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Der Napoleon der Liga

Christian Constantin hat über Jahre wilde Geschichten geschrieben. Mit seiner Attacke auf Rolf Fringer hat er jedes Augenmass verloren.

Aufnahmen zeigen das Ende des Vorfalls zwischen Constantin und Fringer. Video: Teleclub/Tamedia

Christian Constantin sass in seinem Stuhl, in einer Ecke lauerte der ausgestopfte Wolf, der eine Zeit lang zu seinem Büroinventar gehörte. Constantin hörte sich die Frage an und lachte dann schallend los, bevor er sagte: «Ja, ja, immer voll drauflos, die Deutschschweizer.»

Ob als Gott, Rocker oder Schiedsrichter: Christian Constantin eckt mit seinen Auftritten immer wieder an. Video: FC Sion/Tamedia

Die Frage war gewesen: «Sind Sie der Sonnenkönig? Oder einfach nur der Verrückte vom Wallis?» Ende 2008 war das für ein Porträt über Constantin im «Tages-Anzeiger». Der Titel hiess: «Eine Lokomotive, die alle einschüchtert.»

Constantin war zwischen 1992 und 1997 erstmals Präsident des FC Sion gewesen. Er hinterliess danach 13,4 Millionen Franken Schulden. Kehrte 2003 ins Amt zurück, als der Club dem nächsten Bankrott entgegentaumelte. Verhinderte als Erstes gerichtlich den von der Liga angeordneten Zwangsabstieg in die 1. Liga. Und attackierte im Dezember 2004 nach einem Cupspiel Sions in Kriens den Schiedsrichter Markus von Känel. «Ein Tritt in den Unterleib» war es für von Känel. «Ein Unfall», hielt Constantin dagegen. Das Amtsgericht Luzern-Land belegte ihn mit einer bedingten Geldstrafe von 24'500 Franken. Er fühlte sich kriminalisiert.

Gewaltig viel Gegenwind für Christian Constantin nach dem tätlichen Angriff auf Teleclub-Experte Rolf Fringer. Der Sion-Präsident ist ein bunter Hund (mit ausgestopftem Wolf im Büro) und war sich im Laufe seiner Funktionärskarriere für keine Eskapade zu schade. Ist er nun zu weit gegangen?
Gewaltig viel Gegenwind für Christian Constantin nach dem tätlichen Angriff auf Teleclub-Experte Rolf Fringer. Der Sion-Präsident ist ein bunter Hund (mit ausgestopftem Wolf im Büro) und war sich im Laufe seiner Funktionärskarriere für keine Eskapade zu schade. Ist er nun zu weit gegangen?
Keystone
So kennen wir CC: mit Sonnenbrille, protzig, prahlend. Der Ferrari-Fan besitzt einen eigenen Privatjet, mit dem er selbst in der Schweiz auch schon zu Auswärtsspielen geflogen ist. Er ist ungefähr dreihundertfacher Millionär und Vater von drei Kindern.
So kennen wir CC: mit Sonnenbrille, protzig, prahlend. Der Ferrari-Fan besitzt einen eigenen Privatjet, mit dem er selbst in der Schweiz auch schon zu Auswärtsspielen geflogen ist. Er ist ungefähr dreihundertfacher Millionär und Vater von drei Kindern.
Keystone
Sion-Trainer Raimondo Ponte,  links, und Sion-Präsident Christian Constantin, rechts, fotografiert beim Fussball-Meisterschaftsspiel zwischen dem FC Aarau und dem FC Sion, am Samstag, 22. März 2014 in Aarau. (Keystone/Urs Flueeler)
Sion-Trainer Raimondo Ponte, links, und Sion-Präsident Christian Constantin, rechts, fotografiert beim Fussball-Meisterschaftsspiel zwischen dem FC Aarau und dem FC Sion, am Samstag, 22. März 2014 in Aarau. (Keystone/Urs Flueeler)
Keystone
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Es ist diese Geschichte, die er bis zum heutigen Tag nicht wirklich los geworden ist – und die jetzt erst recht wieder ans Licht gezerrt wird: nach diesem Skandal in Lugano, den Ohrfeigen und Tritten gegen Rolf Fringer. Der Experte des Teleclubs hat ihn als Narzisst bezeichnet, der null Empathie habe und nur für sich schaue. Dabei hat es schon Schlimmeres über Constantin zu lesen gegeben, er ist schon als «Amok der Liga» bezeichnet worden.

