Der Meister strebt nach Höherem

Die Young Boys starten gegen Servette in die Saison. Sportlich und wirtschaftlich läuft es ihnen glänzend. Und doch gibt es ein Projekt, das für sie existenziell ist.

Fototermin bei YB: Sportchef Christoph Spycher (im Anzug) hat wieder einen guten Mix gefunden.

Fototermin bei YB: Sportchef Christoph Spycher (im Anzug) hat wieder einen guten Mix gefunden. Bild: Urs Lindt/freshfocus

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Irgendwann sagt Hanspeter Kienberger: «Es geht um mehr als Titel. Es geht darum, dass wir unsere Werte pflegen und unser Geschäftsmodell konsequent verfolgen.» Kienberger ist Präsident der Young Boys, viele kennen ihn nicht, es stört den 57-Jährigen keineswegs. Der Treuhänder ist diskret, ruhig, zurückhaltend, im Gespräch im Restaurant Eleven im Stade de Suisse wiegt er seine Worte ab, antwortet nüchtern, vermeidet es, euphorisch zu sein.

Das ist gar nicht so einfach. Schliesslich befindet sich YB in der wohl erfolgreichsten Phase der Vereinsgeschichte. Sportlich als Dominator der Super League, wirtschaftlich mit dem besten Ergebnis in der 121-jährigen Historie: 80 Millionen Franken Umsatz, 17,4 Millionen Gewinn 2018. «Wir haben eine Verpflichtung den grosszügigen Besitzerfamilien Rihs gegenüber», sagt Kienberger. «Sie haben unsere Verluste jahrelang mit Darlehen gedeckt.»

Das ist nicht lange her. Bis im Herbst 2016 irrlichterte auch YB mit Misswirtschaft und Ungeduld durch den Alltag, seither aber stehen die Berner als leuchtendes Beispiel, wie man einen Fussballbetrieb erfolgreich und profitabel führt. Seit Christoph Spycher als Sportchef installiert worden ist.

Die Trainer der Super-League-Clubs:

Die Aufgaben sind klar verteilt, niemand nimmt sich zu wichtig. Dafür steht kaum einer mehr als Kienberger. Er sagt: «Fussball ist ein emotionales, teilweise unberechenbares Geschäft. Deshalb ist es besonders wichtig, vernünftige Entscheidungen zu treffen.» Das gelingt den Bernern vortrefflich. Selbst den heftigen personellen Kaderumbruch haben sie - zumindest auf dem Papier - weitsichtig moderiert. Trotz Wegfalls von mehr als der halben Stammelf startet der Meister heute zu Hause gegen Aufsteiger Servette als Titelfavorit.

Wenn man sich im Stade de Suisse aufhält, fühlt man sich wie auf einer Insel der Glückseligkeit. Die Ligakonkurrenten übertreffen sich mit hausgemachten Krisen, YB geht unbeirrt seinen Weg. Und arbeitet mit Elan an der Zukunft. Am Tisch im Eleven sitzt nun auch Stadion-CEO Wanja Greuel, Typ Hansdampf-in-allen-Gassen. Jung, wie die meisten Entscheidungsträger, 41 wie Spycher und bald Trainer Gerardo Seoane. Er hat viele Ideen, spricht mit Begeisterung von Projekten wie der vertieften Digitalisierung und der besseren Interaktion mit den Fans, dem innovativen Ticketingsystem ab 2020 und der modernen Social-Media-Strategie.

19 000 Saisonabos, 500 Sponsoren, fast 30 Millionen Transfererlös

«Im Erfolg darf man nicht satt werden», sagt Greuel. Kürzlich weilte er wieder in Deutschland, Anschauungsunterricht in der Bundesliga. «Es gibt noch viel zu verbessern», sagt er. Trotz knapp 19 000 verkaufter Saisonkarten, rund 500 Partnern im Sponsoringbereich, über 25 000 Zuschauern im Schnitt, trotz erneuten Transfereinnahmen von fast 30 Millionen Franken. Es ist ein Rekordwert nach dem anderen.

Die Fallhöhe für die Young Boys ist beträchtlich. Doch es fehlt ihnen nicht an Visionen. Sie betrachten etwa ein Trainingszentrum mit vier Feldern auf der Allmend, gegenüber des Stadions, als fast existenziell. Dann würde im Stade de Suisse wieder ein Naturrasen verlegt, auf dem Länderspiele ausgetragen werden könnten. Die Infrastruktur ist ein grosses Thema. Greuel sagt: «Im Vergleich zu den Clubs in Europa, mit denen wir im Kampf um junge Fussballer in Konkurrenz stehen, können wir punkto Trainingsbedingungen wenig bieten.»

