Der Druck eines Aussenseiters

Kurz vor Beginn der WM-Qualifikation sind Hierarchie und Gerüst im Nationalteam gegeben – und doch bleiben wichtige Fragen in Abwehr und Angriff offen.

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Der Gegner heute heisst Kroatien und ist eine der spielstärksten Mannschaften Europas. Und im Hintergrund lauert das, was bloss dreieinhalb Wochen entfernt ist: der Beginn der Qualifikation für die WM 2014. Oder wie es Peter Knäbel, der Technische Direktor des Schweizer Verbandes, einmal gesagt hat: «Es ist eine WM! Brasilien! Gottfriedstutz! Alles reinwerfen und Vollgas geben!»

Darum sind die Schweizer im hochsommerlichen Split, um sich einzustimmen auf die ersten Aufgaben am 7. September in Slowenien und vier Tage später gegen Albanien. Kroatien hat die Klasse, um Ottmar Hitzfeld Aufschlüsse darüber zu geben, wo er zu Korrekturen ansetzen muss.

Für den Nationalcoach wird es die dritte Qualifikation sein. Vor vier Jahren kam er als Heilsbringer über die Fussballnation. Er störte sich an der allgemeinen Erwartungshaltung, sah prompt eine Mannschaft, die mit dem 2:2 in Israel und dem 1:2 gegen Luxemburg einen schweren Fehlstart produzierte, und führte sie dank einer Siegesserie trotzdem an die WM.

Die Tücken der kleinen Namen

Das Turnier in Südafrika wurde nicht zum Triumphzug, trotz des famosen Sieges gegen Spanien, und liess Zweifel am Trainer und an der Stärke des Teams zurück. Die gewachsene Skepsis war spürbar, als danach die Ausscheidung für die EM 2012 begann. Und wieder ging gleich alles schief - 1:3 gegen England, 0:1 in Montenegro. Diesmal konnte der früh angerichtete Schaden nicht mehr wettgemacht werden. Hitzfeld hatte die Bestätigung, dass sein Name allein Erfolge nicht garantiert.

Und jetzt lauern in der WM-Qualifikation Gegner, die alle keinen grossen Namen tragen und deshalb suggerieren, dass ein Scheitern gegen sie ein Versagen wäre. «Man darf nicht populistisch mitschwimmen und sagen: Wenn wir uns in dieser Gruppe nicht qualifizieren, wann dann überhaupt?», hat Knäbel auch gesagt.

Norwegen: Nummer 25 der Fifa-Rangliste. Slowenien: 33. Albanien: 74. Zypern: 123. Island: 130. «Slowenien, Albanien und die anderen», sagt Xherdan Shaqiri, so ehrgeizig wie unbeschwert, «die müssen wir besiegen.» Gökhan Inler sieht sich als Captain in der Rolle des Mahners, der «mit den jungen Spielern» über die Fehlstarts der zwei vergangenen Ausscheidungen reden und sie auf die drohenden Gefahren aufmerksam machen will. «Slowenien, da geht es los! Da müssen wir bereit sein», sagt er.

«Wir sind doch nicht Favorit»

Die Schweiz taucht auf Platz 23 der Weltrangliste auf. Dass sie deshalb in der Rolle des Favoriten ist, mag Hitzfeld nicht hören. «Wir sind doch nicht Favorit, nur weil man Norwegen oder Slowenien nicht kennt», erwidert er. Seine Argumentation ist so wenig überraschend wie nachvollziehbar: Seine Mannschaft hat in der Rolle des Aussenseiters immer besser gelebt.

Den Grossen kann sie trotzen, wie Spanien an der WM, wie Holland beim 0:0 letzten November, wie Deutschland beim 5:3 im Mai. «Gegen ganz starke Gegner sind wir noch motivierter», versucht Hitzfeld zu erklären, «da gehen wir an die Grenze der Belastbarkeit.» Es ist aber auch ein Fakt, dass sie sich «erfahrungsgemäss» (Hitzfeld) schwertun, wenn der Gegner nur verteidigt, wenn sie sich eben spielerische Lösungen ausdenken müssen.

Darin liegt die Tücke dieser Gruppenkonstellation, dieser Gegner ohne einschüchternden Palmarès. Gerade darum wird jedes einzelne Spiel für die Schweizer zur Reifeprüfung. «Jeder sagt, wir müssen gewinnen», erklärt Inler, «wichtig aber ist, dass wir in Slowenien bereit sind, dass wir ruhig bleiben und nicht nervös werden, wenn es einmal nicht so gut läuft.»Inler ist seit dem Rücktritt Alex Freis im Frühling letzten Jahres der Captain, der sich Mühe gibt, für die anderen da zu sein, der sie zusammen mit Diego Benaglio, Stefan Lichtsteiner und Tranquillo Barnetta führen will. Er sagt: «Eine Mannschaft muss gesund sein. Und diese Mannschaft ist gesund.»

Hitzfelds Pragmatismus

So wie die Hierarchie gegeben ist, so steht zumindest in der Theorie das Gerüst. Benaglio, Lichtsteiner, Senderos, Inler, Shaqiri, Xhaka, Barnetta und Derdiyok sind gesetzt, sofern sie denn fit sind. Gerade die Fälle von Philippe Senderos und Eren Derdiyok zeigen, wie verwundbar Hitzfelds Planungen sind. Im Moment fallen die beiden wieder einmal aus, der Abwehrchef wegen eines Haarrisses im Fuss, der Stürmer wegen einer Muskelzerrung. Der Coach zeigt sich bemüht, das pragmatisch zu sehen. «Das kann auch während der Qualifikation passieren», sagt er. Senderos wird, eine wundersame Heilung ausgeschlossen, im September weiterhin fehlen.

Im Abwehrzentrum testet Hitzfeld heute Johan Djourou und Steve von Bergen. Djourou wäre für ihn unbestritten, wenn er bei Arsenal mehr spielen würde. Deshalb hat er ihm zum Vereinswechsel geraten. «In den Ferien hat er sich verbessert», sagt Hitzfeld jetzt. Er versteht das als kleinen Scherz in einer delikaten Personalfrage. Denn auch mit den anderen Innenverteidigern im aktuellen Aufgebot ist ein Fragezeichen verbunden. Von Bergen (Genoa) und Affolter (Bremen) müssen sich in ihren Clubs erst beweisen.Inlers Partner heute heisst Valon Behrami. Und wenn er trotz seiner Kampfkraft nicht genügt, bieten sich Blerim Dzemaili und Gelson Fernandes als Alternativen an. Hier sieht Hitzfeld keine weiteren Probleme, eine gute Lösung zu finden. Auch Granit Xhaka ist da einsetzbar. Er aber läuft heute in der Rolle des Spielgestalters auf. Xherdan Shaqiri ist der Mann für alle Positionen im offensiven Mittelfeld, links, rechts, in der Mitte. Im Moment wird er auf rechts gebraucht. Wenn er Xhaka im Zentrum vertritt, kann Valentin Stocker die Lücke auf der Seite schliessen.Die entscheidende Frage heisst: Wer ist der zuverlässige Torschütze? Derdiyok soll, so hofft Hitzfeld, in diese Rolle hineinwachsen. Admir Mehmedi, Mario Gavranovic und Innocent Emeghara sind die Alternativen, Mehmedi erhält heute seine Chance zur Bewährung. Dabei gilt für alle vier: Es steht keiner im Verdacht, die Treffsicherheit eines Alex Frei zu besitzen. Das ist die grosse Schwäche dieser Schweizer Ausgabe.

Erstellt: 15.08.2012, 08:16 Uhr

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