«Mein Image ist mir egal»

Constantins Reaktion im Cornaredo passt so gar nicht zu dem, was er über die Jahre schon so alles behauptet hat. Zu Sätzen wie: «Was in den Zeitungen über mich steht, ist mir egal. Ich lese nie etwas.» Oder wie: «Mein Image ist mir egal.» Das hat seinen Anwalt aber auch schon nicht daran gehindert, einen Beschwerdebrief zu schreiben, wenn angebliche Fehlinformationen über Constantin in einer Zeitung standen.

An gewissen Tagen lässt sich durchaus sagen, dass Constantin Unterhaltungswert hat. Wenn er an der Sauerkrautgala seines FC Sion den Napoleon spielt oder Don Christiano und dann eine Million Franken oder mehr einnimmt. Wenn er den früheren SVP-Staatsrat Oskar Freysinger zur Aussage verleitet: «Wer als Walliser nicht ein bisschen spinnt, ist kein richtiger Walliser.» Ja, dann ist er sogar umgänglich.

Und es gibt andere Tage, Tage, wie sie im Frühjahr vergangenen Jahres kein Ende mehr nehmen wollten. An denen Constantin den Schiedsrichter Sascha Amhof diffamiert und ihm Käuflichkeit unterstellt, weil er auf eine Schwalbe des YB-Spielers Sulejmani hereingefallen ist. An denen er nicht mehr einfach im lustigen, sondern im pathologischen Sinn verrückt ist. An denen er dem Fussball nur schadet. An denen er das Ungeheuerliche wagt und 25'000 Franken als Belohnung aussetzt, um Beweise für seine Anschuldigungen gegen Amhof zu finden.

Attacke vor laufender Kamera: Sion-Boss attackiert TV-Experte Rolf Fringer.
Attacke vor laufender Kamera: Sion-Boss attackiert TV-Experte Rolf Fringer.
Screenshot Teleclub
Fringer, der als Experte für Teleclub im Einsatz war, wurde von Constantin umgestossen und ins Gesicht geschlagen.
Fringer, der als Experte für Teleclub im Einsatz war, wurde von Constantin umgestossen und ins Gesicht geschlagen.
Screenshot Teleclub
Constantin und Fringer sind schon früher verbal aneinandergeraten. Hier ein Bild aus dem Jahr 2010, als Fringer noch Luzern-Trainer war.
Constantin und Fringer sind schon früher verbal aneinandergeraten. Hier ein Bild aus dem Jahr 2010, als Fringer noch Luzern-Trainer war.
Keystone
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Die Swiss Football League brauchte damals Tage, bis sie in einem Communiqué von einem «nicht tolerierbaren Angriff auf die grundlegenden Werte des Sports» sprach. Der Vorgang war einmalig im Schweizer Fussball. Constantin aber wurde nicht gesperrt, wie sich das gehört hätte.

Er hat sich alles geleistet. Oder zumindest vieles. Er stellte eigene Spieler an den Pranger, weil sie nächtelang in Montreux im Casino gezockt haben sollen. Die Informationen bezog er von Kontaktleuten im Casino (deshalb entliess er Aleksandar Mitreski und Antonio Dos Santos). Er warf Geoffrey Serey Die vor, bis 6 Uhr morgens unterwegs gewesen zu sein (der Verdacht liess sich nicht erhärten). Einmal griff er in der Kabine Adel Chedli an, weil der sich nicht für seine Pausenansprache interessierte. Uli Stielike, einem seiner vielen Trainer, die er über die Jahre verbrauchte, hielt er vor, «verwahrlost» zu sein.

Der Druck der Fifa

Nicht alle liessen sich gleich alles gefallen. Xavier Margairaz stieg im Mai 2013, in einem Spiel gegen GC eben ausgewechselt, die paar Tritte zu Constantins Tribünenplatz hoch und wollte ihm an den Kragen. «Jetzt siehst du, was du angerichtet hast», schleuderte er ihm entgegen, weil Sion dabei war, 0:4 zu verlieren. «Scheisstyp» nannte er ihn auch. Constantin reagierte gelassen: Ihm sei lieber, einer sage ihm die Meinung, als dass er ihm hinterrücks das Messer in den Rücken stosse. Nur für Fringer gilt diese Grossmütigkeit nicht mehr.

