mal geht er für die Schweiz auf den Platz. Und er tut es für ein Spiel, in dem es für die Mannschaft um einiges geht: um die Aussicht, mit einem Sieg gegen Belgien ihre Gruppe in der Nations League zu gewinnen; um die Verpflichtung, das aufwühlende Jahr ehrenvoll zu beenden. «Mehr Motivation können wir nicht haben», sagt Xhaka.

Unter der Woche gab es noch Aufregung, weil die Schweiz den Test gegen Katar 0:1 verlor. Blamabel war es, auch Xhaka war nicht gut. Dass er später vom miserablen Platz in Lugano redet, von der Angst, sich zu verletzten, das ist in seinem Fall zu verstehen. Ende Mai hatte er sich genau hier, auf regentiefem Boden, so am Knie wehgetan, dass im ersten Moment sein WM-Traum zu platzen drohte.

Er erholte sich schnell und flog mit einem Strahlen im Gesicht nach Russland. Aber heim kam er dreieinhalb Wochen später mit einer Enttäuschung, die tief sass. «Ab dem Schlusspfiff gegen Schweden war vieles enttäuschend», sagt er heute, «es ging fast nur noch darum.»

Schweden war dieser Achtelfinal, in dem die Schweiz versagte, 0:1 verlor und ihren Traum vom Viertelfinal verspielte. Und dieses Darum, das waren diese Debatten um Tradition und Identifikation, um Doppeladler und Doppelbürger; Xhaka hat sich Anfang September während einer bemerkenswerten Veranstaltung des Nationalteams dafür entschuldigt, was er mit seinem Torjubel gegen Serbien ausgelöst hat. Heute sagt er, er hätte nie gedacht, dass eine kleine Geste zu «so einem Knall» führen kann.

Jetzt ist November und Xhaka in aufgeräumter Stimmung, wenn es nicht gerade um irgendwelche Adler geht. Er zeigt nicht mehr diese Härte wie noch in Russland, als ihn vor allem die Anfeindungen aus Serbien beschäftigten und er nach jedem Spiel andere Meinungen mit dem Spruch konterte, das sei ihm «scheissegal».

Der «Guardian» lobt, und Xhaka spürt, wie der Wind dreht

Heute ist Xhaka wieder richtig wohl in seiner Haut. Das hat ganz viel mit der Anerkennung zu tun, die er im Alltag findet, bei Arsenal, seinem Arbeitgeber. Die Veränderung ist den Zeitungen, die ihn seit seinem Wechsel nach England so gern kritisiert haben, nicht verborgen geblieben. Der «Guardian» hat vor ein paar Tagen erst geschrieben: «Die Steigerung von Xhaka ist vermutlich das sichtbarste Zeichen für den Unterschied, den Emery gemacht hat.»

Xhaka hört sich das Zitat an, sagt erst «okay» und dann: «Ich spüre das selbst auch. Der Wind dreht langsam. Ich spiele meine beste Saison bei Arsenal.» Später im Gespräch sagt er gar: «Ich spiele so gut wie nie.»

Der Wandel setzt mit Unai Emery ein. Er ist der Trainer, der bei Paris St-Germain nach zwei Jahren abserviert wird, weil er nur die Meisterschaft und vier Cups, aber nie die Champions League gewann. Und der es wagt, bei Arsenal die Nachfolge des ewigen Arsène Wenger anzutreten.

Emery ist in London noch nicht offiziell vorgestellt, als Arsenal Xhaka eine Vertragsverlängerung um zwei Jahre bis 2023 anbietet. Xhaka muss nicht überlegen, er nimmt das Angebot vor der WM an. Zu seinem finanziellen Schaden ist es sicher nicht geworden. Er soll seinen Lohn von 9 auf 10 Millionen Franken gesteigert haben, pro Jahr.

Die Wertschätzung bei einem der zehn besten Clubs der Welt

Während der Sommerferien telefoniert er erstmals mit Emery und hört, dass er künftig einer von fünf möglichen Captains sei. «Und das bei einem der zehn besten Clubs weltweit», sagt Xhaka.

Die Rolle des Führungsspielers hat er in sich. Bei Mönchengladbach trug er schon mit 23 die Binde. Er tut es nun beim 5:1 von Arsenal über Fulham. Gegen Crystal Palace läuft der Stratege vom Mittelfeld ein zweites Mal als Linksverteidiger auf. Eine Degradierung? Nicht für Emery, er möchte, dass Xhaka wegen personeller Not da aushilft. Xhaka weiss, er könnte «der Böögg» sein, wenn es schiefgeht. Aber er versteht Emerys Bitte als Zeichen der Wertschätzung, dass er ihm auch das zutraut.

