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Der Nationalspieler und seine Aschenputtel-Geschichte

Als 9-Jähriger kam er nach Winterthur, heute spielt er für die Schweiz. Admir Mehmedi ist ein Beispiel für gelungene Integration im Fussball.

Admir Mehmedi über seine ersten Schritte als Neunjähriger in Winterthur ohne Deutschkenntnisse. Video: Stephan Hermann

Er sprach nur Albanisch und Italienisch, er hatte das Gefühl, die anderen redeten über ihn, verstand sie aber nicht – «es war eine harte Zeit». Das sagt Admir Mehmedi, einst mit der Familie aus Mazedonien nach Bellinzona ausgewandert, dann mit neun nach Winterthur gezogen. Er besuchte darauf mit seinem Vater das Training des FCW, wo der Vater den Trainer fragte, ob der kleine Admir mitspielen könne, er sei sehr talentiert.

Mehmedi spielte bald mit, fand durch den Fussball Kollegen und lernte schnell die Sprache. «Das war perfekt für mich.» Heute hat er einen Platz im Nationalteam. Es ist die Aschenputtel-Geschichte, die alle Integrationsbeauftragten gerne erzählen.

«Es gibt Regeln, die man befolgen muss»

Mehmedi schildert seine Geschichte im Rahmen der Kampagne «Together» der Swiss Football League (SFL), der Schweizerischen Flüchtlingshilfe, des Staatssekretariats für Migration sowie des UNO-Hochkommissariats für Flüchtlinge. Die Kampagne rückt Migration und Begegnung ins Zentrum. Der Filmemacher Stephan Hermann hat das Projekt in Kurzfilmen verarbeitet und damit nun einen Preis gewonnen, den Civis – Europas Medienpreis für Migration, Integration und kulturelle Vielfalt.

Entstanden sind prägnante und ästhetische Videos (hier zur Übersicht). Sie zeigen die Integrationskraft des Fussballs sowie das Ziel der Clubs, über die Stadiongrenzen hinaus Impulse zu setzen.

So sagt Mehmedis Jugendtrainer Acciarito: «Fussball ist wie das echte Leben, man kann nicht einfach seinen Kopf durchsetzen. Es gibt einen Trainer, es gibt Regeln, die man befolgen muss. Da kommt es auch nicht drauf an, aus welchem Land man kommt.»

Das Projekt zeigt, wie in der Thuner Stockhorn-Arena Flüchtlinge erst auf dem Platz trainieren und dann bei einem Tor der Profis auf der Tribüne entzückt aufspringen; es zeigt das Basler Projekt in Jordanien, das zusammen mit englischen, deutschen und österreichischen Clubs Trainer im Flüchtlingscamp ausbildet; und es zeigt die Bemühungen im Juniorenfussball, Immigranten in die Teams zu integrieren.

In der U-11 von Wohlen wird Hochdeutsch gesprochen. Video: Stephan Hermann

«Wir versuchen mit den frisch in die Schweiz gekommenen Kindern Hochdeutsch zu sprechen», sagt Alp Gürsu, U-11-Trainer von Wohlen. Er war einst selbst als Fünfjähriger der einzige Ausländer in der Fussballmannschaft, heute will er sein Wissen weitergeben. «Wenn ein Ball im Spiel ist, dann funktionierts», sagt Gürsu.

Die Clubs machten freiwillig mit

Die Integrations-Kampagne hat ihren Ursprung im Kopf von Thomas Gander. Der ehemalige Fanarbeiter wirkt seit 2015 als Verantwortlicher für Corporate Social Responsibility (CSR) bei der SFL. Eine Abteilung, die sich um die gesellschaftliche Verantwortung des Fussballs kümmert und deren Namensvettern in der Wirtschaftswelt gerne als PR-Stuben bezeichnet werden. Das provoziert Fragen. Was ist am Projekt nachhaltig? Und was unterscheidet «Together» von einer Imagekampagne?

«Wir haben Kontakte geknüpft und Projekte lanciert, die über die Kampagne hinausreichen», sagt Gander. So habe das Projekt die Flüchtlingshilfe, das UNCHR, die Liga sowie das SEM (Staatssekretariat für Migration) zusammengebracht. Zudem arbeitet künftig das Bundesamt für Sport bei Integrationsfragen enger mit dem Fussballverband zusammen.

Gander betont, dass die Clubs freiwillig mitgemacht hätten. Der 41-Jährige hat im Vorfeld der Kampagne bei deutschen Clubs vorbeigeschaut und von Ihnen mitbekommen: «Biete mehr Inhalt als nur eine Plakat-Aktion, und sag den Vereinen nicht, was sie zu tun hätten. Es soll von ihnen kommen.» Also liess Gander den Clubs freie Hand. Viele Projekte der Vereine seien zudem bereits unabhängig von der Kampagne am Laufen gewesen - und werden weiterlaufen.

Die Vorbilder kommen aus Deutschland und England

«Tu Gutes und sprich nicht darüber», hat Matthäus vor Tausenden Jahren aufgeschrieben. Im Bereich CSR wird der Satz zu «Tu Gutes und sprich darüber». Etwas, das der ehemalige Sozialarbeiter Gander gar nicht erst abstreiten will. «Gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen ist keine Selbstverständlichkeit. Darum ist es gut, wenn hier der Fussball mit seiner Kraft ein Vorbildfunktion übernehmen kann»

Diese ist gross. Einerseits wegen der Medienpräsenz, andererseits weil Integration in den Vereinen als selbstverständlich gilt. Im 34-Mann-Kader der Nationalmannschaft haben 18 Spieler ausländische Wurzeln. In der Schweiz gibt es 1450 Fussballvereine mit rund 300'000 aktiven Mitgliedern. Jeder zweite Verein hat mindestens 40 Prozent Mitglieder mit Migrationshintergrund.

Ein Blick nach Deutschland zeigt, dass dort das Verständnis für die soziale Verantwortung von Fussballclubs breiter gestreut und auch grösser ist. In England und Italien unterhalten die Clubs gar Stiftungen, die in den sozialen Bereichen wie Bildung fast schon die Rolle des Staats übernehmen. Diese Länder sind denn auch die Vorbilder von Gander. Er sagt aber: «Im Vergleich zu ähnlich grossen Ländern stehen wir gut da.»

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