Einmal, ein einziges Mal, kam Constantin als Präsident mit seinem Gebaren nicht durch. 2011, zwei Tage vor Neujahr, belegte der Schweizerische Fussballverband den FC Sion mit 36 Punkten Abzug. Der Verband spürte die Fifa im Nacken, weil Constantin im Sommer davor sechs Spieler verpflichtet hatte, obschon er einem Transferbann unterlag. Constantin wollte zwar durch alle Instanzen gegen diesen Entscheid ankämpfen, er nannte auf dem Weg zu dem, was er als Gerechtigkeit empfand, den damaligen Uefa-Präsidenten Michel Platini «einen Hofnarr» (und stand lachend auch dazu). Aber er kam nicht durch. Sion verlor die 36 Punkte und die Chance, mit dem FC Basel ernsthaft um den Titel zu kämpfen.

Constantin wurde im vergangenen November 60 Jahre alt. In einem Interview zu seinem Geburtstag sagt er, er besitze den wahren Reichtum des Lebens: die Gesundheit. Er kommt offenbar ganz nach seinem Vater, einem gelernten Maurer, der heute noch, 86-jährig, sechs Tage die Woche von morgens 5 Uhr bis abends 9 Uhr irgendetwas für sich werkelt. Auch Constantin befällt kaum einmal Müdigkeit. «Das hängt von dem hier ab», erklärt er und tippt sich an den Kopf, «wer keine Leidenschaft mehr hat, wird müde, und wer müde wird, der stirbt.» Seine Statur ist sehr kräftig.

Wie Jesus

Er duzt jeden. «Ecoute», sagt er gerne, um Antworten einzuleiten, hör zu. Wenn er Zwieback isst, geht das nicht, ohne eine Verwüstung zu hinterlassen. Wenn er die Nase putzt, braucht er dafür notfalls eine halbe Toilettenrolle. Wenn er rechnet, was er bereits für seinen FC Sion ausgegeben hat, kommt er auf 80 oder so Millionen Franken. «Verrückt? Nein, verrückt bin ich nicht», sagt er, «aber speziell… Ja, das bin ich sicher.» Einmal hat er auch gesagt: «Selbst Jesus wurde nicht nur geliebt. Am Ende haben sie ihn ans Kreuz genagelt.» Worauf das Fussballmagazin «Zwölf» gefolgert hat: «Keiner zu klein, um nicht mit CC verglichen zu werden.» CC ist Constantins Branchenkürzel.

In jungen Jahren war er ein mittelmässiger Goalie bei Xamax und Lugano. Mit 22 begann er, ein Architekturunternehmen aufzubauen. 60 Mitarbeiter führt er heute in Martigny in der schmucklosen Überbauung Porte d’Octodure, wo alles untergebracht ist: sein Büro wie der Sitz seines Vereins. Er ist ungefähr dreihundertfacher Millionär, Vater von drei Kindern, Ferrari-Liebhaber und Besitzer eines Privatjets, er ist mit Sion einmal Meister und siebenmal Cupsieger geworden. Er hat einen Hang zur Unpünktlichkeit. Ihn selbst kümmert sie nicht weiter. So wenig wie ihn kümmert, dass er schon 45-mal den Trainer gewechselt hat. Wer es übrigens vergessen hat: Der aktuelle heisst Paolo Tramezzani.

12'000 Franken gespendet

Constantin hat sich während der Jahre mit den eigenen Fans angelegt, um sie zur Räson zu bringen. Er liess jene aus Basel einmal gratis ins Stadion, weil er so versuchen wollte, sie zu befrieden. Die Basler wollten das Geschenk nicht, sammelten 12'000 Franken und gaben sie Constantin. Der spendete das Geld für die Renovation des Hospizes auf dem Grossen St. Bernhard. Auch das ist er. Eigenwillig, wo ihn die Haut anfasst.

Jüngst hat er in der «SonntagsZeitung» gesagt: «Wir sind auf der Erde nur Mieter und müssen alle sterben. Das stellt uns vor die Frage: Wollen wir hier einfach auf den Tod warten – oder unsere kurze Zeit nutzen und das Beste daraus machen? Ich würde mich jedenfalls langweilen, wenn ich nichts täte.»

Manchmal wäre es besser, viel besser, er würde weniger machen. Wie an diesem Donnerstagabend, als er, den typisch langen Schal um den Hals geschwungen, auf den früheren Nationaltrainer Fringer losging. Und nach den Schlägen und Tritten sagte: «Es hat mir gutgetan.»

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