Aber obwohl YB gerade unheimlich viel Goodwill in der Stadt Bern besitzt, ist der Bau der Anlage politisch umstritten. Es geht um Zonenplanänderungen, Anwohnerschutz, Allmendrechte für jeden, für Baseballer, Hündeler, Spaziergänger. «Es hat Platz für alle», sagt Greuel. Und: «Mein Traum ist es, die Eröffnung des Zentrums als CEO zu erleben.» Das wäre frühestens 2025.

Die Transfers der Super-League-Clubs:

Basis aller Pläne ist ohnehin der Erfolg auf dem Rasen. Und die Baumeister sehen ihre Arbeit nicht als beendet: Spycher widerstand im Frühling Avancen des Schweizerischen Fussballverbands, Trainer Gerardo Seoane Anfragen aus der Bundesliga. «Wir möchten den Verein so aufstellen, dass er langfristig selbsttragend sein kann», sagt Spycher. «Zwei, drei gute Jahre reichen nicht.»

Bei ihm laufen alle Fäden zusammen. Spycher ist freundlich und bescheiden, kann aber knallhart und fordernd sein. Seit Sommer steht ihm mit dem 29-jährigen Patrik Schuler ein Assistent zur Seite. Zum inneren Zirkel gehören auch Chefscout Stéphane Chapuisat, Verwaltungsrat Ernst Graf, Ausbildungschef Gérard Castella. «Bei uns machen viele einen ausgezeichneten Job», sagt Spycher. «Das ist keine One-Man-Show.»

Allerdings hat sich der Sportchef in Bern längst einen Heiligenstatus erarbeitet. Es gibt das geflügelte Wort: «In Wuschu we trust.» Das Vertrauen in Wuschu, wie Spycher schon als Bub genannt wurde, ist schier grenzenlos. Vermutlich könnte er selbst ein Comeback des 50-jährigen Chapuisats im Angriff als Chance für YB verkaufen. Spycher, der frühere Wirtschaftsgymnasiast mit der hohen Sozialkompetenz, ist der Idealtyp eines modernen Sportchefs. Die Kaderzusammenstellung ist stimmig, es hat jede Menge polyvalente Spieler, was Seoane nach Lust und Laune im Systembaukasten experimentieren lässt.

Der Mix aus Routiniers wie Torjäger Guillaume Hoarau, Techniker Miralem Sulejmani und Zugang Fabian Lustenberger sowie entwicklungsfähigen Fussballern, die teilweise wie Saidy Janko und Vincent Sierro im Ausland gescheitert sind, passt erneut. «Wir haben uns bei jungen Spielern einen guten Ruf erarbeitet», sagt Spycher. «Es geht immer darum, dem Fussballer ein Projekt aufzuzeigen.» Reifen können und sollen die Talente - und dann für eine respektable Ablösesumme in eine Topliga weiterziehen. Dieses Geschäftsmodell ist laut Spycher alternativlos.

Die spürbare Lust des Trainers am personellen Grossumbau im Kader

Der Sportchef scheut sich nicht, mutige Entscheidungen zu treffen. Wie vor einem Jahr, als er den Abgang des routinierten Meistertrainers Adi Hütter zu Frankfurt mit Seoane auffing, der erst ein paar Monate Super-League-Erfahrung bei Luzern besass. Nun ist auch Seoane ein Meistertrainer. YB ist unter ihm variabler geworden und schwieriger auszurechnen. Seoane hinterlässt kurz vor dem Saisonstart einen frischen Eindruck, nicht nur wegen der Sommerfrisur. Und er wirkt lockerer.

Den umfassenden Kaderumbau geht Seoane lustvoll an, er sagt, nach den Erfolgen sei es notwendig gewesen, neue Akzente zu setzen. «Es entwickelt sich eine andere Dynamik. Und noch bleibt uns ein Monat Zeit bis zu den englischen Wochen mit Europacupspielen.»

Ob YB erneut die Champions League erreicht, entscheidet sich Ende August im Playoff. Der Gegner ist noch nicht bekannt. Aber es klingt wie ein Versprechen, wenn Spycher für seine Verhältnisse kühn ankündigt: «Wir haben wieder eine spannende Mannschaft.»



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Erstellt: 21.07.2019, 12:02 Uhr

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