Der Fremde an der Linie

Wie nimmt der Coach während des Spiels Einfluss?

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Amboss oder Hammer?, fragt Bruno, und Luca schaut ihn verdutzt an. Was ist das für eine Begrüssung, sagt er im Bistro, und kaum hat er sich gesetzt, ­beginnt Bruno zu erzählen. Er war zuletzt zweimal eingeladen worden, zuerst zum Eishockey, zum vierten Spiel im Playoff-Halbfinal zwischen dem SCB und dem HCD. Er sass in der mächtigen Posfinance-Arena weit unten, gegenüber die imposante Stehrampe, und wenige Meter vor ihm die Berner Spielerbank, die Stimmung war grandios.

Bruno schaute oft nicht zum Puck, sondern immer wieder zum Trainer der Berner, Lars Leuenberger. Dem Mann, den sie Anfang Winter in der Not an die Bande gestellt hatten, dem sie aber nicht zutrauen, mehr als nur ein Nothelfer zu sein, den sie zwischenzeitlich wieder wegschicken wollten und der nun zum Glücksbringer wird, sie vielleicht gar zum Meistertitel führt.

Wenige Meter neben Leuenberger schrie und tobte und gestikulierte und bangte und lebte Arno Del Curto, der Vulkan; er aber, Leuenberger, ein kleiner Mann, mit schmalem Gesicht und sanftem Lächeln, stand meistens einfach da, die Arme am Körper, ein Notizblatt in der Hand, kauend, er sagte wenig, aber, so scheint es und denkt Bruno, zwischen ihm und seinen Spielern herrscht Harmonie und ­Zuneigung, sie ver­stehen sich, ohne grosse Gesten, nur mit eher liebevollen Anweisungen. Als die Berner in der Verlängerung das späte 3:2 schossen, hob ­Leuenberger den linken Arm, er strahlte, aber selbst in diesem Augenblick des Jubels schien er in sich zu ruhen, genoss, ­triumphierte aber nicht.

Einige Tage später, jetzt im Zürcher Letzigrund, Fussballländerspiel gegen Bosnien, wieder sass Bruno weit unten, der Rücken des Trainers, den er vor Augen hatte, gehörte diesmal Vladimir Petkovic. Auch er ist keiner, der Emotionen zeigt, keiner, der herumtigert, aber, so fragte sich Bruno, liegt es nur daran, dass ein Fussballtrainer im Gegensatz zu einem Coach im Eishockey während des Spiels weit weniger Einfluss ­nehmen kann? Die Distanz zwischen Pet­kovic und der Mannschaft scheint gross, ein Fremder an der Linie, stolz zwar, aber mit wenig Ausstrahlung. Und am nächsten Tag hörte Bruno überall, von Leuten, die sonst zum Fussball kaum eine Bemerkung machen: Ist er der Richtige, müsste er nicht ersetzt ­werden? Mit ihm gehe es doch nicht, an der EM, die vor der Tür steht.

Und jetzt eben die Frage: Amboss oder Hammer? Bruno hat es in diesen Tagen gelesen, und für den italienischen Nationalcoach Antonio Conte, im eigenen Land unbeliebt und nach dem 1:4 gegen die Deutschen verwünscht, ist die Antwort gegeben: «Man muss ja begreifen, ob man Amboss oder Hammer ist, aber der Nationaltrainer ist immer ein Amboss», derjenige also, der Schläge hinnimmt, und nicht ein Hammer ist, der Schläge austeilt.

Hat nicht, fragt Luca jetzt, Goethe einmal ein Gedicht zu dieser Frage geschrieben, er habe es im Kopf, er greift zum Handy, googelt, hier, sagt er, und liest die letzten Zeilen vor, «Ein Anderes» heisst das Gedicht:

Du musst steigen und sinken,
Du musst herrschen und gewinnen,
Oder dienen und verlieren,
Leiden oder triumphieren,Amboss oder Hammer sein.

Es braucht immer beides, sagt Bruno, einen Hammer und einen Amboss, leiden oder triumphieren. Und Luca zitiert noch eine Zeile aus dem Gedicht:

Nutze deine jungen Tage,
Lerne zeitig klüger sein.

Es wird zuletzt ein philosophischer Espresso-Morgen. Die beiden stehen auf und gehen.

Erstellt: 05.04.2016, 09:30 Uhr

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