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Der Gegenentwurf zu RB Leipzig

Union Berlin ist ein Club für Fussball-Romantiker – und ein heisser Anwärter auf den Aufstieg in die 1. Bundesliga. Die Geschichte eines kleinen Wunders.

Der fünfte Sieg in Serie: Am Freitag setzte sich Union beim FC St. Pauli mit 2.1 durch.
Der fünfte Sieg in Serie: Am Freitag setzte sich Union beim FC St. Pauli mit 2.1 durch.
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Der Baumeister des Erfolgs: Jens Keller, auf Schalke hart kritisiert, scheint perfekt nach Berlin zu passen.
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Getty Images
Legendär: Goalie Sven Beuckert feiert 2001 mit einer Pokalatrappe aus Karton den Finaleinzug.
Legendär: Goalie Sven Beuckert feiert 2001 mit einer Pokalatrappe aus Karton den Finaleinzug.
Reuters
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Fünf Siege in Serie, Clubrekord eingestellt, Platz 2 in der Tabelle: Union Berlin, zu DDR-Zeiten ein kleines Licht und bis 2009 noch drittklassig, hat beste Aussichten, im Sommer den Sprung ins deutsche Fussball-Oberhaus zu schaffen. Die Köpenicker wären der erste echte Ost-Verein seit dem inzwischen bis in die Regionalliga Nordost durchgereichten FC Energie Cottbus, dem dieses Kunststück gelingt. RB Leipzig, den in der eigenen Stadt inzwischen sehr beliebten Emporkömmling, sieht der Grossteil der ostdeutschen Fussballfans bekanntlich als Fremdkörper.

Union aber ist ein Club des Volks. Und ein Club mit Prinzipien. Als 2009 herauskam, dass der Chef des damaligen Hauptsponsors Verbindungen zur DDR-Staatssicherheit hatte, löste die Vereinsführung den eigentlich bis 2014 laufenden Vertrag auf. Union gingen so 10 Millionen Euro durch die Lappen, aber mit der Stasi wollte bei den Köpenickern niemand etwas zu tun haben.

Zu präsent sind bis heute die Erinnerungen an die Zeiten, als die besten Union-Spieler auf Befehl von Stasi-General und BFC-Dynamo-Fan Erich Mielke zum verhassten Ortsrivalen wechseln mussten, die Mannschaft von den Schiedsrichtern benachteiligt und nicht für den Europacup gemeldet wurde. Während der BFC Titel um Titel hamsterte, sammelten sich bei Union die kritischen Geister, der Club galt als Sammelbecken der Regimekritiker.

Fans leisteten 140'000 Arbeitsstunden fürs neue Stadion

«Eisern Union» lautet der Kosename der Anhänger für ihren Verein. «Eisern Union», das könnte auch als Motto durchgehen. Denn kaum ein Club in Deutschland hat so treue Fans wie die Berliner. Bestes Beispiel: Im schmucken Stadion an der alten Försterei stecken 140'000 Arbeitsstunden von rund 2000 freiwilligen Helfern.

Dass es Union heute so gut geht, hat darüber hinaus viel mit einer im Fussball seltenen Tugend zu tun: Geduld. Auch wenn die 1. Liga lockte, ging die Vereinsführung keine Wagnisse ein, sondern setzte auf eine kontinuierliche, nachhaltige Entwicklung. Sieben Jahre lang – von 2007 bis 2014 – sass mit dem heute bei Dynamo Dresden tätigen Uwe Neuhaus der gleiche Trainer auf der Bank der Berliner. Seit dem vergangenen Sommer wird Union nun von Jens Keller gecoacht, einem Mann, der zuvor viel einstecken musste.

«Kann mich bitte mal einer kneifen?»

Bei Schalke 04 war er der Sündenbock für alle und alles gewesen. Spielte die Mannschaft gut, hiess es, sie habe das trotz Keller getan, spielte sie schlecht, wies man dem Trainer die alleinige Schuld zu. Die Konsequenz: Keller musste im Oktober 2014 nach zwei Jahren gehen. Dass er mit 30 Siegen und elf Remis aus 57 Spielen eine deutlich besser Bilanz vorzuweisen hatte als alle, die nach ihm kamen, weiss kaum einer. Ihm selbst dürfte das inzwischen egal sein, wird er in Berlin doch als Baumeister des Erfolgs gefeiert. «Trainer Jens Keller findet in Köpenick endlich die Ruhe, die er auf Schalke nicht bekommen hat», schrieb die «Süddeutsche Zeitung».

Gelingt Keller tatsächlich der Sprung in Liga 1, hat er gute Chancen bald noch mehr verehrt zuwerden, als einst der brasilianische Stürmer Daniel Teixeira, der Union in der letzten Dekade mit seinen Toren zu zwei Aufstiegen und 2001 sogar ins Endspiel um den DFB-Pokal schoss. «Union präsentiert sich wie ein Aufsteiger», befand die ARD-«Sportschau» nach dem Berliner 2:1-Auswärtssieg gegen den FC St. Pauli am Freitagabend. «Kann mich bitte mal einer kneifen? Langsam wird das echt unheimlich. Unheimlich schön!», heisst es im «Berliner Kurier». Und was sagt Keller? «Wenn ein Express fährt und schnell sein soll, darf man nicht auf die Bremse drücken.»

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