Der doppelte Konflikt

Xherdan Shaqiri tut sich schwer mit Nationalcoach Vladimir Petkovic – er hat das schon intern und schriftlich kommuniziert. Nun muss der Trainer handeln.

Ins Abseits manövriert: Xherdan Shaqiri (27) wünscht sich eine andere Position in der Team-Hierarchie. Foto: Reto Oeschger

Ins Abseits manövriert: Xherdan Shaqiri (27) wünscht sich eine andere Position in der Team-Hierarchie. Foto: Reto Oeschger

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Es war ein besonderer Tag damals in Kaliningrad, so unvergessen wie unvergesslich. Es war der 22. Juni 2018, die Schweiz besiegte Serbien 2:1, das Spiel war emotional aufgeladen wie kaum eines einer Schweizer Mannschaft. Granit Xhaka erzielte den Ausgleich und jubelte mit dem Doppeladler, Xherdan Shaqiri erzielte das Siegtor und jubelte mit dem Doppeladler. Die Schweiz war so gut wie im WM-Achtelfinal.

Seither ist vieles anders rund um die Nationalmannschaft.

Sie ist nie mehr richtig zur Ruhe gekommen. Das 5:2 im November gegen Belgien ist der Ausreisser gewesen, der einiges überdeckt hat, sportlich, führungsmässig.

Die sportliche Bilanz seit Kaliningrad ist mau: 4 Siege, 3 Unentschieden, 6 Niederlagen, wenn auch eine davon im Elfmeterschiessen. Das 1:1 am Donnerstag in Irland ist das vierte Spiel in Folge ohne Sieg gewesen.

Shaqiris Tor gegen Serbien. Video: SRF

Auch die Führung der Mannschaft erhält kein gutes Zeugnis: ein störender Schauplatz da, eine schwache Kommunikation dort. Pierluigi Tami ist dafür geholt worden, um es als vollamtlicher Direktor des Nationalteams besser zu machen als sein Vorgänger Claudio Sulser. Die erste Probe hat er nicht bestanden, weil offensichtlich auch er nicht erkannt hat, dass die Absage von Xherdan Shaqiri für die beiden EM-Qualifikationsspiele in Dublin und heute in Sitten gegen Gibraltar thematisch nicht nur heikel ist. Sondern schon fast ein Sprengsatz.

Das fehlende Sensorium von Tami und Petkovic

Am Freitag letzter Woche teilte der Verband in wenigen Worten mit, dass Shaqiri sich lieber auf seinen Club, den FC Liverpool, konzentriere. Mehr war da nicht. Das Problem war geboren, weil es fortan fast nur noch um Shaqiri gegangen ist, Shaqiri ist derzeit irgendwo, und in der Schweiz doch immer im Mittelpunkt. Vladimir Petkovic hätte vieles abwenden können, wenn er sich nicht erst am Montag dazu erklärt hätte, dass sich Shaqiri derzeit leer fühle, dass es ihm an Motivation fehle. Tami hat die Gefahr dieser Art der Kommunikation nicht erkannt, als Direktor ist er neu auch dafür zuständig.

Der freundliche Herr aus dem Tessin hat seit seiner Ernennung im Juni schon viele Gespräche geführt, um sich ein Bild von seinem Arbeitsumfeld zu machen. Da hätte er zwangsläufig auf einen Konflikt stossen müssen: jenen zwischen Petkovic und Shaqiri. Wenn nicht, hat er kein feines Sensorium.

Pierluigi Tami ist der Direktor des Nationalteams. Bild: Freshfocus

Denn dieser Konflikt hat sich schon länger deutlich aufgetan. Zum Beispiel unmittelbar nach der letzten WM, da liess Shaqiri intern kommunizieren, sogar schriftlich, dass er sich mit Petkovic schwertue. Und als die Mannschaft vor dem Start zur Nations League gegen Island zur Doppeladler-Aussprache zusammensass, fuhr er den Coach vor versammelter Runde an, dass er sich eine andere Position in der Hierarchie wünsche. Petkovic reagierte ruhig, nach dem Motto: Captain sei man nicht mit Worten, sondern mit Leistung.

Petkovic war 2014 zum Nachfolger von Ottmar Hitzfeld bestellt worden, weil der Verband ihm wegen seiner eigenen Jugend in Sarajevo zutraute, mit der kroatisch-kosovarisch geprägten Generation einfühlsam umgehen zu können. Im Fall von Valon Behrami liess ihn nach der WM dieses Gefühl arg im Stich. Behrami erklärte abrupt seinen Rücktritt. Und zu Shaqiri eben hat Petkovic nie den Draht gefunden, den Hitzfeld ­gehabt hatte.

So etwas mag es geben, unabhängig von den Wurzeln. Es tut dem Innenverhältnis dieser Mannschaft aber nicht gut, weil Shaqiri eben nicht die Führungsqualitäten von Stephan Lichtsteiner, Yann Sommer oder Granit Xhaka hat, sondern sich ganz gerne als Star versteht und das manchmal divenhaft auslebt. Ein Star war er zwar nicht bei Bayern München, und er ist es auch nicht in Liverpool, da ist er in der Hackordnung der Offensivspieler auf Platz 6 oder 7, aber in der Schweiz ist das anders: Hier ist keiner öfter thematisiert worden und keiner polarisierender als er. Er ist das Reizwort. Die Jugend liebt ihn gar.

Die Konkurrenz zwischen Xhaka und Shaqiri

Die Eitelkeit Shaqiris zeigt sich diese Woche, als er am Tag vor dem Spiel der Schweiz in Irland bei Instagram ein Foto postet. Das Foto zeigt seine vier Medaillen, die er mit Bayern München und Liverpool in der Champions League und im europäischen Supercup erhalten hat. Sein Beitrag dazu war klein. Aber er hat diese Medaillen – im Gegensatz zu Granit Xhaka.

Mit ihm teilt er zwar die Vergangenheit beim FC Basel, und zusammen haben sie 159 Einsätze für die Schweiz. Aber Xhaka und Shaqiri stehen auch in grosser Konkurrenz zueinander. Das hat mit ihren gemeinsamen kosovarischen Wurzeln zu tun, mit dem hierarchischen Denken, das gerade für Shaqiri eine Rolle spielt, weil er der Ältere ist.

Nach dem 1:1 in Dublin äusserte sich Xhaka zum Thema. Wenn die Captain-Frage wirklich das Problem sei, sagte er, dann könne Shaqiri das «Bändeli» gerne haben, «gar kein Problem, für mich spielt das gar keine Rolle». So redet einer, der auch ohne Captainbinde ein Leader ist. Das Problem ist nur, dass nicht er das entscheiden kann. Zum einen ist Lichtsteiner weiter der eigentliche Captain, zum anderen, vor allem das, hat Petkovic das letzte Wort.

Im Oktober kommt die Mannschaft das nächste Mal zusammen. Bis dahin hat Petkovic eine Aufgabe: Dafür reicht kein SMS, kein Telefon, kein Espresso in seinem geliebten Locarno. Dafür muss Petkovic etwas machen, was er zu selten tut. Er muss reisen. Zu Shaqiri nach Liverpool. Nur so lässt sich der Konflikt aus der Welt schaffen.


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Erstellt: 07.09.2019, 21:58 Uhr

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