Der Kaiser ist nackt

Lusche Deals, schwarze Kassen: Franz Beckenbauer stürzt gerade in Zeitlupe vom Sockel. Und bleibt doch ein Idol. Wie macht er das nur?

Er verzauberte Deutschland schon als junger Mann: Franz Beckenbauer 1964. Foto: Ullstein Bild

Er verzauberte Deutschland schon als junger Mann: Franz Beckenbauer 1964. Foto: Ullstein Bild

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Der Franz hat gesagt, dass alles sauber war.» Es klingt wie ein Märchen, erzählen tut es Wolfgang Niersbach vom Deutschen Fussball-Bund (DFB), mit sieben Millionen Mitgliedern der grösste Sportverband der Welt. Er soll dubiose Millionenzahlungen erklären, mit denen Deutschland angeblich sein «Sommermärchen» gekauft hat, die zum Wiederauferstehungsmythos gewordenen Weltmeisterschaften 2006. Um herauszufinden, wie es wirklich war, lädt Niersbach nicht die Angeschuldigten vor oder beauftragt unabhängige Ermittler. Nein, er wallfahrt zu Franz Beckenbauer nach Salzburg, um den Erlöser zu fragen, wie er es sieht, und sich selber zugleich von etwaigen Sünden reinzu­waschen. «Der Franz hat gesagt, dass alles sauber war»: Diese Absolution bringt Niersbach als Reliquie zurück. Samt einigen unausgegorenen Theorien über die Gelder, die ein paar Tage später im Kreuzverhör der Medien zerplatzen wie Seifen­blasen und den Präsidenten gedemütigt und ­geschlagen zurücklassen. Willkommen im Lande des Kaisers und seines Hofs.

Von Franz Beckenbauer wird gesagt, er leuchte im Dunklen, so sehr strahle sein Charisma. Aber nun ist da etwas Dunkles, das wächst und sein Licht verschattet, immer mehr. Der vermeintlich Unantastbare, Erhabene steht im Zentrum dieser deutschen Affäre, unanständig konkret. Offenbar gibt es einen Schuldschein über 10 Millionen Franken, der auf seinen Namen ausgestellt ist. Dieses Geld soll der damalige Chef des Sportartikelgiganten Adidas den Deutschen geliehen haben, um die WM 2006 ins Land zu holen, so die Darstellung des «Spiegels». Und ganz Deutschland fragt sich: Bleibt nun erstmals etwas am Kaiser hängen? Wird sein Trikot, das inmitten allen Getümmels stets blütenweiss prangte, erstmals besudelt? Verschlingt ihn nun das Wasser, über das er normalerweise verlässlich wandelt? Stürzt der letzte Monarch endlich krachend vom Thron? Jetzt will er aussagen

An den Fakten gemessen, die Bestechung und Bestechlichkeit nahelegen, ist die Zeit gekommen. Selbst wenn im Moment noch niemand genau weiss, was passiert ist – ausser der Kaiser natürlich. Laut eigener Aussage stand Beckenbauer gestern Abend in München der externen Untersuchungskommission des DFB Rede und Antwort. Und wiederholte dort, was er schon gegenüber Niersbach sagte: dass alles sauber war. «Es wurden keine Stimmen gekauft», liess er sich zitieren.

An Fakten haben sich Beckenbauer und seine Verehrer allerdings nie lang aufgehalten. Lieber feiern sie sein 70-jähriges Lebenswerk der Makellosigkeit, stricken am Märchen, nähren den Mythos. «Die Leute haben eine Sehnsucht danach, dass beim Kaiser alles in Ordnung ist», sagt Alfred Draxler, Beckenbauers mächtigster Claqueur von der millionenfach gelesenen «Bild»-Zeitung.

Die Spinne im Beziehungsnetz des Skandals

Beckenbauer ist die Schlüsselfigur der sogenannten DFB-Affäre, in deren Mitte ein Haufen schwarzes Geld steht – eben jene 10 Millionen Schweizer Franken oder 6,7 Millionen Euro, von denen niemand zu sagen wagt, wofür sie verwendet wurden. Der Kaiser ist die Spinne im Beziehungsnetz des Skandals, weil er den offiziellen Auftrag hatte, die WM 2006 nach Deutschland zu ­holen. Und weil er zu diesem Zweck mit den Mächtigsten der Fussballwelt «unter vier Augen» jenes ­Geben und Nehmen pflegte, für das das Milieu ­mittlerweile berüchtigt ist.