In der Pause dieses Spiels gegen den Stadtrivalen wird er vom Trainer gefragt: «Wieso übernimmst du nicht die Eckbälle und Freistösse?» Sechs Minuten in der zweiten Halbzeit verwandelt er einen Freistoss wunderbar und rennt quer über den Platz, um mit Emery abzuklatschen. Alle können sehen, welchen Respekt er für ihn empfindet.

Das war bei Arsène Wenger nicht anders. Wenger hatte ihn für 49,5 Millionen Franken aus Gladbach geholt und stets gegen alle Kritiken verteidigt – gerade gegen die bösartigsten, wenn es von TV-Experten oder Zeitungen wieder einmal hiess, er sei hirnlos, undiszipliniert oder dreckig in seinem Spiel.

«Die Erwartungen sind ja auch von mir selbst hoch.»

Granit Xhaka, Nationalspieler

Aber jetzt, mit Emery, ist Xhaka gefordert worden, seine Komfortzone zu verlassen und sich neu zu bestätigen. Und nun hat er einen «Boss», der seinen Spielern nicht einfach erklärt: Macht einmal, ihr könnt das schon. Nein, Emery ist ein detailversessener Ausbildner, wie Xhaka ihn mit Lucien Favre schon bei Gladbach erlebte. Die Videoanalyse gibt es fast täglich, es gibt sie am Spieltag nach dem Frühstück während 30 oder 45 Minuten und vor der Abfahrt ins Stadion nochmals.

Xhaka ist bei Arsenal immer der Spieler mit den meisten Ballkontakten gewesen, letzte Saison hatte er gar am meisten überhaupt in der Premier League. Den TV-Experten Stéphane Henchoz als aufmerksamen Beobachter des englischen Fussballs hat das nie beeindruckt, weil er zu viele Pässe sah, die ohne Risiko gespielt wurden, zu oft nur nach links oder rechts oder nur über ein paar wenige Meter.

Ach, sagt Xhaka, «wenn ich 120 Pässe spiele, wird gern von den 20 geredet, die nicht gut waren, und wenn zehn Leute etwas sagen, haben acht von ihnen das Spiel vermutlich nicht gesehen». Was nun die Kritik des früheren Nationalspielers Henchoz betrifft, hat sie ganz viel damit zu tun, was er bei Xhaka an Talent und Potenzial erkennt und was er deshalb von ihm an Leistung verlangt. «Die Erwartungen sind ja auch von mir selbst hoch», sagt Xhaka.

Das Raubein, das seine vielen Karten mit dem Psychologen analysierte

Schnell war er als Raubein verschrien, nachdem er schon bei Gladbach sechs Rote Karten abgeholt hatte. Der Ruf litt bei Arsenal in der ersten Saison wegen zwei Roten und zwölf Gelben Karten. Und er wurde mit zwölf Verwarnungen im zweiten Jahr nicht viel besser. Xhaka handelte und schaute sich mit dem Psychologen von Arsenal alle Karten an, wann und wo er ein Foul machte.

«Das Ergebnis war sehr erstaunlich», berichtet er. Die meisten Vergehen beging er zwischen der 60. und 80. Minute und ein paar Meter vor oder hinter der Mittellinie, also in einer meist ungefährlichen Zone. Und was ist die Lehre daraus? «Ich darf in keine Zweikämpfe mehr», scherzt er und lacht laut. Die eigentliche Lehre ist, er darf nicht mehr so schnell und unbedacht zu Boden gehen. Diesen Herbst steht er bei vier Verwarnungen in dreizehn Spielen. Der Schnitt ist noch nicht besser als in den ersten Saisons.

Auf 107 Einsätze kommt Xhaka für Arsenal bereits. Wer ihn im Stadion erlebt, spürt seine Präsenz, seine Lust, Verantwortung zu übernehmen. Sein Tackling, mit dem er Liverpools überragenden Sprinter Mohamed Salah im eigenen Strafraum bremst, ist grossartig – so grossartig, dass die Fans zum Applaudieren aufspringen und Emery die Faust in die Luft schlägt.

Xhaka hat seinen Anteil, dass Arsenal nach einem Fehlstart mit zwei Niederlagen seit 16 Spielen in Liga, Ligacup und Europa League ungeschlagen ist. Der Erfolg in der Premier League hat erste Priorität für den Verein. Nach der Länderspielpause folgen wegweisende Aufgaben gegen Bournemouth, Tottenham und Manchester United.

Heute ist noch der Match mit der Schweiz gegen Belgien. Mit Xhaka als Captain, der die Hymne mitsummt und sagt: «An Qualität fehlt es uns nicht.»

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