«Der Druck im Fussball hat mich aufgefressen»

Per Mertesacker überraschte mit mutigen Aussagen die Fussballwelt. Das bringt ihm Respekt – und Kritik aus den eigenen Reihen.

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Per Mertesacker hat das geschafft, was sich Abertausende Kinder und Jugendliche auf der ganzen Welt erträumen. Er ist Weltmeister, deutscher und englischer Pokalsieger und Captain eines Vereins mit globaler Ausstrahlung, Arsenal London. Ja, Per Mertesacker hat es geschafft, aus der Kleinstadt Pattensen auf die grosse Bühne des Fussballs.

Und doch: Glücklich ist der gross gewachsene Innenverteidiger nicht. Zumindest nicht immer. Im Januar gab er im «Spiegel» ein ausführliches Interview, am Samstag wurde es veröffentlicht. Seither werfen Mertesackers Aussagen grosse Wellen, weil sie ehrlich sind, weil der 33-Jährige sich öffnet, wie es nur wenige Fussballer tun.

Mertesacker stellt zu Beginn gleich klar: «Das alles soll nicht weinerlich klingen, mir sind die Privilegien meines Lebens bewusst.» Dann spricht er mit dem «Spiegel» über den Erfolgsdruck, den sein Beruf mitbringt. Darüber, wie es ist, wenn man von Tausenden Menschen in den Stadien und Millionen vor dem Fernseher beobachtet wird. Über Brechreiz und Durchfall vor den Spielen.

«Der Druck hat mich aufgefressen»

Es sind Aussagen wie diese, die aufhorchen lassen: «Klar war ich auch enttäuscht, als wir gegen Italien im Halbfinal (der WM 2006) ausgeschieden sind, aber vor allem war ich erleichtert. Ich dachte nur: Es ist vorbei, endlich ist es vorbei.» Oder: «Der Druck hat mich aufgefressen. Dieses ständige Horrorszenario, einen Fehler zu machen, aus dem dann ein Tor entsteht.» Und: «Am liebsten sitze ich auf der Bank, noch lieber auf der Tribüne.»

Mertesackers Worte bringen ihm von vielen Seiten Respekt ein. Doch nicht alle freuen sich an seinen mutigen Sätzen, dem Verteidiger bläst seit der Veröffentlichung des Interviews ein steifer Wind entgegen. Auch von erfahrenen Berufskollegen, von Menschen, die das Fussballbusiness in- und auswendig kennen.

Einer davon ist Lothar Matthäus, Rekordspieler der deutschen Nationalmannschaft und heute Experte beim Bezahlsender Sky. Als solcher tut Matthäus seine Meinung gern kund. Er und seine Kollegen Reiner Calmund und Christoph Metzelder wurden am Samstag in der Bundesliga-Konferenz mit Mertesackers Aussagen konfrontiert. Und vor allem Matthäus übte starke Kritik: «Er hätte ja aufhören können, wenn der Druck so gross war.» «Loddar» störte sich auch an der Entscheidung, dass Mertesacker nach seinem Karriereende im Sommer im Nachwuchs von Arsenal tätig sein wird. «Wie will er einem jungen Spieler diese Professionalität vermitteln, wenn er sagt, dass da zu viel Druck ist? Das geht nicht», so Matthäus.

Matthäus wie Mertesacker

Die Sky-Expertenrunde wurde nicht nur in den sozialen Medien scharf kritisiert. Metzelder, wie Mertesacker Teil der Mannschaft, die im WM-Halbfinal gegen Italien ausschied, äusserte sich später über Twitter. Er und seine Kollegen seien «lediglich mit einem singulären Zitat konfrontiert worden, ohne das Interview in Gänze zu kennen». Das glättete die Wogen nur bedingt.

Was an der Kritik von Matthäus vor allem störte, war ein Interview, das der Experte selbst einmal gegeben hatte. Im Fussballmagazin «11 Freunde» wurde er vor vier Jahren gefragt, ob es motivierend oder eher eine Last war, ein sportliches Vorbild für eine ganze Generation von Nachwuchsfussballern zu sein. Die Antwort: «Es gab Momente in meiner Karriere, da bin ich an diesem Erwartungsdruck fast erstickt.» Könnte auch von Mertesacker sein.

Immer noch ein Tabu

Die Fussballwelt scheint noch nicht bereit dafür, dass gestandene Männer Schwächen offenbaren. Dabei ist das Thema gerade in Deutschland kein neues. Die Fälle von Robert Enke und Babak Rafati bleiben in Erinnerung. Ersterer hat sich nach einer langen Depression 2009 das Leben genommen. Auch er war deutscher Nationalspieler, auch er hat vermeintlich das erreicht, was viele Kinder und Jugendliche auch wollen. Und Rafati, ein ehemaliger Schiedsrichter, schnitt sich im November 2012 vor einem Bundesliga-Spiel die Pulsadern auf, sein Tod wurde durch das Eingreifen seiner Assistenten gerade noch verhindert.

Mit seinem bewegenden Interview will Per Mertesacker dafür sorgen, dass ähnliche Fälle in Zukunft ausbleiben. Er sagt: «Ich will etwas hinterlassen. Für die nachfolgenden Generationen.» Das tat er. Mertesacker hinterliess im «Spiegel» einen Einblick in die schonungslose Brutalität des Fussballs. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.03.2018, 12:00 Uhr

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