Beckenbauer sagte Niersbach, das Geld habe der DFB an den Weltverband Fifa bezahlen müssen, um später im Gegenzug Zuschüsse an die WM in der Höhe von 250 Millionen Franken zu erhalten. Den Deal habe er mit Fifa-Präsident Sepp Blatter persönlich ausgehandelt. Blatter dementiert («Nie im Leben habe ich von Beckenbauer Geld verlangt»), die Fifa auch. War das Geld also doch dafür bestimmt, die vier asiatischen Stimmen im Exekutivkomitee der Fifa zu kaufen, die Deutschland im Wettbewerb mit Südafrika im Frühsommer 2000 noch fehlten? Oder aber diente das Geld in Wahrheit gar als schwarze Kasse für den erbitterten Kampf um Blatters Wiederwahl 2002? Rätsel über Rätsel.

Aus heiterem Himmel kommen die Vorwürfe nicht. Im vergangenen Jahr hat Beckenbauer den Triumph des deutschen Teams an der WM in Brasilien verpasst, weil er von der Fifa für 90 Tage gesperrt gewesen war. Er hatte zuvor einen Fragenkatalog der Ethikkommission ignoriert, angeblich «weil der in so einem Juristenenglisch» formuliert gewesen sei, wie er unnachahmlich feixte. Ex-Staatsanwalt Michael J. Garcia ermittelte im Auftrag der Fifa über Korruption bei der Vergabe der WM 2018/22 an Russland und Katar. Beckenbauer, der bald nach dieser Vergabe aus dem Wahlgremium zurücktrat, war durch Medienenthüllungen ins Zwielicht geraten. Kurz nach der Wahl von Russland wirkte er auf einmal als hoch dotierter Lobbyist der russischen Gasproduzenten. Zum Dank? Kurz vor der Wahl Katars besuchte er den dortigen Emir, was nach den Regeln der Fifa verboten ist. Kurz danach kehrte er als Lobbyist für eine deutsche Anlagegesellschaft dorthin zurück, auf der Suche nach Investoren. Immer an seiner Seite, auch im DFB-Skandal, sein treuer Berater Fedor Radmann. Beobachter beschreiben ihn als gerissen und skrupellos, als Mann fürs Grobe, als einen, der sich die Finger schmutzig macht an Dingen, die ein Kaiser nicht einmal mit spitzen Fingern anfasst. Als Schutzschild.

«Eine positive Verschwörung»

Die unschönen Vorkommnisse um die WM-Vergabe 2018/22 sind freilich fast eine Lappalie im Vergleich zum Millionenrätsel um die deutsche WM. Dass der «Fussball-Kanzler» sie ins Land geholt und zu einem gewaltigen Erfolg gemacht hatte, sah er selber als seinen grössten Sieg – grösser als die Weltmeistertitel als Spieler (1974) und Trainer (1990) und alle Pokale und Ehren dazu. «Zum ersten Mal in meinem Leben wollte ich was», sagte er rückblickend. «Zuvor war es ja immer so, dass die Leute zu mir kamen und etwas von mir wollten.» Beckenbauer wollte die WM, und um sie zu bekommen, musste er auch Leute überzeugen, die sich dafür nachweislich bezahlen liessen. Um sein grösstes Ziel zu erreichen, mobilisierte er seinen ganzen Clan. Adidas, den Konzern, dem er schon als Spieler treu war, mit seinen Kontakten und Millionen. Den Münchner Medienmagnaten Leo Kirch, auf dessen TV-Bezahlsendern er Spiele kommentierte, und der sagte, mit einer WM in Deutschland verdiene er 250 Millionen mehr als mit einer WM in Afrika. Den FC Bayern, dessen Präsident er war, und mit dessen Freundschaftsspielen man wunderbar Sportpolitik betreiben konnte. Und die grosse Politik (Kanzler Gerhard Schröder) und die kleine (die bayerische CSU), die willig sekundierten. «Es war wie eine positive Verschwörung», sagt einer, der die Protagonisten von nahe kennt.

Beckenbauer, ein Mischler, ein Verschwörer? Warum nicht. Der bekannteste und verehrteste Deutsche der Gegenwart hatte immer schon eine Doppelexistenz geführt. Auf der einen Seite die Lichtgestalt des Fussballs, das Glückskind, der Liebling der Götter. Er verzauberte Deutschland schon als junger Mann, weil er Fussball gerade nicht wie ein Deutscher spielte, sondern eher wie ein Brasilianer: mit unerhörter Leichtigkeit und Eleganz, lässig bis hin zur Nonchalance, dabei jederzeit souverän und mit aufrechter Noblesse. Der «Spiegel» nannte ihn den «deutschen Beatle», weil er ganz alleine dafür gesorgt habe, dass deutsche Männer, junge und alte, in den 70-er Jahren auf einmal anders gingen, wenn sie ihn hatten spielen sehen, lockerer in der Hüfte, den Rücken ein Stück aufrechter. «Der Libero aus Giesing machte die Deutschen ein Stück mutiger, individueller, freier.» Dafür verehrt ihn das Land noch immer.

