Der eiserne Fussballgott

Urs Fischer erlebt bei seinem Einstand als Trainer des 1. FC Union Berlin ein emotionales Comeback in seinem Beruf.

Endlich zurück auf dem Platz: Urs Fischer muss bei Union Berlin hohe Erwartungen erfüllen – der Start glückt. Foto: Pixathlon

Endlich zurück auf dem Platz: Urs Fischer muss bei Union Berlin hohe Erwartungen erfüllen – der Start glückt. Foto: Pixathlon

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Der Chef reisst die Arme hoch. Fällt seinen Assistenten in die Arme. Klatscht mit den Spielern ab. Strahlt. Atmet tief durch. Und geniesst.

Es ist laut im Stadion an der Alten Försterei in Köpenick, tief im Osten von Berlin, es herrscht eine wunderbare Stimmung, die Urs Fischer nicht kühl lassen kann. Er hat seine Premiere als Trainer von Union hinter sich, eine Premiere mit einem aufwühlenden Ende und der Gewissheit, nach dem 1:0 gegen Erzgebirge Aue angenehme Tage vor sich zu haben. Den Journalisten sagt er: «Eigentlich hatten nur wir etwas zu verlieren. Das hat die Aufgabe nicht einfacher gemacht.»

Als Fischer das mediale Pflichtprogramm bewältigt hat, kehrt er zurück ins Stadion, das inzwischen leer ist, setzt sich auf eine Treppe und erzählt, wie ­alles angefangen hat mit ihm und Union.

Die Pause hat ihm gut getan

Es ist nicht so, dass er im Winter schon gewusst hat, dass ihn die Reise nach Berlin führt. Aber der 52-Jährige ist bereit für den beruflichen Wiedereinstieg, nach halbjähriger Auszeit spürt er wieder, wie es kribbelt. Die Pause nach dem Ende der zwei Jahre beim FC Basel hat ihm gut getan, aber ihn zieht es zurück auf den Platz, ihm fehlen die Emotionen des Sports, den er so liebt. Als er vernimmt, dass es aus der 2. Bundesliga Interessenten gibt, verfolgt er in der Rückrunde die Spiele intensiver. Auf Ferien mit der Familie in den USA verzichtet er. Man weiss ja nie, was kommt.


Bilder: Urs Fischers Karriere


Allerdings muss sich Fischer gedulden, bis sich im Mai Union Berlin meldet. Er trifft sich mit Präsident Dirk Zingler und Sportdirektor Oliver Ruhnert, ist beeindruckt von der Infrastruktur («ganz hohes Niveau») und kommt zum Schluss: «Das passt, wir ticken auf der gleichen Wellenlänge.» Seine Frau ermuntert ihn: «Das musst du machen.»

Der Zürcher kennt Berlin von privaten Besuchen und einem einwöchigen Stage während seiner Uefa-Pro-Lizenz-Trainerausbildung, als er Lucien Favre bei Hertha Berlin zuschauen durfte. Fast ein Jahrzehnt ist es her. Jetzt taucht er selber in diese «riesige Stadt» ein.

Der Rucksack aus Basel

Er erhält einen Vertrag bis 2020 und hat weder zittrige Knie noch eine brüchige Stimme, als er sich im Juni erstmals nach über zwölf Monaten wieder vor eine Mannschaft stellt. Das ist vor allem den Erfahrungen und Erfolgen in ­Basel zu verdanken: «Beim FCB habe ich meinen Rucksack ­gefüllt. Das hilft.» Er verliert keine böse Silbe über Basel, über die Trennung: «Ich hatte meine Zeit da, und es war eine gute Zeit.»

Angefangen hat ein neues ­Kapitel. Und sein neuer Arbeitgeber ist nicht irgendeiner, sondern einer mit reicher Tradition und imposantem Rückhalt. Das zeigt sich nicht nur während der Meisterschaft. Als der Zweitligist in der Vorbereitung zu einem Testspiel zu den Queens Park Rangers nach London reist, begleiten 1500 Supporter das Team. Fischer fällt dazu nur ein Wort ein: «Wahnsinn.»

Die Fans konsumieren nicht einfach Fussball, sie bringen ­Opfer für Union. Als es vor bald zehn Jahren darum ging, die Alte Försterei um- und auszubauen, packten sie selber an. Hunderte von ihnen verbrachten ihre Ferien auf der Baustelle, «weil wir ein Herz für Union haben», sagt Olaf Gütling und klopft sich mit der flachen Hand auf die linke Brust, «wir sind alle ein bisschen verrückt». Er ist 57, Elektriker aus Ostberlin, Union bestimmt seine Agenda, in London war er auch, «natürlich», sagt er, «wenn wir schon mal da spielen, kann ich doch nicht fehlen».

Hohe Erwartungen

Gütling steht vor der Alten Försterei, Saisoneröffnung, Spieltag 1 von Fischer, Hoffnung auf eine schöne Zukunft nach einer ziemlich mühsamen Saison. Der Fan hat den Neuen nicht gekannt, bis er vorgestellt worden ist, aber das ist nebensächlich: «Wenn er sich mit Union identifiziert, wenn er sich mit uns Fans abgibt, dann ist alles gut.» Fischer selber hat in den Tagen wahrgenommen, wie vieles positiv ist, «vielleicht fast ein bisschen zu positiv», sagt er. Die Erwartungen sind hoch. Und Erwartungen erfüllen, das muss er.