Auf der anderen Seite, im Schatten, wirkte aber von allem Anfang an ein anderer Beckenbauer. Der gewiefte Geschäftsmann des globalen Fussballbusiness, ein eigentlicher «Kaiser Midas», der alles in Gold verwandelte, was er anfasste. Schlau beraten, hatte er immer die höchstdotierten Verträge, schon als Spieler, dann als Werbeträger im Fernsehen, der häufiger in deutschen Wohnstuben gastierte als die Mainzelmännchen. Seine Aura öffnete alle Türen, überall auf der Welt, und hinter diesen Türen machten immer viele Leute viel Geld, auch für den Monarchen selber fiel stets etwas ab. Genug jedenfalls, dass er früh Schwierigkeiten mit dem Fiskus hatte, in Deutschland, wo er 1977 fast zwei Millionen Mark nachzahlen musste, später in der Schweiz. Nun lebt er schon lange in Österreich.

Locker über jede Peinlichkeit hinweg

Die Unschönheiten seiner schattigen Seite haben Beckenbauer bis heute nie wirklich geschadet. Sein phänomenales Kommunikationstalent liess ihn über jede Peinlichkeit locker hinweggehen. Als er sagte, er habe in Katar «keinen Sklaven gesehen», lachte die Welt über ihn, aber übel nahmen ihm den Spruch nur wenige. Seine barocken Familienverhältnisse mit fünf Kindern von drei Frauen entschuldigten auch katholisch Linientreue mit der Bemerkung: «Mei, der Franz . . .» Der Trainer Otto Rehhagel sagte: «Wenn der Franz behauptet, dass der Ball sechseckig ist, jubeln alle: Endlich sagt es mal einer.»

Der Franz darf alles, dem Franz verzeiht man alles. Aber nur ihm, dem unschuldigen Kind, dessen Naivität, Furchtlosigkeit, Lockerheit besticht. «Was ist Franz Beckenbauer, wenn nicht die Ausnahme von allem», schrieb die «Süddeutsche Zeitung» letztes Jahr. Eine wahrhaft magische Figur. Und der Publizist Oskar Beck sagte dieses Jahr zum Siebzig­sten: «Die Fussballwelt hat die Leichtigkeit seines Spiels geliebt, warum sollte sie jetzt die Leichtigkeit seines Seins verdammen?»

Beckenbauers bestes Kunststück war immer schon der Lupfer heraus aus dem Gewühl. So ein Lupfer ist jetzt wieder nötig, wegen der Schatten des schwarzen Geldes, des ominösen Schuldscheins. Vielleicht müsste der Kaiser einfach auftreten und sagen: «Jo mei, so war das halt damals, wenn man Weltmeisterschaften haben wollte. Und hat es sich nicht gelohnt?» Kann sein, dass er einmal mehr davonkommen würde, weil wir alle ihn davonkommen lassen wollen, immer noch. Ämter, die er niederlegen müsste, hat er längst keine mehr, und er braucht auch keine. Der Fifa schuldet er nichts mehr, strafrechtlich sind die Vorwürfe verjährt. In seiner Mühelosigkeit, sich dem Irdischen zu entziehen, sei der Franz eine verführerisch unwirkliche Figur, schrieb die «Zeit», kurz bevor der DFB nun im Skandal unterging. Selbst danach trifft es wahrscheinlich noch zu. Der Kaiser ist unsterblich, es lebe der Kaiser.

Erstellt: 26.10.2015, 23:06 Uhr

Artikel zum Thema

Das Vermächtnis des Funktionärs

Porträt DFB-Chef Wolfgang Niersbach stammelte 39 Minuten. Mehr...

«Ich habe niemals Geld von Beckenbauer verlangt»

Sepp Blatter schaltet sich in die Kontroverse um die WM-Vergabe 2006 ein – und dementiert die Aussagen des DFB. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Die Welt in Bildern

In allen Farben: Die Saint Mary's Kathedrale in Sydney erstrahlt in ihrem Weihnachtskleid. (9. Dezember 2019)
(Bild: Steven Saphore) Mehr...