Am Sonntagmorgen stimmt Fischer seine Spieler an einer Sitzung im Hotel auf den Nachmittag ein. Er sagt ihnen: «Entscheidend ist, was am Schluss auf dem Totomat steht.» Grosse Augen, fragende Blicke, er realisiert: Er wird nicht verstanden. Totomat? Was ist das denn? Der Schweizer wird vom Sportdirektor aufgeklärt, dass dieser Begriff in Deutschland unbekannt ist. Fischer lacht und prägt sich ein, dass «Anzeigetafel» passend ist: «Ich muss schon noch an meinem Hochdeutsch feilen.»

Das Stadion ist praktisch ausverkauft, 21’752 Zuschauer sind da, ein paar freie Plätze gibt es nur noch im Sektor der Gäste. Die Unioner sind die «Eisernen», der Name hat seinen Ursprung in einer Zeit, in der die Spieler als «Schlosserjungs» aus dem Industriegebiet Schöneweide bekannt waren. Der wohltuend sachliche Speaker liest die Aufstellung herunter, die Anhänger quittieren jeden Namen mit «Fussballgott!». Nach den Ersatzleuten folgt der Trainer, und auch er erhält dieses Etikett: ­Fischer ist ab jetzt auch ein eiserner Fussballgott.

Ein Schuss Romantik

Wenn es in der Welt des durchgestylten Fussballs mit den hochmodernen Arenen noch so etwas wie Romantik gibt, dann gehört dieser Ostberliner Fleck an der Wuhlheide in einem Waldgebiet dazu. Sitzplätze finden sich nur auf der Haupttribüne, aber wer will schon sitzen? Die Fans stehen. Und singen mit Inbrunst die Hymne von Nina Hagen mit: «Wer lässt sich nicht vom Westen kaufen? Eisern Union, Eisern Union / Den Sieg vor den Augen, den Blick weit nach vorn / Ziehn wir gemeinsam durch die Nation / Osten und Westen – Unser Berlin / Gemeinsam für Eisern Union /Eisern Union.»

Die sportliche Saisoneröffnung verläuft indes zäh. Aber Pfiffe? Raunen? Unzufriedenheit? Nicht doch, nicht hier bei den Eisernen. 0:0 nach der ersten Hälfte. Und in der Pause: keine künstliche Unterhaltung mit irgendwelchen Spielchen für die Zuschauer. Dafür erinnert der Stadionsprecher mit berührenden Worten an Union-Mitglieder, die in den vergangenen Wochen verstorben sind.

In der zweiten Hälfte springt Fischer von seinem Stuhl hoch, seine Arme wirbeln durch die Luft: «Vorwärts!» soll die Geste bedeuten, er wünscht mehr Offensivdrang, mehr Mut. Aber es geschieht: nichts. Nach 81 Minuten wechselt er Felix Kroos ein, den Bruder des deutschen Nationalspielers Toni. Sechs Minuten danach, Freistoss für Union. Kroos nimmt Anlauf. Und dann ist alles bis dahin Komplizierte, Unschöne, Mühsame vergessen. Der Ball fliegt über die Mauer ins Tor. Die Anzeigetafel wird manuell auf den neuesten Stand gebracht: Union 1 - Gast 0. An der Seitenlinie tänzelt das Maskottchen, eine Ritterfigur namens Keule, es schwingt den Morgenstern, und sitzen will jetzt keiner mehr, nur noch hüpfen und klatschen. Fischer registriert das sehr wohl, er sagt später: «Diese Leidenschaft, dieser Stolz für den Club, das ist grandios.»

Ausspannen beim Fischen

Für Fischer hat ein neues Kapitel gut begonnen. Das Hotel ist derzeit noch sein Zuhause, aber das soll sich bald ändern. Er sucht eine Wohnung in der Nähe seines Arbeitsorts, er will keine Zeit für lange Anfahrtswege verlieren. Und abschalten, das muss er vorderhand nicht mehr, und wenn er doch einmal einen Tag ohne Fussball verbringen will, zieht er sich mit seinem Assistenten Markus Hoffmann zum Fischen an einen Fluss zurück. «Da», sagt er, «gelingt es mir, alle Gedanken an Fussball auszublenden.»

Es ist mittlerweile Abend, aber nicht Feierabend. Fischer hat noch Arbeit vor sich, in seinem Büro schneidet er Sequenzen des ersten Spiels zusammen, um sie am anderen Morgen dem Team zu zeigen. Nach einem kurzen Heimatbesuch beginnt am Mittwoch die Vorbereitung auf den 1. FC Köln, die nächste Aufgabe.

Es fühlt sich gut an, wieder Verantwortung zu tragen, zu tüfteln, Gegner zu beobachten, die Gedanken lassen ihn von nun an nicht mehr los. Union ohne Unterbruch, Fussball total – «herrlich!», ruft er.

Urs Fischer ist zurück. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.08.2018, 12:25 Uhr

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